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Eritreer in Deutschland : Von wegen Freiheit

Auch im Ausland werden Eritreer vom Regime kontrolliert. Bild: Thomas Fuchs

Bis nach Deutschland reichen die Fesseln des eritreischen Regimes. Wer hier lebt, der bleibt trotzdem in Geiselhaft. Einblick in eine Parallelwelt.

          Eritrea beginnt hinter den Gleisen. In der Ottostraße in Frankfurt reihen sich eritreische Bars und Restaurants aneinander, die Türen vergittert, die Fenster verrammelt. Davor stehen Jugendliche und rauchen. Drinnen hocken sie in vernebelten Räumen, trinken Tee mit Zitrone, sprechen über Alltägliches, amüsieren sich. Frei aber sind sie nicht. Denn der lange Arm der Militärdiktatur reicht selbst bis hierhin. Auch in Deutschland stehen Eritreer unter Beobachtung, auch in Deutschland werden sie kontrolliert und schikaniert. Es ist ein blickdichtes System, gut geschützt gegen Neugier von außen. Kaum einer spricht offen darüber. Wer etwas gegen Machthaber Isayas Afewerki oder das Regime sagt, gerät nicht nur selbst in die Schusslinie, sondern muss auch befürchten, dass seine Verwandten in der Heimat verfolgt werden. So schweigen die meisten lieber. Inmitten des Bahnhofsviertels und seiner Zerstreuung hat sich die Angst eingenistet.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Anbessa, 49 Jahre alt, redet trotzdem. Er kann es sich eher leisten, Eritrea zu kritisieren, denn die meisten seiner Verwandten haben das Land inzwischen verlassen. Anbessa trägt Kinnbart, eine beige Jacke und ein beiges Käppi, er sieht aus wie ein gealterter Revolutionär. Seit 1986 lebt er in Deutschland. In den Wirren der eritreischen Befreiungskämpfe floh er in den Sudan und von dort weiter mit dem Flugzeug. Als Anbessa anfängt zu sprechen, wird es an den Nachbartischen des Cafés still. Alle hören mit. Ihn stört das nicht; er kommt gleich zur Sache. Sein wichtigster Kritikpunkt am Regime: die „Aufbausteuer“.

          „Eritreer ist man immer“

          Jeder Eritreer, der im Ausland lebt, muss zwei Prozent seines jährlichen Nettoeinkommens an den eritreischen Staat überweisen. Egal ob er einen Job hat oder Sozialhilfe bezieht. Egal ob er Bürger eines anderen Landes geworden ist oder nicht. „Eritreer“, sagt Anbessa, „ist man immer.“ Die Regierung will von jedem Geld. Und sie hat ein simples Druckmittel: Sobald jemand eine amtliche Bescheinigung aus der Heimat braucht - ein Abschlusszeugnis, eine Heiratsurkunde -, muss er nachweisen, dass er die Aufbausteuer bezahlt hat. Nicht mal ein Paket kann man sonst nach Eritrea schicken.

          Anbessa weigerte sich zu zahlen, solange es ging. Er demonstrierte gegen Afewerki, besuchte Veranstaltungen der Opposition. Dann wurde er schwer krank. Er dachte: Wenn ich sterbe, dann in Eritrea. Dafür musste er allerdings seinen Pass verlängern lassen; und nun war auch er dran. Er musste für all die Jahre nachzahlen.

          Das Geld stützt ein brutales Regime

          Bis 2011 wurde die Aufbausteuer noch direkt in der eritreischen Botschaft in Berlin oder im Konsulat in Frankfurt bezahlt. Das ist inzwischen verboten, weil diplomatische Vertretungen keine Steuern eintreiben dürfen. Aber die Regierung hat andere Wege gefunden, um an das Geld zu kommen. Seine Beamten berechnen die Steuer in Berlin und Frankfurt nur noch; beglichen wird sie in Eritrea. Wer nicht selbst hinfahren will, muss einen Verwandten schicken. Ungefähr eine Million Eritreer leben im Ausland, 70 000 davon in Deutschland. Ihr Geld stützt ein Regime, dessen Machthaber seit über zwanzig Jahren autoritär über das Land herrscht, in dem keine Pressefreiheit existiert, Folter allgegenwärtig ist und selbst Frauen jahrelang im Militärdienst festhängen.

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