26.09.2010 · Sind die russischen Behörden mitverantwortlich für den Tod Lech Kaczynskis? Eine polnische Zeitung berichtet nun von schweren Versäumnissen vor dem fatalen Anflug auf den nebelverhangenen Flughafen bei Smolensk.
Von Konrad Schuller, Warschau„Vielleicht schaffen sie es ja“ - womöglich mit dieser Begründung haben die russischen Behörden am 10. April davon abgesehen, den nebelverhangenen Flughafen Sewernij bei Smolensk zu sperren. Als die Worte fielen, war die Tupolew 154 der polnischen Regierung längst im Anflug.
An Bord: Präsident Lech Kaczynski, seine Frau Maria und 94 weitere Reisende - darunter führende Politiker aller Parlamentsparteien, die Leiter staatlicher Institutionen, fast die gesamte militärische Führung des Landes. Die Mission war dem Präsidenten wichtig: Es ging darum, im nahe gelegenen Ort Katyn die vielen tausend polnischen Offiziere zu ehren, die der sowjetische Geheimdienst 1940 dort ermordet hatte. Der Besuch in Katyn sollte der Auftakt des Präsidentschaftswahlkampfs werden.
Sie haben es nicht geschafft. Als die Tupolew gegen alle Vorschriften zur Landung ansetzte, verfehlte sie im Nebel die Landebahn, streifte einen Baum und zerschellte im Wald. Alle Menschen an Bord waren sofort tot. Seither versuchen russische und polnische Behörden, die Ursache des Unglücks zu klären, das Polen in eine wochenlange nationale Trauer stürzte.
Befehlshaber erreicht Moskau nicht
Noch sind die Ergebnisse der Untersuchungen nicht veröffentlicht worden, aber schon früh schien klar zu sein, dass der Landeanflug auf dem Flughafen Sewernij, der keine moderne elektronische Ausrüstung besitzt, unzulässig war - die Sicht betrug 400 bis 500 Meter statt der mindestens erforderlichen 1800. Die Wolken hingen auf 40 bis 50 statt auf 120 Metern Höhe. Warum die Piloten die Landung dennoch versuchten, ist ungeklärt. Die Presse spekulierte, die Umgebung Präsident Kaczynskis könnte darauf gedrungen haben, das Wagnis einzugehen. Einzelne Stimmen von der nationalen Rechten in Polen behaupteten dagegen, die russische Seite habe bewusst die Landung zugelassen, um dem Präsidenten „eine Falle zu stellen“. Beides ist nie bewiesen worden.
Nun aber hat die polnische Zeitung „Gazeta Wyborcza“ am Freitag über neue Erkenntnisse berichtet, die auf die Rolle der russischen Seite ein neues, überaus ungünstiges Licht werfen könnten. Die Zeitung schreibt, aus Telefonmitschnitten vom Kontrollturm des Flughafens gehe hervor, dass der dortige russische Befehlshaber, Oberst Krasnokuzkij, kurz vor dem Unglück mehrere vorgesetzte Dienststellen anrief, um zu fragen, ob er angesichts des katastrophalen Wetters den Flughafen sperren solle. Auf die Bitte, mit dem „Oberbefehlshaber“ in Moskau verbunden zu werden, habe der Oberst aber nur die Antwort bekommen, dieser sei nicht erreichbar. Schließlich habe ihm jemand gesagt, er dürfe den Flughafen nicht sperren. Dabei sollen dann die Worte gefallen sein „vielleicht“ würden die Polen „es ja schaffen“.
Vorwürfe beherrschen das Feld
Falls dieses Gespräch tatsächlich so stattgefunden hat, würde das klar auf eine Mitverantwortung der russischen Behörden hindeuten. Es würde zugleich erklären, warum Russland nach anfänglicher demonstrativer Offenheit und Kooperationsbereitschaft bei den Untersuchungen zuletzt nach Ansicht der Polen immer geiziger mit Beweismaterial umgegangen ist.
Erst diese Woche haben sich polnische Ermittler beschwert, Russland verweigere Einsicht in die Betriebsregeln des Flughafens Sewernij - in genau jene Regeln also, aus denen hervorgehen würde, ob die letzte Entscheidung zur Landung bei den polnischen Piloten lag oder beim russischen Bodenpersonal. Zuvor schon hatte Moskau lange Informationen darüber verweigert, wer neben den beiden Fluglotsen die dritte, verantwortliche Person im Tower war. Das alles hat die Stimmung zwischen Moskau und Warschau merklich getrübt. Nachdem die mitfühlenden Gesten der russischen Führung nach der Katastrophe zunächst in Polen mit großer Rührung vermerkt worden waren, beherrschen seit einiger Zeit wieder Vorwürfe das Feld.
Zugleich verfestigt sich das Bild einer kollektiven Flucht vor der Verantwortung in den Minuten vor dem Unglück. Die russische Seite hat die offenbar notwendige Sperrung von Sewernij vor sich hergeschoben - möglicherweise, um diplomatische Verwicklungen zu vermeiden. Aber auch an Bord des Flugzeugs wollte niemand einen Beschluss fassen, der dem Präsidenten vermutlich missfallen hätte. Die Piloten erfuhren vom Protokollchef Kaczynskis kurz vor dem Absturz lediglich, es gebe „keine Entscheidung“.
Die Verantwortung blieb auf ihnen lasten, während sie im Nebel auf die Piste von Sewernij zurasten. Wie sehr sie dabei unter Druck standen, trotz der an sich unzulässigen Bedingungen die Landung zu versuchen, lässt sich daran ermessen, dass in den letzten Minuten der mitreisende Chef der polnischen Luftwaffe, Generaloberst Andrzej Blasik, selbst ein erfahrener Pilot, im Cockpit erschien - und trotz der sichtbar unzulässigen Bedingungen keine Anweisung gab, den Landeanflug zu unterbrechen. So ist die Entscheidung zuletzt beim untersten Glied der Befehlskette hängengeblieben.
Auch hier muß man ein Schelm sein, wenn man etwa Arges denkt…
Harry LeRoy (Cimon)
- 25.09.2010, 17:29 Uhr
Mythos Heldentod
Ludgar Mankowski (Ludgar1965)
- 25.09.2010, 18:39 Uhr
Dann hatten die Kaczynskis schon wieder Recht gehabt
Stefan Wahowski (Wahowski)
- 25.09.2010, 19:42 Uhr
@Ludgar1965
Jan M (Jan_M)
- 25.09.2010, 19:44 Uhr
Veröffentlicht? Und wo?
Ludgar Mankowski (Ludgar1965)
- 25.09.2010, 20:16 Uhr
Konrad Schuller Jahrgang 1961, politischer Korrespondent für Polen und die Ukraine mit Sitz in Warschau.
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