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Erdogan trifft Putin : Der Zar und der Sultan

Auf einer Wellenlänge? Erdogan und Putin verbinden vor allem gemeinsame Interessen. (Archivbild vom 10. Oktober 2016) Bild: AFP

Das Verhältnis zwischen der Türkei und Russland war zuletzt angespannt. In Moskau versucht Erdogan am Freitag den Schulterschluss mit dem russischen Präsidenten – aus Pragmatismus.

          Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan ist nach Moskau gereist, an diesem Freitag empfängt ihn Präsident Wladimir Putin. Erst im August hatte Erdogan Sankt Petersburg besucht; im Oktober trafen Putin und Erdogan einander in Istanbul und schlossen einen Vertrag über das zwischenzeitlich auf Eis gelegte Gasprojekt „Turkish Stream“ ab. Außerdem soll mit russischer Technik ein Atomkraftwerk namens „Akkuju“ in der Türkei gebaut werden. Im November erklärte Ankara, ein S-400-Flugabwehrsystem von Russland kaufen zu wollen. Auch wenn ein Verkauf des Flaggschiffs der russischen Flugabwehr an das Nato-Land erstaunen würde, erscheinen die türkisch-russischen Perspektiven vordergründig wieder gekittet.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Dabei hatte der Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs durch die türkische Luftwaffe im syrisch-türkischen Grenzgebiet im November 2015 zwischenzeitlich eine militärische Eskalation zwischen beiden Ländern befürchten lassen. Seinerzeit verlegte Moskau ein S-400-Flugabwehrsystem in seine Luftwaffenbasis nahe Latakia als Signal insbesondere an Ankara, dass man künftig feindliche Kampfflugzeuge, die die eigenen Kreise im syrischen Himmel störten, abschießen werde. Moskaus Politiker übten sich in Türkei- und Erdogan-Schelte und machten auch vor der Familie des Präsidenten nicht halt, die am Ölgeschäft mit der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) verdiene. Dutzende Türken wurden aus Russland abgeschoben.

          Doch dank autokratischer Flexibilität endete Moskaus Kampagne Ende Juni vorigen Jahres: Man verwies auf ein Entschuldigungsschreiben Erdogans. Plötzlich war die Türkei vom „Komplizen von Terroristen“, wie es Putin nach dem Abschuss formuliert hatte, neuerlich zum Opfer des IS avanciert.

          Streitthema Syrien

          Doch es bleiben Fragezeichen. Zwar kehrten russische Touristen an türkische Strände zurück. Aber noch immer, und obwohl man schon seit Monaten über die Aufhebung verhandelt, sind russische Sanktionen gegen türkische Lebensmittel in Kraft. Und noch immer müssen Türken ein Visum für Russland beantragen; auch das war eine Strafmaßnahme nach dem Abschuss des Kampfflugzeugs. Um diese Fragen soll es bei den Gesprächen gehen, ebenso um die neuerliche Zusammenarbeit im Energiebereich.

          Ein weiteres, strittigeres Thema ist Syrien; Erdogan bringt seinen Verteidigungsminister mit nach Moskau. Neben Iran sind Russland und die Türkei die „Garantiemächte“ des im Januar gestarteten sogenannten Astana-Prozesses. Der bringt von Ankara protegierte „gemäßigte“ Aufständische mit dem von Teheran und Moskau unterstützten syrischen Regime zusammen, wenn auch bisher nur zu indirekten Verhandlungen.

          Die seit Ende Dezember gültige Waffenruhe ist brüchig. Zuletzt soll Moskau vermittelt haben, als zwischen türkischen Streitkräften und Aufständischen einerseits und Regime-Kräften andererseits ein Wettlauf um die Rückeroberung der nordsyrischen Stadt Al Bab vom IS entbrannt war. Nach der Einnahme Al Babs hatte Ankara als nächstes Ziel die fünfzig Kilometer östlich gelegene Stadt Manbidsch ausgegeben, die von Kurden gehalten wird. Diese werden von Washington unterstützt, das laut einem Erdogan-Berater 500 eigene Soldaten vor Ort hat, und sind wichtige Verbündete im Kampf gegen den IS.

          Bombardierung von türkischen Stellungen

          Auch Moskau pflegt Verbindungen zu Erdogans Erzfeinden und pocht auf deren Teilnahme an den Genfer Gesprächen. Für Putin sind die Kurden am Boden auch als Gegengewicht zu Iran wichtig, mit dem man eigene Spannungen hat. Moskau schlug mit Blick auf den drohenden Zusammenstoß in Manbidsch vor, kurdische und türkische Verbände zu trennen, indem man einen Teil von Gebieten westlich des Flusses Euphrat wie eben Manbidsch Regime-Kräften übergebe, um eine Pufferzone zu errichten. Das erfolgte laut dem russischen Generalstab ab dem 3. März.

          Aus Ankara hieß es, es sei besser, Regime-Kräfte kontrollierten Manbidsch als kurdische Kräfte. Letztere teilten mit, man habe die Stadt mit Rücksicht auf die Zivilbevölkerung übergeben, um diese vor „türkischer Aggression und Besatzung“ zu bewahren. Um die Spannungen zu verringern, trafen sich die Generalstabschefs der Vereinigten Staaten, Russlands und der Türkei am Dienstag in der türkischen Mittelmeerstadt Antalya. Gebiete wie Manbidsch seien „ein überfülltes Schlachtfeld“ geworden, und der geringe Abstand der verschiedenen Kräfte schaffe eine „gefährliche Situation“, was Koordination erfordere, teilte das amerikanische Verteidigungsministerium mit.

          Im Gespräch zwischen Putin und Erdogan dürfte auch folgender Zwischenfall eine Rolle spielen: Als am 9. Februar gerade der neue CIA-Chef Mike Pompeo in Ankara weilte, bombardierte die russische Luftwaffe eine türkische Stellung nahe Al Bab. Drei Soldaten wurden getötet, elf weitere verwundet. Der Kreml machte „unsere türkischen Partner“ für den Zwischenfall verantwortlich, die die Koordinaten zur Verfügung gestellt hätten; man habe an dem Ort Terroristen treffen wollen. Ankara wies das zurück: Man habe den Russen seit zehn Tagen und zuletzt am Vorabend des Angriffs übermittelt, dass dort eine türkische Stellung sei.

          Der Vorfall führte zu Spekulationen über eine bewusste Moskauer Machtdemonstration an die Adresse des Partners. Mit offiziellen Schuldzuweisungen hielt sich Ankara aber zurück, so wie sich Moskau nach dem Mord am russischen Botschafter im Dezember in der türkischen Hauptstadt bemüht gezeigt hatte, den wiedergewonnenen Pragmatismus in den Beziehungen nicht zu gefährden.

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