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Putins Besuch bei Erdogan : Moskau und Ankara rücken näher zusammen

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Obwohl sie im Syrien-Konflikt auf verschiedenen Seiten stehen, möchten Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan das russisch-türkische Verhältnis vertiefen. Bild: MICHAEL KLIMENTYEV/SPUTNIK/KREML

Die erste Reise nach seiner Wiederwahl führt Wladimir Putin nach Ankara. Dort trifft der russische Präsident auf einen „lieben Freund“ – und führt das Nato-Mitglied Türkei näher an Russland heran.

          Trotz wachsender Sorge im Westen treibt der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan die Annäherung des Nato-Partners Türkei an Russland voran. Erdogan und der russische Präsident Wladimir Putin vereinbarten am Dienstag bei einem Treffen in Ankara einen Ausbau der Zusammenarbeit auf zahlreichen Feldern, darunter im Verteidigungsbereich.

          Putin sagte, Russland wolle sein Raketenabwehrsystem S400 früher als bislang geplant an die Türkei liefern. „Wir haben die Produktion beschleunigt.“ Die Vereinigten Staaten haben scharfe Kritik an der türkischen Beschaffung des S400-Systems geübt.

          Die russische Agentur Tass berichtete, ursprünglich sollte die Lieferung 2019 oder 2020 beginnen, nun solle sie bis 2020 abgeschlossen sein. Erdogan sagte: „Wir haben auch eine Einigung, was frühe Lieferung betrifft. Wir könnten auch in anderen Bereichen der Verteidigungsindustrie zusammenarbeiten, und wir haben gesehen, dass russische Firmen dafür offen sind.“ Gespräche darüber fänden statt.

          Moskau und Ankara bauen erstes türkisches Atomkraftwerk

          Als Symbol der Annäherung hat der russische Staatschef zum Auftakt seines zweitägigen Besuchs in der Türkei gemeinsam mit Präsident Erdogan den Startschuss zum Bau des ersten Atomkraftwerks der Türkei gegeben. Anschließend zogen sich Putin und Erdogan zu Gesprächen zurück, bei denen der Bürgerkrieg in Syrien das beherrschende Thema gewesen sein dürfte.

          „Wir sind Zeuge eines wahrhaft historischen Augenblicks“, sagte Erdogan in einer Ansprache zur Eröffnung der Bauarbeiten. Die Rede wurde per Video von Ankara aus direkt zur Baustelle in der südlichen Provinz Mersin übertragen. Das geplante Atomkraftwerk Akkuyu solle zur „Energiesicherheit“ der Türkei ebenso beitragen wie zum „Kampf gegen den Klimawandel“.

          Die Dimension des Projekts sei „kaum zu übertreiben“, sagte Putin. Das Atomkraftwerk stelle eine neue Etappe für die wirtschaftliche Entwicklung der Türkei dar.

          Türkei und Russland wollen Handel ausbauen

          Bilder von der Baustelle im türkischen Fernsehen zeigten Arbeiter und ein Feuerwerk anlässlich des Baubeginns. Das Atomkraftwerk soll in Zukunft zehn Prozent des Strombedarfs des Landes decken. Die Anlage wird vom staatlichen russischen Konzern Rosatom errichtet und soll bis 2026 fertiggestellt werden. Die Kosten werden auf 20 Milliarden Dollar (16 Milliarden Euro) veranschlagt.

          Bei dem Besuch Putins in Ankara handelt es sich um die erste Auslandsreise des russischen Präsidenten nach seiner Wiederwahl am 18. März. Im vergangenen Jahr hatten sich Putin und Erdogan acht Mal persönlich getroffen. Neben dem Bau des Kraftwerks verständigten sich Russland und die Türkei auch auf eine Vertiefung ihrer Handelsbeziehungen. Der türkische Präsident sagte nach dem Treffen, dass das Handelsvolumen zwischen beiden Ländern im vergangenen Jahr um 32 Prozent auf 22 Milliarden Dollar zugenommen habe. Ziel sei es, dieses Volumen auf 100 Milliarden Dollar zu steigern. Einen Zeitrahmen dafür nannte Erdogan nicht.

          Im Anschluss an die Eröffnung der Baustelle zogen sich Putin und Erdogan zu Gesprächen mit einem Schwerpunkt auf dem Konflikt in Syrien zurück. Am Mittwoch will der iranische Staatschef Hassan Rohani zu den Gesprächen dazustoßen.

          Ein „lieber Freund“ als Gegner in Syrien

          Russland und die Türkei stehen im Syrien-Krieg auf unterschiedlichen Seiten: Ankara unterstützt Rebellen, Moskau steht ebenso wie Teheran hinter dem syrischen Machthaber Baschar al-Assad. Zuletzt näherten sich die Türkei und Russland aber deutlich an. „Wir arbeiten eng mit Russland zusammen, um den Terrorismus und die Kämpfe in Syrien schnell zu beenden“, sagte Erdogan. Er wolle die Kooperation mit Russland „fortsetzen und weiter ausbauen, jeden Tag“. Putin nannte er einen „lieben Freund“ und betonte die starken Beziehungen zu Russland.

          Zusammen mit dem Iran hatten die Türkei und Russland vergangenes Jahr Verhandlungen zur Beendigung des Syrien-Konflikts im kasachischen Astana initiiert. Der Einfluss der drei Länder in Syrien könnte demnächst weiter wachsen, nachdem der Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, am Donnerstag in einer Rede ein baldiges Ende des Syrien-Einsatzes der amerikanischen Armee angekündigt hatte.

          Ankara beteiligte sich auch nicht an der Ausweisung russischer Diplomaten aus mehr als 20 Ländern als Reaktion auf den Giftanschlag auf den russischen Ex-Spion Sergej Skripal in Großbritannien. Erdogan hatte verkündet, er werde nicht auf der Grundlage von „Unterstellungen“ gegen Moskau vorgehen. Zudem sind Russland und die Türkei durch Waffengeschäfte und den Bau der Gaspipeline Turkstream im Schwarzen Meer verbunden.

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