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Zan TV setzt sich für gesellschaftlichen Wandel in Afghanistan ein

Foto: EPA

Auf Sendung für Frauenrechte

Von LILIAN HÄGE
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18.09.2017 · Von der Produzentin, über die Kamerafrau bis zur Nachrichtensprecherin: Bei Zan TV machen Frauen Fernsehen für Frauen. So setzen sie sich für Frauenrechte in Afghanistan ein. Motivieren wollen sie auch Männer.

D er Gründer des ersten afghanischen Frauensenders ist ein Mann. Ein Feminist? „Eine wichtige Frage“, sagt Hamid Samar, „ich bin kein Feminist. Aber ich finde, Frauen sollten die gleichen Rechte haben wie Männer.“

Samar sagt aber auch Sätze wie: „Auch Frauen sollen sich wie Menschen fühlen können.“ Dass um diesen Anspruch noch gekämpft werden muss, spricht Bände. Es zeigt, welches Frauenbild bis heute in vielen Köpfen verankert ist.

Seit dem Sturz der Taliban vor 16 Jahren hat sich die Medienlandschaft in Afghanistan rasant entwickelt, auch Frauen haben ihren Anteil daran. Einen eigenen Fernsehsender für Frauen gab es bisher aber nicht.

„Wir wollen Frauen inspirieren und ihre Stärke, ihren Mut, ihre Kraft zeigen. Uns einsetzen gegen Diskriminierung und sexuelle Belästigung. Deswegen sind wir hier“, sagt Setara Hassan. Ihre Stimme klingt leidenschaftlich. Hier, das ist ein Fernsehstudio in Kabul: mit Stellwänden in bunten Farben voller Schmetterlinge und einer knallpinken Weltkarte hinter dem Pult der Nachrichtensprecherin.

Die Moderatorin Shamela Rasooli, 22, richtet ihren Schal. Die Frauen tragen lockere Kopfbedeckung, es soll nicht provoziert werden. Stattdessen möchte der Sender der männerdominierten Gesellschaft helfen, sich nachhaltig zu wandeln. Foto: Reuters

Dort arbeitet Hassan gemeinsam mit etwa 60 anderen Frauen für den privaten Sender Zan TV. Das ist zunächst noch nichts Ungewöhnliches, Frauen haben sich in den vergangenen Jahren immer mehr ihren Platz in der Öffentlichkeit zurück erkämpft. Nachrichtensprecherinnen, Reporterinnen, Jurorinnen von Casting-Shows, Sängerinnen: Immer mehr von ihnen stehen vor der Kamera – teils auch unverschleiert.

Eine Vision für die Frauen in Afghanistan

Ungewöhnlich ist, dass bei Zan TV die weiblichen Mitarbeiterinnen nicht eine kleine Minderheit, sondern die absolute Mehrheit stellen. Zan TV heißt übersetzt „Frauenfernsehen“ und will genau das: Von Frauen bestimmte Inhalte sollen ein weibliches Publikum erreichen. Dabei geht es dem Sender nicht nur um Unterhaltung. Vor allem wollen die Macherinnen ihren Zuschauerinnen ein Bewusstsein für ihre Rechte vermitteln, ihnen Zugang zu anderen afghanischen Frauen anderer Regionen und Religionen geben und die Bildung fördern. Es gehe darum, Frauen zu zeigen, wie sie finanziell selbstständig sein und arbeiten gehen können, kurz: Wie sie ihr Leben selbst gestalten können. Eine große Herausforderung.

  • Mitarbeiterinnen im Schneideraum von Zan TV: 60 Frauen arbeiten in allen Bereichen für den ersten Frauensender Afghanistans. Foto: EPA
  • Im Newsroom wird das Programm diskutiert: Alle Inhalte der Sendungen werden von Frauen bestimmt. Die Arbeit von Journalistinnen in Afghanistan ist allerdings lebensgefährlich. Foto: Reuters

Der Sender steht noch am Anfang, Premiere hatte Zan TV im Mai. Fragt man Hassan nach ihrer Berufsbezeichnung, stockt sie kurz, lacht. „Wir haben uns überlegt, dass Executive Director ganz gut passt. Aber eigentlich mache ich alles mögliche.“

Hassan ist erst 30 Jahre alt, die meisten anderen Frauen sind aber noch jünger als sie. Viele sind Studentinnen, Anfang bis Mitte 20. Die meisten haben eine Ausbildung in der Medienbranche, aber nicht alle. Hamid Samar ist auch nicht der einzige Mann, der bei dem Sender arbeitet. Denn alle Motivation der Welt kann nichts daran ändern, dass kaum eine der Frauen die technischen Grundlagen beherrscht, um eine Sendung von vorne bis hinten zu produzieren. Nicht, weil Frauen nicht dazu in der Lage wären, sondern weil technische Ausbildungen für Frauen lange schwerer zugänglich waren. Deswegen arbeiten bei Zan TV etwa zehn Männer in der Technik, die die Frauen bei ihrer Arbeit unterstützen und auch ausbilden.

„Es fehlt noch an Struktur, es gibt vieles, woran wir noch arbeiten müssen“, sagt Hassan. Und fügt sofort hinzu: „Aber alle sind hochmotiviert, jede hat eine genaue Vorstellung davon, was sie für die Frauen in Afghanistan erreichen möchte.“

Salama Rasa arbeitet als Kamerafrau für den Sender. Bei der Technik werden die Frauen von männlichen Mitarbeitern unterstützt und ausgebildet, da vielen die technischen Grundlagen fehlen. Foto: Zan TV

Junge Frauen als Motor der Veränderung

Das tägliche Programm von Zan TV klingt deshalb auch nach einer Mischung aus Frühstücksfernsehen, MTV und einer Vorlesungsreihe aus den Gender Studies. Neben Musik-, Sport- und Unterhaltungsprogrammen werden Sendungen mit klangvollen Namen wie „Die Rolle der Frau in Frieden und Entwicklung“ oder „Gerechtigkeit für Frauen“ ausgestrahlt. Auch eine Art Sorgentelefon gibt es, bei dem Frauen in der Sendung anrufen und von ihren alltäglichen Herausforderungen berichten können.

„In den vergangenen 16 Jahren war alles nur für Männer ausgelegt: Medien, Geschäfte, Politik, Kultur“, sagt Hamid Samar. „Die einzige Art, wie wir die Gesellschaft ändern können ist, indem wir Frauen unterstützen.“ Seit 32 Jahren ist das Land von Kriegen und Konflikten geprägt. „Wenn wir Frieden wollen, brauchen wir die Frauen.“

Eine Soldatin bei ihrer Vereidigung in Kabul. Durch Themen wie „Frauen in der Armee“ will Zan TV Frauen sichtbar machen und ihnen Selbstbewusstsein vermitteln. Foto: dpa

Den Fokus auf Frauen zu legen, ist aber durchaus auch ein zukunftsfähiges Geschäftsmodell. Bisher finanziert Hamid Samar nach eigenen Angaben den Sender aus eigener Tasche, für die Zukunft braucht es Sponsoren. Während die Gelder für Medienförderung in den vergangenen Jahren immer weiter zurückgegangen sind, gibt es bei westlichen Geberorganisationen noch immer ein großes Interesse an der Förderung von Frauenprojekten in Afghanistan. Gerne teil Samar über Soziale Medien Fotos von Treffen mit diversen Botschaftern und Vertretern westlicher Staaten.

Zugleich gibt es aber auch immer mehr Frauen, die eine Ausbildung erhalten haben und gerne in der Medienbranche arbeiten würden. Diese Frauen, junge Millenials, entstammen zudem einer Generation, die nach neuen Themen verlangt. Die Nachfrage ist also da. Dass trotzdem ein Mann den Frauensender gegründet hat, kann man so oder so sehen: als Beweis dafür, wie schwer es noch immer für Frauen in Afghanistan ist, ohne die Hilfe von Männern etwas Eigenes aufzubauen. Vielleicht aber auch als Zeichen der Öffnung einer patriarchalen Gesellschaft, in der sich auch Männer für Frauenrechte stark machen.

Lebensgefahr für Journalistinnen

Der Druck durch die Gesellschaft ist hoch. Viele halten nichts von Frauen vor der Kamera. „Wenn sie sich so zeigen, wird das als erniedrigend angesehen“, sagt Hassan. „Aber jetzt sind da diese großartigen Frauen, die den kulturellen Beschränkungen zum Trotz für das Fernsehen arbeiten wollen.“ Wenn die Familien wissen, dass ihre Töchter vor allem mit Frauen zusammenarbeiten, sind sie zwar zumeist beruhigt. Doch nicht alle Familien sind glücklich darüber, dass ihre Töchter für das Fernsehen arbeiten wollen. Laut Reporter ohne Grenzen wurden seit 2002 in Afghanistan vier Journalistinnen von Verwandten ermordet.

  • Die 22 Jahre alte Krishma Naz nimmt ihr Programm auf. Mit einer täglichen Musiksendung will Zan TV auch unterhalten. Foto: Reuters
  • Frühstücksfernsehen bei Zan TV: Etwa 90.000 Zuschauer hat das Programm täglich. Aber der Druck durch die Gesellschaft ist hoch – nicht bei allen sind Frauen vor der Kamera gern gesehen. Foto: Reuters

Nach Angaben der Journalistenorganisation liegt Afghanistan bei der Pressefreiheit auf Platz 120 von 180. Einige der Mitarbeiterinnen wurden nicht nur durch Familie und Bekanntenkreis unter Druck gesetzt sondern haben auch Drohungen erhalten. Generell sei es für Journalisten lebensgefährlich, so Anne Renzenbrink von Reporter ohne Grenzen. Terrororganisationen wie die Taliban oder der Islamische Staat hätten Journalisten zu „militärischen Zielen“ deklariert.

Im vergangenen Jahr tötete ein Anschlag der Taliban sieben Mitarbeiter des populären Senders Tolo TV, der Sendungen wie „Afghan Star“ ausstrahlt. Drei davon waren Frauen. Um Journalistinnen besser schützen zu können, richtete Reporter ohne Grenzen zum diesjährigen Weltfrauentag ein Zentrum für den Schutz von Journalistinnen in Afghanistan (CPAWJ) in Kabul ein. Wo genau, wird verschwiegen. Die Gefahr eines Anschlags wäre zu groß.

Im Mai attackiert Militanten die Fernsehstation des staatlichen Senders RTA in Dschalalabad, im Osten Afghanistans. Foto: EPA

Die Konkurrenz ist groß

Am Anfang war Setara Hassan skeptisch, ob sich der Sender würde halten können. Die Konkurrenz ist hoch. In einer Studie der Asia Foundation von 2015 ist die Rede von 94 Fernsehkanälen, 258 Radiosendern und einer Vielzahl an unterschiedlichen Zeitungen und Magazinen. Auch die Frauen hat nicht erst Zan TV für sich entdeckt.

Es gibt bereits mehrere Radiosender für Frauen. In der ultrakonservativen Stadt Dschalalabad gründete beispielsweise Shahla Shaiq den Sender Narguesse, der sich mit den Problemen von Frauen beschäftigt. Bislang galt das Radio als beliebtestes Medium. Doch die Einschaltquoten von Zan TV sind ein Grund für Optimismus, findet Hassan. Eigenen Angaben zufolge habe der Sender eine Quote von knapp 90.000 Leuten für die Morgennachrichten. Und trotz der Drohungen und einiger negativer Kommentare auf Facebook komme das Programm bei den Zuschauern sehr gut an – die nicht nur weiblich sind.

Wie geht der Frauensender dagegen mit Männern um? Will er sie provozieren, sich sogar gegen sie stellen? Nein. Denn ohne die Männer könnte sich die Gesellschaft niemals nachhaltig wandeln. „Egal wie laut wir Frauen rufen – wenn die Männer nicht auch zuhören, kommen wir nirgendwohin“, sagt Hassan. Und erwähnt im gleichen Atemzug die Kampagne „HeforShe“, die Männer motivieren soll, sich für Frauenrechte einzusetzen. Sie klingt entschlossen: „Es ist Zeit, dass wir für Frauen einstehen.“

Die Zeit scheint tatsächlich reif zu sein: Mit Banoo TV geht bald der nächste Frauensender auf Sendung.

Quelle: FAZ.NET

Veröffentlicht: 18.09.2017 19:02 Uhr