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Erster Weltkrieg: Die Hölle von Verdun

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Die Hölle von Verdun

Von RAINER BLASIUS

21.2.2016 - Am 21. Februar 1916 begann der deutsche Angriff auf die Festung Verdun. Mit ihm wollte der deutsche Generalstabschef Falkenhayn eine Entscheidung im Krieg gegen Frankreich erzwingen – und tat einen ersten Schritt in die Wirklichkeit des Vernichtungskriegs.

Wließ sich der schreckliche Stellungskrieg an der Westfront noch gewinnen? Vor diesem Problem stand Erich von Falkenhayn. Der 1861 geborene Ostpreuße, Chef des Großen Generalstabes des Feldheeres, hatte – so stellte er es in seinen Memoiren dar – in den Weihnachtstagen 1915 eine Denkschrift über eine Operation bei Verdun ausgearbeitet und Kaiser Wilhelm II. vorgetragen: Das „Unternehmen Gericht“ war demnach von Anfang an als eine Art Ermattungsschlacht angelegt, um den Gegner an einer zentralen Stelle seines Festungssystems „weißbluten“ zu lassen.

Verdun war schon lange vor der Großoffensive geschichtsträchtig wegen des dort geschlossenen Vertrags von 843, mit dem das karolingische Reich geteilt worden war. Außerdem spielte der Ort eine Rolle im deutsch-französischen Krieg 1870/71.

Der deutsche Angriff der 5. Armee unter dem Kommando des 1882 geborenen Kronprinzen Wilhelm war ursprünglich für den 12. Februar 1916 geplant. Wäre er an jenem Tag „erfolgt, hätte er vermutlich Erfolg gehabt. Die Franzosen wurden vom schlechten Wetter gerettet; das verschaffte ihnen eine Atempause, und die wussten sie zu nutzen“, berichtet das Historiker-Duo Gerd Krumeich und Antoine Prost in ihrer deutsch-französischen Gemeinschaftspublikation über Verdun. Beide gehen davon aus, dass es Falkenhayns Weihnachtsdenkschrift nicht gegeben hat. Statt des in der Rückschau behaupteten Ziels vom „Weißbluten“ habe der Generalstabschef vielmehr die längst überfällige Entscheidung im Westen angestrebt.

© DPA Der Frontverlauf um Verdun 1916

Am 21. Februar 1916 begann um 7.15 Uhr das deutsche Artilleriefeuer. 1200 Geschütze beschossen bis 17 Uhr systematisch die französischen Verteidigungsstellungen. Nachdem mehr als zwei Millionen Granaten verschossen worden waren, versuchten die deutsche Truppen, französische Stellungen am Ostufer der Maas zu stürmen. Am 25. Februar bezwangen Soldaten eines Regiments aus Neuruppin eines der beiden Hauptforts, Douaumont; die Einnahme des anderen, Fort Vaux, zog sich bis zum 7. Juni hin.

Das Kaiserreich war wie elektrisiert über den Erfolg von Douaumont, das laut Krumeich und Prost „eher bewacht als verteidigt“ wurde „von rund fünfzig Landwehrsoldaten, die unter dem Befehl eines Feldwebels standen“. Die französische Propaganda redete den Verlust klein, obwohl die Deutschen nun Proviant, Munition und militärische Stäbe sicher unterbringen konnten: „Symbolisch gesehen war Douaumont bereits Verdun, und die Anstrengungen, die die Franzosen unternahmen, um das Fort zurückzuerobern, waren dann auch der Beleg dafür.“

  • © Picture-Alliance Geplant hatte die Offensive der Generalstabschef Erich von Falkenhayn. Seinen Memoiren zufolge, sollte der Angriff die Franzosen „weißbluten“.
  • © Picture-Alliance Der deutsche Angriff erfolgte auf eine zentrale Stelle des französischen Festungssystems.
  • Picture-Alliance Befehlshaber der deutschen Truppen vor Ort war Kronprinz Wilhelm (dritter von links). Die gewaltigen Verluste wurden auch ihm angelastet und im Volksmund wurde er zum „Schlächter von Verdun“.
  • © Picture-Alliance Das Fort Douaumont wurde schnell eingenommen, da es von den Franzosen kaum verteidigt wurde. Fort Vaux (hier eine Aufnahme von 1918) allerdings fiel erst nach monatelangen verlustreichen Kämpfen.
  • © Picture-Alliance Mehr als 200.000 deutsche Soldaten wurden bei den Kämpfen vor Verdun durch Artillerie, direkten Beschuss oder Gasangriffe verwundet oder litten anderen Krankheiten, die durch die erbärmlichen hygienischen Zustände hervorgerufen wurden.
  • © Picture-Alliance Das Gelände um Fort Douaumont sah nach den Kämpfen aus wie eine unwegsame Mondlandschaft, durchzogen von improvisierten Wehrgängen.
  • © Picture-Alliance Kaiser Wilhelm II. ließ sich während der Schlacht auch persönlich vor Ort über die Fortschritte informieren.

Erst am 6. März 1916 bezog Falkenhayn das Westufer der Maas in den Angriff ein. Erbitterte Kämpfe gab es um die Geländepunkte „Höhe 304“ und „Toter Mann“. Weiter als bis vier Kilometer vor Verdun kamen des Kaisers Truppen nie. Daher konnte Falkenhayn seinem „Hauptfeind“ Großbritannien nicht den „Festlanddegen“ Frankreich aus der Hand schlagen. Zudem vermochte er sich beim Kaiser nicht mit seiner Forderung nach einem unbeschränkten U-Boot-Krieg gegen England durchzusetzen. Infolgedessen trug er sich vorübergehend mit Rücktrittsgedanken, fand allerdings Ende Mai bei Verdun „alles normal“ und nahm die enormen Verluste „leicht in Kauf“, wie sein Biograph Holger Afflerbach konstatiert: „Er machte sich durch seine zynische, manchmal sogar gespielt sorglose Unbekümmertheit aber keine Freunde im Großen Hauptquartier, wo viele Offiziere die Dinge doch anders sahen als er.“ Und: „Mit dem zynischen Argument, die Franzosen ,durch Blutanzapfung zur Besinnung‘ bringen zu wollen, bemäntelte Falkenhayn vor anderen und sich selbst, dass das ursprünglich anders geplante Unternehmen ein Fehlschlag war.“

Unter dem Eindruck der russischen Brussilow-Offensive von Anfang Juni gegen österreichisch-ungarische Truppen im Osten sowie der seit Anfang Juli durch massiven britischen Einsatz bedrohlichen Sommeschlacht im Westen befahl Falkenhayn am 11. Juli der deutschen 5. Armee vor Verdun „strikte Defensive“. In der durch den Kriegseintritt Rumäniens vom 27. August 1916 verschärften Krise entschloss sich der Kaiser am 29. August 1916 zur Abberufung Falkenhayns, so dass die 3. Oberste Heeresleitung mit Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff an der Spitze zum Zuge kam.

© history-vision.de, F.A.Z. Vor hundert Jahren begann an der Westfront das "Unternehmen Gericht". Fast ein ganzes Jahr lang standen sich Deutsche und Franzosen in der "Hölle von Verdun" gegenüber, mehr als hunderttausend Soldaten wurden getötet.

Zu diesem Zeitpunkt lagen die Verluste der 5. Armee nach einem Sanitätsbericht bei 350.000 Mann, darunter etwa 55.000 Tote. Auf französischer Seite waren es – so der Militärhistoriker Michael Epkenhans – „an diesem Frontabschnitt bis Dezember mit zirka 378.000 Mann, darunter zirka 61.000 Gefallene, kaum weniger. Die Vermissten – zirka 27.000 deutsche und 101.000 französische Soldaten – sind in dieser ,Rechnung‘ noch nicht enthalten.“

Dennoch stufte Falkenhayn gegenüber Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg Ende August 1916 das „Unternehmen Gericht“ als weitgehend geglückt ein: Er habe niemals geglaubt, durch diese Offensive Frankreich „dem Frieden geneigt“ zu machen. Sein Ziel sei gewesen, „einerseits Frankreich, wenn sich sein Heer vor die Festung stellte, durch kräftiges Ausbluten und, wenn die Festung aufgegeben wurde, durch innere Erschütterungen für den weiteren Kriegsverlauf möglichst lahmzulegen, andererseits England zum vorzeitigen Einsatz seiner gesamten Kräfte zu reizen. Beides ist gelungen, nicht so wie es gehofft wurde – das geschieht im Kriege fast nie –, aber doch in erträglichem Maße.“ Überdies behauptete er dreist, Frankreich habe doch „eine Viertelmillion erprobter Soldaten mehr verloren als wir“.

Gerhard Ritter, selbst noch Offizier im Ersten Weltkrieg, berichtete in seinem Buch „Staatskunst und Kriegshandwerk“, die „Selbstverteidigung“ Falkenhayns sei „keine nachträgliche Konstruktion“, das belege jene Weihnachtsdenkschrift von 1915. Diese ist allerdings im Original nicht überliefert, sondern lediglich durch Falkenhayns Memoiren. Hier ging es ihm vor allem darum, den eigenen Starrsinn zu verbrämen und sich des Vorwurfs zu erwehren, eine deutsche Division nach der anderen vor Verdun „ausgebrannt“ und „verheizt“ zu haben.

  • © Picture-Alliance Immer und immer wieder standen die deutschen Soldaten zum Sturmangriff auf die französischen Linien bereit.
  • © Picture-Alliance Zwischen den Gräben entstand ein Niemandsland aus Matsch und Kratern, durch das die Soldaten sich bei jedem Angriff quälen mussten.
  • © Picture-Alliance Der französische General Philippe Petain wurde dank seiner Verteidigungsleistung bei Verdun zum Volkshelden und stieg später sogar bis zum Oberbefehlshaber der französischen Armee auf.
  • © Picture-Alliance Die Zahl der auf beiden Seiten in Gefangenschaft geratenen Soldaten wurden meist unter den Verlusten subsumiert.
  • © Picture-Alliance Ende April 1916 wurde auf französischer Seite General Petain von General Robert Nivelle abgelöst. Petain hatte zwar den Angriffen der Deutschen widerstanden, lehnte massive Gegenangriffe, um Gelände zurückzugewinnen jedoch ab. Nivelle dachte anders und konnte mit seiner Offensivstrategie bis Dezember die deutschen Truppen bis fast auf die Ausgangsstellungen zurückwerfen.
  • © WDR/dpa, Wolfgang Eilmes Rund 700.000 Soldaten kamen vor Verdun um, wurden verwundet, oder gerieten in Gefangenschaft, rund zwei Millionen wurden in die „Hölle von Verdun“ geschickt. 1984 wurde Verdun jedoch zu einem Zeichen der Versöhnung, als sich der deutsche Kanzler Helmut Kohl und der französische Präsident Mitterand über den Gräbern die Hände reichten.
  • © Rainer Wohlfahrt Heute sind die Spuren der Schlacht von vor hundert Jahren bei Verdun immer noch allgegenwärtig: Überall gibt es deutsche und französische Soldatenfriedhöfe.

Bis Mitte Dezember 1916 wurden fast alle deutschen Geländegewinne des „Unternehmens Gericht“ durch die französische 2. Armee des Generals Robert Nivelle, der Ende April dem legendären und beliebten Verdun-Verteidiger Philippe Pétain nachgefolgt war, zurückerobert. „Verdun war kein Friedenssignal, sondern ein erster, folgenschwerer Schritt hin zur Wirklichkeit des Vernichtungskrieges, wie er dann ab Juni 1941 in der Sowjetunion geführt werden sollte, und es tröstet wenig, dass mit Nivelle auf französischer Seite ein Mann das Heft in die Hand bekam, der ganz ähnlich dachte. Angefangen haben die Deutschen“, resümierte der Historiker Michael Salewski.

Und er ergänzte, dass die deutsche Öffentlichkeit das Scheitern der Großoffensive nicht nur Falkenhayn, sondern auch dem jungen Kronprinzen Wilhelm angelastet habe: „Der ging, ungeachtet seiner Bemühungen, sich um das Wohl seiner Soldaten in der Hölle der Schlacht doch irgendwie zu kümmern, als ,Schlächter von Verdun‘ in das kollektive Gedächtnis der Nation ein, und das machte es ihm nach 1919 unmöglich, an eine monarchische Restauration zu denken.“

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 21.02.2016 08:47 Uhr