03.08.2008 · Er wurde wegen fünfundzwanzigfachen Mordes zu insgesamt 3129 Jahren Haft verurteilt - und kam doch nach 21 Jahren frei. Nun will José Ignacio de Juana Chaos „Schriftsteller“ werden - und zieht in die Nachbarschaft vieler Opfer des Eta-Terrors.
Von Leo Wieland, MadridDie Bürger und Besucher der schönen baskischen Hafenstadt San Sebastián müssen sich darauf gefasst machen, fortan auf der Strandpromenade um die „Concha“ gelegentlich auch einem Massenmörder zu begegnen. Besonderes Pech haben die Anwohner des Vorstadtviertels Amara. Denn dort dürfte José Ignacio de Juana Chaos nach der Entlassung aus dem Gefängnis am Wochenende nun in die Wohnung seiner Frau einziehen. In der Avenida Carlos I. sind drei Nachbarn Witwen, drei Waisen und einer ein ehemaliger Entführter - allesamt Opfer der Terrororganisation Eta.
Der inzwischen 52 Jahre alte de Juana kann sich rühmen in der vierzigjährigen Geschichte der Bande einer der erfolgreichsten Attentäter gewesen zu sein. Der Anführer des „Kommandos Madrid“, der eine Weile lang sogar der autonomen baskischen Polizei Ertzaintza angehörte, beging seine Verbrechen Mitte der achtziger Jahre. Er wurde gefasst und wegen fünfundzwanzigfachen Mordes zu insgesamt 3129 Jahren Haft verurteilt. Die meisten seiner Opfer waren Polizisten und Soldaten. Aber es war auch ein Chauffeur dabei und ein amerikanischer Jogger, der an einem Madrider Morgen zur falschen Zeit am falschen Ort war, als de Juana unter einem vorbeifahrenden Bus der Guardia Civil eine Bombe zündete.
Anschläge feierte er mit Champagner
Als er am Samstag nach nur 21 Jahren Freiheitsentzug aus der Haftanstalt von Aranjuez entlassen wurde, spielte ein feines Lächeln um seine Lippen. Ganz Spanien erinnerte sich bei diesem Anblick an den berüchtigtsten Ausspruch des „Etarra“ über die Familien der Toten: „Ihre Tränen sind unsere Freude.“ Ihn pflegte er auch im Gefängnis jedes Mal zu wiederholen, wenn seinen Komplizen draußen wieder ein Anschlag gelungen war. Das feierte er in seiner Zelle dann mit Champagner.
De Juana ist frei, weil er noch nach einem alten Gesetz aus der Franco-Zeit verurteilt wurde, welches auch in extremen Fällen maximal achtzehn Jahre als „lebenslänglich“ dekretierte. Bei ihm kamen - trotz erpresserischer Hungerstreiks - schließlich noch drei Jahre hinzu, weil er noch aus dem Gefängnis als freier Mitarbeiter einer Zeitschrift für Eta-Sympathisanten schriftliche Drohungen gegen Richter und andere formulierte. Obwohl er nie ein Wort der Reue fand, erhielt er Hafterleichterungen wegen angeblicher guter Führung und der Ausbildung zu einem „Krankenpfleger“. Die Fernkurszeugnisse wurden ihm offenbar von wohlgesinnten Lehrkräften im Baskenland „geschenkt“. Nun will er, wie er sagte, „Schriftsteller“ werden.
So sieht man sich täglich
Die Tränen kamen am Entlassungstag wieder aus den Augen der Opfer. In San Sebastián und in Madrid versammelten sich an zwei Tatorten die Angehörigen und beklagten, dass die Gesetzgeber in ihrer Langsamkeit es noch nicht einmal verhinderten, dass die Mörder in unmittelbarer Nachbarschaft einziehen können. Das ist in einer nahen baskischen Gemeinde auch bei Pilar Elías so. Kandido Azpiazu, der einst ihren Mann umgebracht hat, eröffnete nach seiner Entlassung ausgerechnet im Untergeschoss ihres Wohnhauses einen Porzellanladen. So sieht man sich täglich.
Dass de Juana den Freunden von Eta unverändert eine Freude ist, zeigte sich am Wochenende in der Altstadt von San Sebastián, wo ein paar hundert Mitglieder der radikalnationalistischen Szene ihren „Freiheitskämpfer“ hochleben ließen und Zettel mit der Aufschrift „Ongi Etorri“ (Herzlich willkommen) an die Fassaden klebten. Der Geehrte war, weil die spanische Regierung ihn vor Beleidigungen der Opfer gewarnt hatte, nicht anwesend. In einer Grußbotschaft teilte er aber mit, dass er ja selbst auch nur ein „Opfer“ sei, nämlich eines der beiden „Unterdrückerstaaten“ Spanien und Frankreich.
Ich bin sicher
Christian Roigk (Dubai1)
- 03.08.2008, 16:07 Uhr
Leo Wieland Jahrgang 1950, politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel, Marokko und Tunesien mit Sitz in Madrid.
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