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Erdbeben in Haiti Auf dem Friedhof der Überlebenden

15.01.2010 ·  Die Einwohner von Port-au-Prince sind weiterhin ganz auf sich gestellt. Die Rettungsmannschaften sitzen am Flughafen fest oder sind nicht einmal bis dahin gekommen. Aus den Ruinen der Hauptstadt von Haiti berichtet unser Korrespondent Matthias Rüb.

Von Matthias Rüb, Port-au-Prince
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Petit-Homme Herold und Jean Philippe Jr. und auch Jean Gregory wohnen seit drei Nächten und drei Tagen auf dem Platz Champ de Mars am Nationalpalast. „Wohnen“ heißt für die drei Jugendlichen in den Trägerhemden und T-Shirts mit amerikanischem Aufdruck, dass sie gemeinsam mit ihren Eltern, Geschwistern und Verwandten den Platz auf einem Laken teilen, das auf dem Gras ausgebreit ist. Wir lange noch? „Wir wissen doch auch nicht, wie es weitergehen soll“, sagt Petit-Homme.

Petit-Homme, da ist er sich ganz sicher, wird eines Tages an einer amerikanischen Universität studieren. Die Häuser der Familien von Petit-Homme und der beiden Jeans standen einmal in der Rue de la Réunion. Sie verläuft direkt hinter dem Nationalpalast durch das Viertel Morne A Tuf. Man könnte die Gegend als Mittelstandsviertel bezeichnen, jedenfalls nach haitianischen Verhältnissen.

Elendslager auf allen Plätzen

Dort gab es bis zum Erdbeben vom Dienstag Häuser mit vielleicht drei Wohnräumen. Manche hatten sogar einen zweiten Stock. Dazu gab es viele kleine Geschäfte, Handwerksbetriebe, Büros von Notaren, Zahnarztpraxen. Von hier zu den kleinen Häuschen mit einem Raum zum Schlafen, Kochen und Wohnen, zu den Hütten aus Wellblech und Plastikplanen, die in den vergangenen Jahrzehnten in den Hügeln und entlang steiler Böschungen ohne Planung und Erlaubnis gebaut wurden, sind es nur ein paar Kilometer. Doch der Abstand ist groß, dass der Weg des sozialen Aufstiegs, den sich Jugendliche wie Petit-Homme auch draußen in den Armenvierteln erträumen mögen, im Lebensabschnitt einer Generation kaum zurückzulegen ist.

Doch vor dem Elend und dem Tod, der mit dem Beben vom Dienstagabend über die anderthalb bis zwei Millionen Menschen gekommen ist, die in Port-au-Prince und den umliegenden Vorstädten wie Delmas, Pétionville und Carrefour leben, sind plötzlich alle gleich. In der Gegend um den Nationalpalast, entlang der Avenue John Brown oder der Avenue Martin Luther King, wo die Zerstörungen besonders verheerend sind, halten Zehntausende Menschen ebenso am nackten Überleben fest wie in einem Elendsviertel von Pétionville, von dem ganze Abschnitte beiderseits eines Flusses zusammen mit der steilen Böschung in die Tiefe gerutscht sind und zu einem Haufen Geröll reduziert wurden, über dem aus unerfindlichen Gründen eine Handvoll französischer Fahnen wehen.

Lager wie jenes auf dem Champ de Mars vor dem Nationalpalast, wo sich Familien an arbeitsfreien Tagen im Sonntagsstaat zum Promenieren und zum Picknick zu treffen pflegten, gibt es heute an jedem offenen Platz in Port-au-Prince. Wieviele Menschen allein auf dem Champ de Mars campieren, wieviele Menschen überhaupt in Port-au-Prince nun schon seit drei Nächten und Tagen unter freiem Himmel essen, trinken, schlafen, sich waschen und auch ihre Notdurft verrichten, vermag niemand zu schätzen. Ebensowenig kann irgendjemand sagen, wieviele Menschen gestorben sind und wieviele verletzt wurden. Die Schätzung, man müsse mit mehr als 50 000 Toten rechnen kann ebenso zutreffen wie jene, es seien mindestens 100 000 - allein in der Hauptstadt. Und wie es in anderen Städten aussieht, etwa in Carrefour ein paar Kilometer westlich von Port-au-Prince, oder auch in dem Ferienort Jacmel an der Südküste, ist vollends ungewiss.

Auf sich allein gestellt

In Jacmel sei mit mindestens 2500 Toten zu rechnen, hieß es am Freitag. Nicht einmal in der Hauptstadt sind Wasser und Lebensmittel, Medikamente und Verbandszeug, Zelte und Decken bei den hilfsbedürftigen Menschen angekommen. Der bei dem Beben nur wenig beschädigte Flughafen im Norden ist zwar funktionsfähig. Da nun aber Rettungsmannschaften und Hilfslieferungen aus vielen Ländern eintreffen war er am Donnerstag und Freitag hoffnungslos überlastet. In den verstopften Straßen, in den Lagern aus Zelten und Plastikplanen, schon gar in den Hospitälern und Krankenstationen herrscht am Freitag weiter das Chaos.

Hier und da sieht man ein weißes Panzerfahrzeug oder einen offenen Mannschaftstransporter der UN-Truppen. Doch die „Blauhelme“ können oder wollen kaum etwas tun - außer den chaotischen Verkehr mit hilflosen Versuchen zur Regelung noch chaotischer zu machen und von ihren offenen Mannschaftswagen aus Erinnerungsfotos von den schlimmsten Verwüstungen zu schießen. Besonders beliebt ist offenbar der Nationalpalast, dessen Mittelkuppel immer tiefer in das beschädigte Gebäude versinkt und am Freitag den Boden erreicht zu haben schien.

In den Ruinen von Port-au-Prince sind die Überlebenden vorerst auf sich selbst angewiesen, sie helfen sich selbst, so gut es eben geht. Das Haus der Familie von Jean Gregory in der Rue de la Réunion 194 liegt wie so viele andere in Trümmern. Eine Tante ist beim Einsturz getötet worden. Die Leiche konnten sie bergen - und haben sie zu den anderen Leichen gelegt, die dort schon auf dem Bürgersteig lagen. Dort wird sie noch immer liegen. Jean, sein Vater und die Geschwister versuchen, Lebensmittel und Wasser zu kaufen, die von den fliegenden Händlern noch angeboten werden. Die Mutter bereitet so etwas wie ein Mittagessen zu, auf einem improvisierten Holzkohleofen.

Das Geld geht aus

Die Bargeldvorräte gehen zur Neige. Wie man an Geld kommt, weiß niemand, denn alle Banken sind „geschlossen“ - zerstört. Die dreistöckige Zentrale der Citi-Bank ist in sich zusammengesunken, auf der Straße neben der gewaltigen Schutthalde, aus der am Donnerstag noch zwei Verletzte lebend geborgen werden konnten, liegen Unterlagen über Kontoverbindungen, Akten mit handschriftlichen Zahlenkolonnen und Geschäftsbriefe.

In jedem Park, auf jeder freien Fläche sind in Port-au-Prince Planen und Decken ausgebreitet, auf denen Babies schlafen, Verletzte dahindämmern, Kinder sich balgen. Oder es liegen Äste und dünne Baumstämme auf der Straße, um dem chaotischen Straßenverkehr - den gibt es noch - ein paar Quadratmeter Fläche zum Sitzen und Liegen abzutrotzen. Wer ein Zelt retten und aufschlagen konnte, lebt in einem Königreich. Die Frauen haben sich Ecken eingerichtet, in denen sie gemeinsam oder abwechselnd kochen. Aber auch die Straßenverkäufer, die wie eh und je gegrillte Hühnchen, frittierte Kochbananen, auch Obst und Gemüse feilbieten, bekochen das Untergangsszenario. Noch kommen Gemüse und Obst vom Land in die Stadt, aber importierte Grundnahrungsmittel wie Reis werden bald zur Neige gehen.

Wer aufs Land hinaus kann, am besten in den vom Beben kaum betroffenen Norden, verlässt mit ein paar Habseligkeiten die Stadt. Überfüllte Lastwagen, auf denen Menschentrauben zusammengepresst sind, laden noch mehr Passagiere und Gepäckbündel auf.

Nur vereinzelt sind Bagger und Lastwagen unterwegs

Die erschütterndsten Szenen stummen Leidens spielen sich nach wie vor in den Hospitälern und Krankenstationen sowie wie vor allem auf den Straßen und Gehwegen davor ab. Vor dem „Hopital de la Trinité“ der Hilfsorganisation „Medecins sans Frontières“ im Stadtteil Nazon liegen Männer, Frauen und Kinder mit zerschmetterten Gliedmaßen, gebrochenen Beinen und schweren Kopfwunden auf dem Boden. Verwandte halten ihnen die Hand, murmeln ihnen von Zeit zu Zeit etwas zu. Das Gesicht eines Jungen ist bis zur Unkenntlichkeit verkrustet und zugeschwollen, sein Vater flößt ihm mit einem Strohhalm Wasser ein. Wer stirbt, wird beiseite getragen und notdürftig zugedeckt.

In der Hitze von tagsüber gut 30 Grad sind die Leiber bald aufgedunsen. Dann verrutschen die Decken und Plastikplanen, mit denen die sterblichen Überreste bedeckt worden waren. Dann recken sich aus den zu Haufen aufgestapelten Leichen erstarrte Arme in die Höhe, als riefen die Menschen noch einmal vergeblich um Hilfe.

Nur vereinzelt kommen Pritschenwagen der haitianischen Behörden, kommen Bagger und Lastwagen. Dann werden einige Leichen wie Bauschutt aufgeladen und fortgeschafft. Nur die „Médecins sans Frontières“, die Ärzte ohne Grenzen können den Toten einen Rest an Würde geben, wenn sie zu den Massengräbern gefahren werden, die UN-Truppen mit ihren Baggern vor den Toren der Stadt ausheben. Sie haben Leichensäcke. In der Hofeinfahrt zum Grundstück der Organisation liegt eine Frau auf einer Matratze im Todeskampf. Die Angehörigen beten und singen. Wie benommen verfolgen die Umstehenden das Geschehen und gehen schließlich ihrer Wege, nachdem die Beladung eines Lastwagens beendet ist. Die kleinen Körper von Kindern und Babies sind doppelt und dreifach in einen Leichensack gewickelt. Der Verwesungsgeruch ist allgegenwärtig, kein Mundschutz hält ihn fern.

Nur eine Frage der Zeit bis zum Ausbruch von Seuchen

Um die Lager der Stadtflüchtlinge in ihrer eigenen Stadt mischt sich dieser Geruch mit Fäkaliengestank. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Seuchen ausbrechen. Immerhin hat es nicht geregnet. Nicht auszudenken, wenn die Stadt nicht nur von einer Staubschicht, sondern auch von einer Schlammschicht überzogen wird.

Bis zum Freitag konnten drei Radiosender ihre Sendungen wieder aufnehmen, sie berichten von Plünderungen. Gerüchte schwirren umher. Das Gefängnis nahe dem Flughafen wurde zerstört, viele Gefangene kamen frei. Zieht man aber in Betracht, dass es in Haiti, einem verarmten Land mit fast zehn Millionen Einwohnern, gerade einmal 9000 Polizisten gibt, dann ist vor allem die Kunst der Haitianer zur Selbsthilfe in schier aussichtsloser Lage, auch die Solidarität in der Stunde des Elends bemerkenswert. Die haitianischen Behörden sind überfordert, einen Katastrophenschutz gibt es nicht, und eine Armee oder Nationalgarde hat das Land ohnehin nicht.

Derweil steckt die Hilfe der Welt am verstopften Flughafen fest. Was funktioniert, ist bisher einzig die Selbsthilfe der Hilfsbedürftigen, die ihre Liegeplätze fegen, das Geschirr und sich selbst an den wenigen funktionierenden Brunnen waschen, den Müll zu großen Haufen zusammenkehren und verbrennen. Am Donnerstag und Freitag treffen immer mehr Suchmannschaften mit Spürhunden ein, obwohl die Aussicht darauf, drei Tage nach der Katastrophe noch Überlebende unter den Trümmern zu finden, kaum mehr besteht. Präsident René Préval, dessen Residenz - der Nationalpalast - ebenso in Trümmern liegt wie sein privates Wohnhaus, lebt und arbeitet am Flughafen. Dort tritt er gelegentlich zu den dort versammelten Reportern und gibt Interviews, in denen er sagt, was alle Welt weiß: dass sein Land dringen Nothilfe und danach für Jahre Hilfe zum Wiederaufbau braucht.

Die Hunde schlagen nicht an

Eine Suchhundstaffel der spanischen Feuerwehr sitzt seit Stunden tatenlos auf dem Flughafen, weil es eine Vorschrift der UN gibt, wonach nach drei Uhr nachmittags „wegen Einbruchs der Dunkelheit“ nicht mehr ausgerückt werden darf. Die Sonne geht in Port-au-Prince um 17.30 Uhr unter, und dunkel wird es erst kurz nach 18 Uhr. Als die Staffel die Bitte einer wohlhabenden Familie und eines mit ihr befreundeten Konsuls erreicht, der zum Flughafen geeilt ist, rücken die Männer am späten Abend doch noch einmal aus - Vorschriften hin, Vorschrift her. „Wir sind doch hier, um zu arbeiten und nicht herumzusitzen“, sagt der Staffelführer.

In dem zweistöckigen Bürogebäude unweit des Flughafens waren ein Architekturbüro und andere Unternehmen untergebracht. Es ist in sich zusammengesackt, ein Gewirr aus Steinen, verborgenem Stahl, Möbeln und Papieren. Seit Dienstagabend hat die Familie auf eigene Faust nach dem verschütteten Chef des Architekturbüros graben lassen. Auf einen Zettel hat die Tochter des Verschütteten aufgezeichnet, wo sich dessen Büro befunden hat: Es ist weit hinten, wo das Haus am tiefsten eingesackt ist. Scheinwerfer sind aufgestellt, Generatoren knattern. Durch den Zaun vor dem Grundstück verfolgen Dutzende, um die ein solcher Aufwand nie betrieben würde, wenn sie selbst verschüttet worden wären, das Geschehen. Der erste Hund springt über die Trümmer in das Gebäude, verschwindet zwischen den Trümmern, gefolgt von einem Mitglied der Suchstaffel. Der Hund wittert etwas, bellt aber nicht, was er tun müsste, wenn er auf etwas gestoßen wäre, das noch lebt. Der zweite Hund umkreist dieselbe Stelle, schlägt aber ebenfalls nicht an. Es gibt kaum mehr Hoffnung. Die Feuerwehrleute aus Madrid kommen mit finsterer Miene aus den Trümmern und rücken wieder ab.

Wieviele Menschen unter den Trümmern verschüttet sind, kann man nur ahnen. Während manche Stadtteile von Port-au-Prince von dem Beben wie durch ein Wunder nicht betroffen wurden, liegt in Straßenzügen zumal nahe dem Stadtzentrum mindestens jedes zweite Haus in Trümmern. In die beschädigten Häuser kehrt niemand zurück, denn auch am Freitag sind mehrere leichte Nachbeben zu spüren. Irgendwann wird man mit schwerem Gerät die Überreste ganzer Straßenzüge wegschaffen und von grundauf neu errichten müssen. Jetzt sind die Trümmerfelder Friedhöfe, auf denen die Überlebenden hausen.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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