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Eskalierende Gewalt : Burmas Regierung in der Falle

Flucht und Vertreibung: Dieses Bild entstand in einem Rohingya-Flüchtlingslager am 10. Oktober Bild: AFP

Seit der Demokratisierung eskaliert die Gewalt gegen muslimische Rohingyas. Die Behörden sind hilflos. Eine Lösung ist nicht in Sicht.

           Immer klarer wird das Ausmaß des Dramas um die Vertreibung der muslimischen Minderheit der Rohingyas im Westen Burmas durch buddhistische Rakhines. Nach Aussagen der Flüchtlinge müssen sich erschütternde Szenen im burmesischen Bundesstaat Rakhine abgespielt haben: Die Häuser der Muslime wurden angezündet, sie wurden auf der Flucht beschossen, retteten sich auf Fischerboote, um mit dem Leben davonzukommen. Inzwischen haben erste Flüchtlinge auch die Ferienregion im Süden des Bundesstaates erreicht.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          „Täglich erreichen uns neue Flüchtlinge hier in unserer Anlage, sie kommen auch von den nördlichen Inseln“, sagt einer der Hoteliers am beliebten Ngapali -Strand. Dieser gilt als der Luxus-Ferienort des sich öffnenden Burma. Schon in den vergangenen Wochen herrschte im Rakhine-Staat eine Ausgangssperre, ansonsten aber lief der völlig normale Ferienbetrieb weiter. Die Hoteliers hoffen aufgrund der Demokratisierung des Landes auf eine erste gute Saison, die Häuser sind alle überbucht. Auch die deutsche Fluggesellschaft Condor nimmt nun wieder Flüge in die Wirtschaftsmetropole Rangun auf. Nun allerdings geht die Furcht um, dass es aufgrund der Unruhen zu Stornierungen kommen könnte. Erste Luxushotels am Strand haben die Muslime unter ihren Mitarbeitern entlassen. „Der Druck unserer buddhistischen Mitarbeiter war zu groß, so dass wir uns entscheiden mussten, um hier Ruhe zu bewahren“, sagt einer der Hoteliers.

          Nach offiziellen Berichten sind bei den wieder aufgeflammten Unruhen 84 Menschen ums Leben gekommen. Die Dunkelziffer könnte wesentlich höher liegen. Nach Angaben der Vereinten Nationen (UN) sind mehr als 28000 Menschen auf der Flucht. Satellitenbilder der Region zeigen das Ausmaß der Brände in den Dörfern der Rohingyas. „Wir wurden angewiesen, in unseren Häusern zu bleiben. Die haben sie dann aber in Brand gesetzt“, zitiert die Nachrichtenagentur Reuters die geflohene Mutter eines vierjährigen Kindes. „Als wir herausrannten, schossen die Rakhines und die Polizei auf uns.“ Die Flüchtlingslager sollen überfüllt sein. Malaria breche aus. Nach Angaben der Regierung sind seit dem 21. Oktober mindestens 3000 Häuser der Rohingyas zerstört worden.

          Die Sorge der Vereinten Nationen wächst

          Augenzeugen berichten, dass der Aufruhr gegen die Muslime „sehr stark von führenden buddhistischen Mönchen der Region gesteuert“ sei. So habe in der Provinzstadt Thandwe jeder Haushalt „zwei Menschen senden müssen, um so auf eine Teilname von 6000 bis 8000 Menschen zu kommen“. Thandwe ist das Eingangstor zu den Ferienstränden, dort sind mehr als die Hälfte der Bevölkerung Muslime. Nach Thandwe sollen nun mehrere „Aufrührer“ eingeschleust worden sein, um Stimmung gegen die muslimische Bevölkerung zu machen.

          Das Hauptsiedlungsgebiet der Rohingyas am Golf von Bengalen

          Die Regierung sitzt in einer Falle: Auf dem Weg von einer Militärdiktatur zu einer Demokratie kann sie nicht in voller Härte gegen buddhistische Aufrührer vorgehen, zumal gerade im Ausland schnell an die Zerschlagung der „Safran-Revolution“ der Mönche erinnert würde, die sich gegen die Militärjunta wandte. Dieses Risiko beschreibt der burmesische Präsident Thein Sein, der als General selbst früher der Junta angehörte, nun aber auf internationalem Parkett an Statur gewinnt: „Da die internationale Gemeinschaft den Prozess der Demokratisierung genau beobachtet, können solche Unruhen das Bild des Landes beflecken.“

          Mit wachsender Sorge blicken die Vereinten Nationen auf den Konflikt: „Ich bin ernsthaft betroffen von der Angst und dem Misstrauen, das ich in den Augen der Flüchtlinge gesehen habe“, sagte Ashok Nigam, Koordinator für humanitäre Hilfe bei den UN in Burma. Auch er warnt vor dem Dilemma, dem die ehemaligen Generäle gegenüberstehen: „Die Gewalt, die Angst und das Misstrauen stehen im Gegensatz zum demokratischen Übergangsprozess und der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung, die Burma sich vorgenommen hat.“ Auch Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi verhält sich angesichts der Unruhen sehr ruhig. Denn auch ihr dürfte es schwerfallen, die Stimme für eine muslimische Minderheit zu erheben und damit gegen ihre buddhistischen Unterstützer. Das Aufstandsgebiet im Umkreis der Provinzhauptstadt Sittwe ist auch strategisch wichtig für die Regierung des Landes, das sich selber Myanmar nennt: Hier beginnen die beiden großen Pipelines, mit denen die Chinesen Öl und Gas aus den Feldern in der Bucht von Bengalen durch Burma in die Industrieregionen Westchinas transportieren.

          Der Konflikt läuft aus dem Ruder

          Die Animositäten zwischen den Glaubens- und Volksgruppen reichen lange zurück. Die Rakhines wollen die muslimischen Rohingyas nach Bangladesch vertreiben, das eine Grenzöffnung aber verweigert. Zudem leben viele der meist Bengali sprechenden Rohingyas schon seit Generationen in Burma. Die UN betrachten die Rohingyas als eine der am meisten unterdrückten Volksgruppen der Welt. Von den rund zwei Millionen Rohingyas leben etwa 800.000 im burmesischen Rakhine-Staat, etwa 300.000 in Bangladesch, viele weitere in umliegenden Ländern wie Thailand und Malaysia. Im Rakhine-Staat machen sie ein Fünftel der Bevölkerung aus. Die frühere Militärregierung in Burma machte sich die Spaltung in der Bevölkerung zunutze und erkannte den Rohingyas 1982 die Staatsbürgerschaft ab. Viele leben seit langem in Flüchtlingslagern und unter ärmlichen Bedingungen oder in einem Getto in Sittwe. Es wird immer wieder angegriffen und kaum mit Lebensmitteln versorgt.

          Seit der Demokratisierung läuft der Konflikt aus dem Ruder. Im Juni brach die Gewalt aus, nachdem Gerüchte umgingen, vier Rohingya-Männer hätten eine Rakhine vergewaltigt. Mehr als 90 Menschen verloren in den folgenden Kämpfen ihr Leben. Bis heute sollen insgesamt 80.000 Menschen geflohen sein, schätzt die UN.

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