Eine Frau wird stundenlang geschlagen und vergewaltigt. Sie ist Russin, der Täter hat nach Aussage des Opfers wie ein Asiate ausgesehen. In der kleinen Ortschaft Pobeda im Nordwesten Russlands ist es deshalb vor einigen Tagen zu einer Art Volksaufstand gekommen: Mehrere Hunderte Einheimische rotteten sich nach dem Bekanntwerden der Vergewaltigung zusammen, machten Jagd auf alle, die „asiatisch“ aussahen, und sperrten eine Straße, um Polizei und Behörden zum Handeln zu zwingen.
In Pobeda leben seit Jahren einige hundert „Asiaten“, vorwiegend Usbeken. Sie hausen laut Berichten aus dem Ort im finnisch-russischen Grenzgebiet unter lebensunwürdigen Umständen in Garagen und Waldhütten. Die meisten von ihnen sind illegal aus Zentralasien nach Russland eingewandert, um der Armut in ihren Heimatstaaten zu entkommen.
Ein Konflikt bricht aus
Den legalen Migranten geht es indes kaum besser als den illegalen: In Pobeda haben sich die Arbeitskräfte aus Zentralasien für Hungerlöhne von höchstens 3000 Rubeln (etwa 77 Euro) verdingt. Eine Hühnerfabrik heuerte sie an, weil die ursprünglichen Einwohner der Ortschaft für so wenig Geld nicht mehr arbeiten wollten. Dass die Fremden in ihrer Not das halsabschneiderische Angebot der Fabrikleitung annahmen, wollten die Russen in Pobeda indes auch nicht hinnehmen. Die Vergewaltigung der Frau war nur der Anlass dafür, dass seit langem schwelende Konflikte in offenes Aufbegehren umschlugen.
Das Geschehen in Pobeda erinnert an die Vorkommnisse in der ebenfalls in Nordwestrussland gelegenen Kleinstadt Kondopoga vor sechs Jahren: Dort war es nach einer Schlägerei zwischen Russen und Zuwanderern aus dem Kaukasus in einem Café, bei der zwei Russen getötet wurden, zu Ausschreitungen gekommen, derer die Sicherheitskräfte nur mit Mühe Herr werden konnten. „Kondopoga“ in Russland war danach lange ein Synonym für die wachsende Gefahr gewaltsamer Auseinandersetzungen mit ethnischem Hintergrund. Dass Russen und Zuwanderer in Massenschlägereien aufeinanderprallen, geschieht immer wieder.
Angst vor Andersartigkeit
In Kondopoga ging es damals darum, dass die Kaukasier angeblich die Macht über Märkte und Cafés der Stadt an sich reißen wollten - dahinter steckten indes nicht nur soziale, sondern auch kulturelle Konflikte. Auch in Pobeda waren Not und sozial bedingter Hass auf die billigen Arbeitskräfte aus Zentralasien nicht der einzige Faktor, der zur Explosion der Gewalt beitrug.
Sozialwissenschaftler würden wahrscheinlich davon sprechen, dass sich in Pobeda Angst vor Überfremdung durch kulturell und religiös Andersartiges Bahn brach, was um ein Haar in massenhafte Lynchjustiz ausgeartet wäre, wenn die Polizei am Ende nicht eingegriffen - und einige Dutzend illegaler Migranten festgenommen hätte. Die Einheimischen fanden ganz einfache Worte für das, was sie immer mehr erzürnt hatte. „Die Fremden wollten uns ihre Ordnung aus Zentralasien aufzwingen“, sagte einer der Einwohner von Pobeda einem russischen Journalisten. Die muslimischen Zuwanderer seien immer zahlreicher und dreister geworden, hätten sich den Russen gegenüber „herausfordernd und aggressiv“ verhalten und die russischen Frauen belästigt.
Verschiedene Wertvorstellungen
Dazu kommt es auch in anderen Gegenden Russlands immer wieder, weil Frauen, die sich „nicht muslimisch kleiden“, den meist ungebildeten muslimische Zuwanderern aus den ländlichen Gebieten Zentralasiens als sexuelles Freiwild gelten. Den Einheimischen von Pobeda scheint die Vergewaltigung einer Russin durch einen muslimischen Zentralasiaten - die zweite binnen kurzer Zeit in der Gegend - denn auch als Folge des Aufeinanderprallens unterschiedlicher Lebensweisen und Wertvorstellungen zu sein.
Der Gebietsgouverneur Aleksandr Drosdenko versprach wenigstens in einer Hinsicht Abhilfe. Er wolle die Wälder nach illegalen Migranten durchkämmen lassen. Von der Moskauer Zentrale verlangte er, den Städten und Landkreisen die Möglichkeiten für die Schaffung einer Fremdenpolizei zu geben, die einem ortsansässigen „Sheriff“ unterstehen solle.
Kosakenschutz in Grenzgebieten
In Krasnodar im Süden Russlands hatte Gouverneur Aleksandr Tkatschow Anfang August einen anderen Einfall, um „illegale Migration“ zu verhindern. Er wolle Kosaken aufbieten, um die illegale Landnahme zu verhindern, die von den benachbarten Nordkaukasusrepubliken der Russländischen Föderation ausgehe. Noch sei das angrenzende Gebiet Stawropol eine Pufferzone zwischen dem Nordkaukasus und Krasnodar. Aber in Stawropol eigneten sich die Kaukasier bereits illegal immer mehr Land an, und die Russen fühlten sich dort in ihrer eigenen Heimat deshalb bereits unbehaglich. Nach Auseinandersetzungen zwischen Russen und Tschetschenen waren dort bereits vor zwei Jahren die ersten Kosakenpatrouillen gemeinsam mit der Polizei Streife gegangen.
“Wir kommen als nächste an die Reihe, wenn wir nichts unternehmen“, wurde Tkatschow nun zitiert. Deshalb sollen auch in Krasnodar Kosakenpatrouillen die Polizei unterstützen und begleiten, unbewaffnet zwar, aber „Kosaken seien nicht so sehr durch die gesetzlichen Vorschriften und durch die Menschenrechtsstandards eingeengt wie die Polizei“.
Kritik von Liberalen
Moskauer Liberale sahen wohl bereits vor ihrem geistigen Auge berittene Kosakenabteilungen mit Säbel (oder Gewehren) und Knute die russländischen Staatsbürger aus dem Nordkaukasus hetzen. Auf jeden Fall hagelte es Proteste gegen Tkatschow, dem vorgeworfen wurde, dass er nur von seinem Versagen bei der jüngsten Hochwasserkatastrophe ablenken wolle. Die Äußerungen des Gebietschefs seien eine Anstachelung zum Hass zwischen den Ethnien im Vielvölkerstaat Russland und müssten bestraft werden.
Am Mittwoch wurde die Debatte dadurch wieder belebt, dass bekannt wurde, dass angetrunkene Kaukasier schon am Sonntag Russen in einer Vorstadt von Krasnodar angegriffen hatten. Die Opfer wurden von den Tätern - wahrscheinlich von Tschetschenen - übel zugerichtet. Diese hatten gedroht, die ganze Siedlung abzuschlachten, bevor sie wieder abzogen.
In Pobeda, im Nordwesten Russlands, ging es bei den Auseinandersetzungen vor einigen Tagen um den Konflikt mit Ausländern aus Zentralasien, die zum Zweck des Sozialdumpings von einem habgierigen Arbeitgeber missbraucht wurden. In Südrussland geht es um Landnahme und Zuwanderung, um Binnenwanderung von Nordkaukasiern von einem Gebiet der Föderation in ein anderes. Im ersten Fall wurde über die Einführung der Visumpflicht nachgedacht, im zweiten darüber, die Meldepflicht zu verschärfen. Der gemeinsame Nenner ist jedoch die zunehmende Fremdheit der Kulturen im Vielvölkerstaat Russland, die jederzeit in Unversöhnlichkeit und Hass zwischen Muslimen und orthodoxen Christen umschlagen können. Dagegen hat die Führung in Moskau noch kein Mittel gefunden.
Größter globaler Konfliktherd
Christoph Rohde (prediger1)
- 16.08.2012, 14:30 Uhr
Nicht nur in Russland!
Manfred Nerlinger (Kah7)
- 16.08.2012, 14:10 Uhr
Warnung an Europa
Peter Just (PeterJust)
- 16.08.2012, 12:32 Uhr
Also gibt es in Russland...
Kurt Tergast (Kurgast)
- 16.08.2012, 12:25 Uhr
unbemerkt und illegal?
Florian Baier (lovcen)
- 16.08.2012, 11:27 Uhr
