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Irak : Ein Fischessen in Mossul

  • -Aktualisiert am

Menschen flüchten Anfang Juli aus der völlig zerstörten Altstadt von Mossul (Irak) Bild: dpa

Als die Amerikaner mit ihrem Feldzug gegen Saddam Hussein begannen, versprach mir ein irakischer Freund ein festliches Essen, wenn der Irak erst befreit wäre. Fast fünfzehn Jahre später warte ich noch immer. Ein Gastbeitrag.

          Der Kampf um die Rückeroberung Mossuls vom „Islamischen Staat“ ist weitgehend vorüber. Die irakische Regierung hat erklärt, der IS in Mossul sei besiegt. Allerdings gebe es weiterhin Widerstandsnester, Selbstmordattentäter und zahlreiche Sprengfallen in den Ruinen, mit denen man sich noch befassen müsse. Die Feiern fallen gedämpft aus. Das ist angemessen.

          Wenn das amerikanische Missgeschick im Irak irgendetwas bewiesen hat, dann dass ein Sieg auf dem Schlachtfeld noch längst nicht den Sieg schlechthin bedeutet.

          Ich habe eine sehr persönliche Vorstellung davon, wie ein Sieg im Irak aussähe. Es wäre der Tag, an dem ich mich am Ufer des Tigris in Mossul um die Mittagszeit zu einem Fischessen niederlassen könnte. 2003 versprach mir mein Dolmetscher und Freund Ahmad Shawkat solch ein Essen. Der aus Mossul stammende Ahmad war als politischer Dissident von Saddam Husseins Regime mehrmals verhaftet und gefoltert worden. Er war Jahre zuvor nach Erbil geflüchtet, in die knapp achtzig Kilometer östlich von Mussul gelegene kurdische Regionalhauptstadt. Wir begegneten uns dort am Abend vor dem Beginn des Kriegs.

          Als wir auf der Suche nach berichtenswerten Geschichten durch Kurdistan fuhren, gab er mir täglich ein Versprechen: Wenn Mossul befreit ist, werde ich Dir ein Fischessen am Ufer des Tigris spendieren. Er versicherte mir, der Fisch aus dem Tigris unweit von Mossul, wo es eine besondere Forellenart gebe, sei der beste der Welt. Ganz sicher besser als Tigrisfisch in Bagdad. Ein Mittagessen im Sonnenschein, während der Tigris vorbeifließt, wäre das perfekte Befreiungsessen.

          Zerstörte Stadt : Menschen in Mossul träumen vom Wiederaufbau

          Tag der Befreiung

          Der Tag der Befreiung des Irak eignete sich indessen nicht für solch ein Essen. Als wir von Erbil her tiefer in die Stadt – die zweitgrößte des Irak – hineinfuhren, verdüsterte sich Ahmads Stimmung. In allen staatlichen Einrichtungen sahen wir Plünderer am Werk. Bei der Irakischen Nationalbank im Stadtzentrum gerieten wir in eine Wildwest-Schießerei. Das Regime hatte sich einfach aufgelöst. Die amerikanische Armee war noch nicht da. In einer Stadt mit anderthalb Millionen Einwohnern gab es keinerlei staatliche Autorität mehr. Da war es unvermeidlich, dass eine Gruppe von Männern versuchte, so viel Geld aus der Bank zu holen, wie sie nur tragen konnten. Kurdische Peschmerga, die aus Erbil und aus den kurdischen Dörfern auf den Ebenen nördlich und östlich von Mossul in die Stadt gekommen waren, versuchten sie daran zu hindern. Sie feuerten mit ihren Kalaschnikows auf die Bank, und aus dem Gebäude heraus wurde das Feuer mit Kalaschnikows erwidert. Ich nahm das Feuergefecht auf, dann brachten wir uns auf dem Ostufer des Tigris in Sicherheit. Als wir über die Brücke rasten, sah ich die Restaurants an der Promenade, deren Tische im Wasser trieben. Das Gebiet war überflutet. Saddams Soldaten hatten die Schleusen am Mossul-Staudamm oberhalb der Stadt geöffnet, und der Pegel des Flusses stieg rasch an.

          Es war zu gefährlich, das Fischessen nachzuholen

          „Du kommst am besten im Herbst wieder, wenn die Lage sich beruhigt hat“, sagte Ahmad, „dann werden wir unser Fischessen nachholen.“ Aber die Lage beruhigte sich nicht, und im Herbst wurde Ahmad ermordet.

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