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Eta „Ihre Tränen sind meine Freude“

09.01.2005 ·  Der Eta-Terrorist de Juana Chaos bestellte noch 1998 im Gefängnis Langusten, Champagner und Torte, um einen Mord seiner Organisation zu feiern. Jetzt soll er wegen guter Führung gentlassen werden.

Von Leo Wieland, Vitoria
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José Ignacio de Juana Chaos hatte Chaos und Verderben verbreitet wie kaum ein anderer Eta-Terrorist. Die Blutspur des baskischen Attentäters zog sich durch die achtziger Jahre mit fünfundzwanzig Toten und zahlreichen Verletzten. Dafür wurde er zu insgesamt mehr als dreitausend Jahren Haft verurteilt. Wegen „guter Führung“ soll er nun aber im Februar nach nur achtzehn Jahren Buße freigelassen werden - wenn nicht noch etwas dazwischenkommt.

De Juana ist kein reuiger Häftling. Im Gegenteil. Auch im Gefängnis feierte er jede Mordtat seiner Bande, die sich eben „im Krieg“ mit dem spanischen „Besatzungsstaat“ befinde. Über die Hinterbliebenen der Opfer schrieb er in einem Brief: „Ihre Tränen sind meine Freude.“ Als Eta im Jahr 1998 in Pamplona, der Hauptstadt von Navarra, einen Lokalpolitiker umbrachte, verlangte er von seinem Gefängnisdirektor in der spanischen Enklave Melilla mit einer handschriftlichen Notiz ein Kilo Langusten, eine Flasche Champagner und eine Torte.

Langusten, Champagner und Torte geordert

Seine „gute Führung“ bestand im wesentlichen darin, daß er sich für einen Fortbildungskurs eintrug, ohne jemals irgendeine Prüfung abzulegen. Aber nach dem im Jahr 1973 - noch zwei Jahre vor dem Tod des Diktators Franco - in Kraft getretenen Strafgesetzbuch würden die dadurch erworbenen Bonustage ausreichen, um die maximal zulässige Haftzeit von dreißig auf achtzehn Jahre zu verringern.

Das demokratische Spanien hat das Strafrecht, insbesondere hinsichtlich des Terrorismus, unterdessen verschärft. Aber die neuen Gesetze aus dem Jahr 1995, die 2003 in Kraft traten und für Mörder vom Schlage de Juanas jetzt vierzig Jahre Haft mit geringerer Aussicht auf vorzeitige Entlassung vorsehen, sind nach einem Urteil des Verfassungsgerichts nicht „rückwirkend“ anwendbar. So steht zwischen der Freilassung und eventuellem weiterem „präventivem Gewahrsam“ - wie er gegenwärtig auf verdächtige Islamisten wegen der Madrider Attentate vom 11. März angewendet wird - nur sein eigenes Verhalten.

Empörung bei Opfern und Polizeigewerkschaft

An diesem Montag soll de Juana einem Ermittlungsrichter vorgeführt werden, welcher ihm Fragen zu zwei vor kurzem von der mit den baskischen Extremisten sympathisierenden Zeitung „Gara“ veröffentlichten Artikeln stellen will. Sowohl die empörte Vereinigung der Opfer des Terrorismus als auch die Polizeigewerkschaft sehen in jenen Wortmeldungen Aufrufe zu mehr Terrorismus und damit ein Delikt, welches nach den neuen Gesetzen geahndet werden könnte. De Juana schrieb darin nicht nur von der nötigen Fortsetzung des „bewaffneten Kampfes“ gegen den „(spanischen) Feind“, sondern setzte sogar einzelne Staatsbeamte, darunter insbesondere Gefängnisdirektoren, namentlich auf eine schwarze Liste angeblicher „Folterer“.

Der 1955 in der baskischen Provinz Guipúzcoa geborene Verbrecher begann seine zivile Berufslaufbahn im Jahr 1979 selbst als Mitglied der neugegründeten autonomen baskischen Polizei „Ertzaintza“. Als nach vier Jahren seine Eta-Verbindungen auffielen, flüchtete er zunächst nach Frankreich, schloß sich dann einem Attentäterkommando an, wurde 1987 in Madrid gefaßt und zwei Jahre später wegen fünfundzwanzigfachen Mordes verurteilt; viele seiner Opfer waren Polizisten.

Politiker weitestgehend ratlos

Während Eta am Wochenende in der Provinz Viscaya als Warnung und Präsenzdemonstration abermals drei kleinere Sprengladungen zündete - diesmal in einer Verkaufsstelle von Mercedes-Lastwagen - und Tausende ihrer Sympathisanten in der Stadt Bilbao für die Verlegung aller inhaftierten „Etarras“ zurück in das Baskenland demonstrierten, zeigten sich die Politiker weitgehend ratlos. Ein Sprecher des Sozialisten sagte in Madrid, gegen de Juanas Freilassung könne man wohl „nichts machen“. Ein Vertreter der konservativen Volkspartei verlangte, daß man „irgend etwas unternehmen“ müßte.

Denn de Juana ist nicht der einzige, dem die Freiheit winkt. Insgesamt erreicht eine halbe Hundertschaft der blutigsten Eta-Terroristen in den beiden nächsten Jahren, darunter zahlreiche Frauen, die Hafthöchstgrenze mit Rabatt für gute Führung. Kaum einer von ihnen hat jemals einen Anschlag im nachhinein bedauert. Vielmehr wurden aus diesem Kreis auch noch vom Gefängnis aus neue Drohungen zum Teil gegen spezifische Personen ausgesprochen.

Doch keine unmittelbaren Nachwuchssorgen

Nun fürchten manche Betroffene sowie Hinterbliebene anderer Opfer, daß die Terrorbande, die in jüngster Zeit durch Justiz und Polizei in harte Bedrängnis gebracht wurde, sich nach einer sukzessiven Freilassung ihrer erfahrensten und hartgesottensten Mitglieder doch keine unmittelbaren Nachwuchssorgen mehr zu machen brauche.

Und Julián Carnicero, der als Neunzehnjähriger gerade der Guardia Civil beigetreten war, als eine von de Juana gezündete Autobombe zwölf seiner Kameraden tötete und ihn selbst schwer verletzte, wagte sogar die Voraussage, daß der Attentäter eines Tages noch zum Abgeordneter einer radikalen Partei, wie der verbotenen Batasuna, aufsteigen könnte.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.01.2005, Nr. 7 / Seite 6
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Jahrgang 1950, politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel, Marokko und Tunesien mit Sitz in Madrid.

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