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Veröffentlicht: 22.03.2015, 14:13 Uhr

Ermordeter Oppositioneller Nemzow half Amerika

Längst gibt es Zweifel an der Version der russischen Ermittler, die islamistische Tschetschenen für den Mord an Boris Nemzow verantwortlich machen. Nun gibt es Hinweise auf ein ganz anderes Motiv: Der Oppositionspolitiker soll den Amerikanern mit Insiderwissen bei den Sanktionslisten geholfen haben.

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© AP Gedenken an den ermordeten Regime-Kritiker Boris Nemzow

Nur wenige Tage nach dem Mord an dem russischen Oppositionspolitiker Boris Nemzow Ende Februar meldeten die russischen Ermittler einen Erfolg. Mehrere Männer aus Tschetschenien wurden als Verdächtige verhaftet. Einer von ihnen, ein Mann namens Saur Dadajew, gestand den Mord sogar. Die Sache schien klar: Die Spur führte mal wieder in den Kaukasus. Es wurde vermutet, dass die Tat einen islamistischen Hintergrund hat.

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Doch bald tauchten Zweifel an dieser Version auf. Ein russischer Menschenrechtsbeauftragter sagte nach einem Besuch in der Gefängniszelle des Mordverdächtigen, dieser sei offenbar gefoltert worden. Er habe nur gestanden, weil man ihm die Freilassung eines inhaftierten Freundes versprochen habe. Sein Anwalt sagte vor einigen Tagen, sein Mandant habe ein Alibi für die Tatzeit.

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Nun gibt es Hinweise auf ein ganz anderes Motiv für den Mord: Nemzows Verbindung zu den Amerikanern. Nemzow soll, wie die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (F.A.S.) aus Sicherheitskreisen erfuhr, nach der Annexion der Krim geholfen haben, die amerikanische Liste mit Sanktionen gegen führende russische Politiker und Geschäftsleute zu verfassen. Die Sanktionen belegen sie mit einem Einreiseverbot und einer Vermögenssperre

Kreml war erbost über Lobbyarbeit

In die Liste der Amerikaner muss Insiderwissen eingeflossen sein. So wurden zwar vor allem enge Freunde und Weggefährten von Präsident Putin mit Sanktionen belegt, aber zu den gelisteten Personen gehörte auch der Vorsitzende des russischen Parlaments, Sergej Naryschkin. Er soll nach Angaben aus Sicherheitskreisen in geheimer Mission auf die Krim gereist sein, um den zukünftigen Gouverneur der Krim auszusuchen.

Dadayev, charged with involvement in the murder of Russian opposition figure Nemtsov, looks out from a defendants' cage in a court building in Moscow © Reuters Vergrößern Der Tschetschene Saur Dadajew hat den Mord an Boris Nemzow zwar zugegeben, doch möglicherweise wurde er vorher gefoltert.

Der russische Oppositionspolitiker Wladimir Milow hält es für wahrscheinlich, dass der Mord an Nemzow mit dessen Engagement für Sanktionen gegen Russland zu tun hat. Präsident Putin und Personen aus seinem Umfeld hätten wegen der Sanktionen größere Probleme bekommen, als sie erwartet hätten. „Sie machten Nemzow schon lange persönlich verantwortlich dafür, dass die Sanktionen in so einer harten Weise verhängt worden sind“, sagte Milow nach dem Mord dem Radiosender Swoboda. Im Kreml sei man über die Lobbyarbeit Nemzows erbost gewesen.

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Auch an einer früheren Sanktionsliste der Amerikaner aus dem Jahr 2012, der sogenannten Magnizkij-Liste, war Nemzow laut den Angaben beteiligt. Diese Sanktionen wurden wegen des Todes des russischen Wirtschaftsprüfers Sergej Magnizkij in einem Moskauer Gefängnis 2009 erlassen. Der russischen Justiz wurde vorgeworfen, den Tod Magnizkijs dadurch herbeigeführt zu haben, dass dem schwer Erkrankten medizinische Hilfe verweigert wurde. Er hatte für die amerikanische Firma Hermitage Capital Management gearbeitet und war wegen Steuerhinterziehung angeklagt worden. Der Fall belastete die amerikanisch-russischen Beziehungen erheblich. Russland verbot als Antwort auf die Sanktionen die Adoption russischer Waisenkinder durch Amerikaner.

Treffen mit McCain

Nemzow hatte konservative amerikanische Senatoren vor einem Jahr aufgesucht, unter ihnen den früheren Präsidentschaftskandidaten John McCain und Senator Ron Johnson. Er hatte ihnen 13 Namen übergeben, die in die Magnizkij-Liste aufgenommen werden sollten - unter ihnen auch enge Gefolgsleute Putins. McCain, Johnson und andere Senatoren haben nun im Auswärtigen Ausschuss des Senats eine Resolution durchgesetzt, die Präsident Obama dazu auffordert, die von Nemzow genannten Personen in die Liste aufzunehmen. Die stellvertretende Außenministerin Victoria Nuland sagte, die amerikanische Regierung werde darüber Ende des Jahres entscheiden. Sie machte die Entscheidung vom Fortgang der Ermittlungen im Fall Nemzow abhängig. Das russische Außenministerium kritisierte diese Stellungnahme.

Nemzow soll von dem amerikanischen Investor George Soros finanziell unterstützt worden sein. Vor seinem Tod war er in russischen Medien immer wieder als „Verräter“ bezeichnet worden. Im vergangenen Jahr hingen im Zentrum Moskaus große Plakate, auf denen Regimekritiker gezeigt wurden: mit Nemzow in der Mitte.

Quelle: F.A.S.

 

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