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Estnisch-russischer Geschichtsstreit Kein Tag des Sieges

09.05.2007 ·  Diesmal blieb der „Aufstand“ aus: Vor Wochen hatte es in Tallinn noch Krawalle russischer Jugendlicher gegeben, als ein sowjetisches Denkmal für Gefallene des Zweiten Weltkriegs demontiert wurde. Am 9. Mai blieb es ruhig in Estland, gleichwohl provoziert Moskau.

Von Siegfried Thielbeer, Tallinn
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Die Polizei mit ihren gelb-grünen Leuchtjacken ist unübersehbar. Es herrscht Versammlungsverbot, doch die Polizisten lassen die Menschen - darunter viele Alte im Sonntagsstaat - gewähren, die in kleinen Gruppen kommen und Blumen, meist rote Nelken am Metallzaun anbringen. Im Laufe des Tages wird er nach und nach zu einem dichten Teppich roter Nelken. Auch der Platz dahinter ist ein Blumenmeer, ein Schild in russischer Sprache verkündet „Hier finden Begrünungsarbeiten statt“.

Bis vor zwei Wochen stand in dem kleinen Park vor der Karlskirche und der Staatsbibliothek im Zentrum der estnischen Hauptstadt Tallinn der „Bronzesoldat“, ein 1947 errichtetes sowjetisches Denkmal für Gefallene des Zweiten Weltkriegs. Seine Demontage hat Ende April zu Krawallen und Plünderungen einiger hundert russischsprachiger Jugendlicher geführt, bei denen es zahlreiche Verletzte und einen Toten gab. Seither herrschte in Tallinn gespannte Ruhe, Gerüchte kursierten, am 9. Mai werde es zu einem „Aufstand“ der Russen kommen.

Demonstration gegen estnische Unabhängigkeit

Der „Bronzesoldat“ steht jetzt im zu Stille und Besinnung einladenden Soldatenfriedhof des estnischen Verteidigungsministeriums. An seinem vom Verkehr umtosten alten Platz an einer Bushaltestelle in der Innenstadt, zu Füßen des Burgbergs hatten einige Angehörige der russischen Minderheit in Estland in den vergangenen Jahren mit zunehmender Aggressivität am 9. Mai den Sieg der Sowjetarmee gefeiert - was auch eine Demonstration gegen die estnische Unabhängigkeit war.

Hierher waren nicht mehr nur alte Veteranen gekommen, sondern immer mehr auch jene, die dem Sowjetregime nachtrauerten und sogar Stalin-Bilder schwenkten. Für viele Esten, die das Kriegerdenkmal ohnehin als Symbol der sowjetischen Okkupation ansehen, war schließlich das Maß voll. Das Mahnmal musste aus der Innenstadt weg.

9. Mai der Tag der sowjetischen Siegesfeiern

Am 8. Mai legte Ministerpräsident Ansip am neuen Standort des „Bronzesoldaten“ einen Kranz nieder. Erstmals seit der Wiedergewinnung der Unabhängigkeit im August 1991 ehrte damit das offizielle Tallinn das sowjetische Denkmal. Diese Geste mag zur Beruhigung der vielen Russen beigetragen haben, die dann - wie auch der russische Botschafter - am Mittwoch auf den Friedhof pilgerten und dort Blumen niederlegten. Die Ansprache des Botschafters schien gemäßigt: Er dankte den Menschen, die zum Denkmal kamen. Zu der Zeremonie am 8. Mai aber, zu der das diplomatische Korps geladen war, hatte er nicht kommen wollen.

Der 8. Mai ist in Westeuropa der Tag des Kriegsendes. Die nachgeholte Kapitulation im sowjetischen Hauptquartier am 9. Mai aber ist der Tag der sowjetischen Siegesfeiern. Mit dem sowjetischen Sieg aber hat Estland ein Problem: Für die Esten war es kein Tag der Befreiung. Mit dem Einmarsch der Roten Armee im Spätsommer 1944 begann die „zweite sowjetische Okkupation“. Erstmals war das Land 1940 nach dem Hitler-Stalin-Pakt besetzt worden, von 1941 bis 1944 war es von den Deutschen besetzt.

Mehr als 100.000 Menschen waren zwangsrekrutiert

Die zweifache Besetzung hatte zur Folge, dass die Esten, deren Land zum Schlachtfeld wurde, sowohl von den Sowjets als auch von den Deutschen zum Kriegsdienst an ihrer Seite gezwungen worden waren. Mehr als 100.000 Menschen, etwa zehn Prozent der Bevölkerung, waren zwangsrekrutiert worden. 1940 war fast das gesamte estnische Offizierskorps von der Sowjetmacht ermordet worden. Mehrere zehntausend Esten wurden schon 1940 als Zwangsarbeiter nach Sibirien verschleppt.

Insgesamt verloren etwa 75.000 Menschen ihr Leben als Opfer von Okkupation und Weltkrieg. Und das Leiden hörte 1945 nicht auf. Bis 1949 gingen neue Terrorwellen über das Land hinweg. Was sollen die Esten also am 9. Mai feiern? Am 8. Mai dieses Jahres also legte die estnische Regierung feierlich Kränze nieder, nicht um einen „Sieg“ zu feiern, sondern im Gedenken an die Opfer und Gefallenen des Kriegs, Esten ebenso wie Russen oder Deutsche. Sie war nicht nur am „Bronzesoldaten“, sondern auch am Holocaust-Mahnmal und an estnischen Kriegsgräbern.

Täglich steigernde Propagandawelle aus Moskau

Aus Sicht der estnischen Politiker ist klar, dass es der russischen Regierung nicht um Gedenken, sondern um Provokation geht. Die Verlegung des Kriegerdenkmals sei nur ein Vorwand, um die Muskeln spielen zu lassen und kleine Nachbarstaaten einzuschüchtern. Wie könne es sein, fragen sie, dass Vertreter eines angeblich demokratischen Russland die Tatsache der Okkupation bestreiten und den estnischen Mangel an Jubel über diese Okkupation als „Faschismus“ interpretierten? In Russland mache sich immer ungehemmter ein Großmachtchauvinismus breit. (Siehe auch: Video: Putin kritisiert am „Tag des Sieges“ Estland)

Eine Einflussnahme auf Russland von außen sei in dieser Frage unmöglich, sagt der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der neuen konservativen Parteienunion von Isamaa und Res Publica, Andres Herkel. Gäbe es den Konflikt um das Denkmal nicht, würde Moskau eben an anderer Stelle einen Streit vom Zaun brechen. Darin stimmt ihm auch die besonnene Parlamentspräsidentin zu, die Astrophysikerin Ene Ergma. Seit mehr als sechs Monaten sei eine sich täglich steigernde Propagandawelle aus Moskau festzustellen gewesen. Alle Versuche, mit den Russen zu reden, seien an diesen abgeprallt: Sie wollten einfach nicht zur Kenntnis nehmen, dass sie Estland damals besetzt hätten, und forderten von den Esten, ihre Geschichte neu zu schreiben.

Estnischen Politiker von Gewaltausbruch überrascht

Frau Ergma berichtet in leiser Stimme, dass sie nach den Krawallen mit dem Vorsitzenden der russischen Duma ein ganz vernünftiges Gespräch gehabt habe. Sie hätten einen Dialog und den Besuch einer Duma-Delegation vereinbart. Aber dann habe deren Delegationschef Leonid Sluzkij noch vor der Abreise in Moskau den Rücktritt der estnischen Regierung gefordert: „So etwas geht doch nicht.“

Ganz offensichtlich waren die estnischen Politiker von dem Gewaltausbruch Ende April überrascht worden. Doch andererseits schöpfen die Esten Hoffnung daraus, dass nur eine kleine Minderheit in der Minderheit protestierte, dass statt der von der russischen Botschaft erwarteten 20.000 nur etwa 1000 Demonstranten kamen, wie der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Parlaments, Sven Mikser hervorhebt. Die Russen seien sehr enttäuscht gewesen, sagt auch Marko Mihkelson, der Vorsitzende des EU-Ausschusses, der zugleich über die Grobschlächtigkeit des Vorgehens der russischen Regierung nicht unfroh zu sein scheint.

Stärkere Demonstration gegenüber Moskau erwartet

Die massive Einmischung in die inneren Angelegenheiten Estlands, die Propaganda in den russischen Medien, die Hacker-Angriffe auf estnische Websites, vor allem aber die Belagerung der estnischen Botschaft in Moskau und die Handgreiflichkeiten gegenüber der estnischen Botschafterin hätten die Solidarität der internationalen Gemeinschaft mit Estland geradezu erzwungen.

Die estnischen Politiker erwähnen dankbar die Hilfe der EU-Partner, vor allem von Kanzlerin Merkel und Außenminister Steinmeier. Aber wenn nicht alles täuscht, hatten sie mehr erwartet, eine stärkere Demonstration gegenüber Moskau. Sie bemänteln dies jetzt mit der Versicherung, dass der Westen, die EU und die Nato angesichts der russischen Versuche, die Grenzen zu testen, nichts Besseres tun könne, als Moskau geschlossen entgegen zu treten und Solidarität zu zeigen.

Quelle: F.A.Z., 10.05.2007, Nr. 108 / Seite 6
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