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Erdbeben Die Hilfs-Euphorie ist schnell verflogen

12.10.2005 ·  Weil die Pakistaner Angst vor Spionage haben, werden keine indischen Soldaten im Erdbebengebiet des Nachbarlandes zum Einsatz kommen. Trotz zehntausender Toter lehnt Islamabad das Hilfsangebot ab.

Von Jochen Buchsteiner, Delhi
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Kurze Zeit sah es so aus, als könne die gemeinsam erlittene Naturkatastrophe Indien und Pakistan einander näher bringen. In den Stunden nach dem Erdbeben kam es entlang der „Line of Control“, die Kaschmir seit bald 60 Jahren teilt, zu spontanen Hilfsangeboten über den Grenzzaun.

Truppenkommandeure hätten Verbindung zueinander aufgenommen und nach den Bedürfnissen auf der anderen Seite gefragt, bestätigte der indische Armeechef J.J. Singh. Am Abend des Erdbebentages telefonierten dann Premierminister Manmohan Singh und der pakistanische Präsident Musharraf miteinander und kondolierten sich gegenseitig. „Die Katastrophe eröffnet eine Chance für Indien und Pakistan, den Wiederaufbau gemeinsam zu bewältigen“, frohlockte der indische Außenpolitik-Experte Raja C. Mohan am Tag danach. Das Erdbeben werde „natürlich helfen, den Friedensprozeß voranzutreiben“, pflichtete ihm der frühere Staatssekretär im Außenministerium, Lalith Mansingh, bei.

Indien bietet mehr an, als Pakistan annehmen will

Diese Euphorie ist mittlerweile abgeklungen. Statt auf die Offerte Delhis einzugehen, gemeinsame Rettungsoperationen im pakistanischen Katastrophengebiet zu realisieren, bot die Regierung in Islamabad großspurig an, ihrerseits den Indern helfen zu wollen - eine Reaktion, die im Außenministerium in Delhi höflich mit mit dem Wort „Überraschung“ quittiert wurde. Anders als Pakistan hatte die indische Armee die Lage in ihrem Territorium schnell im Griff. Auch das Ausmaß der Zerstörung sowie die Zahl der Opfer in Indien ist etwa zwanzig mal niedriger.

Nur so viel Unterstützung nahm Pakistan an, daß sich der große Nachbar nicht vollends vor den Kopf gestoßen fühlte. Am Dienstag durfte eine indische Transportmaschine mit 25 Tonnen Hilfsgüter an Bord in Islamabad landen, eine Erlaubnis für den Flughafen in Muzaffarabad erhielt sie nicht. Indien hatte weit mehr angeboten - nämlich genau das, was Musharraf am dringendsten benötigte: Hubschrauber mit erfahrenen Rettungsmannschaften an Bord, die schon während des Tsunami vor neun Monaten notleidende Menschen versorgt hatten.

Der Friedensprozeß ist immer noch belastet

Weil einige der abgeschnittenen Dörfer im pakistanischen Teil Kaschmirs von Islamabad aus nur schwer zugänglich sind, hatte sich Mamohan Singh außerdem bereit erklärt, Hilfsgüter auf dem indischen Landweg einzuführen. Das pakistanische Außenministerium reagierte hinhaltend: Man müsse erst „die Erfordernisse überprüfen“, hieß es. Unter Diplomaten gilt das als eindeutige Antwort: Man will es nicht.

Daß Pakistan dringend benötigte Hilfe ablehnt - zu diesem frühen Zeitpunkt waren noch keine ausländischen Rettungsteams im Land -, zeigt, welchen Belastungen der Friedensprozeß mit Indien noch immer ausgesetzt ist. „Es war eine geradezu ideale Gelegenheit, den festgefahrenen Prozeß mit einem mal zu öffnen“, sagte der Pakistan-Fachmann V. Sudarshan vom Magazin „Outlook“ in Delhi. „Aber die Reife ist noch nicht da - nicht mal in einem Schicksalsmoment“.

Es geht um mehr als um Gesichtswahrung

Die im April 2003 angestoßene und im Januar 2004 bekräftigte Wiederannäherung hat zwar eine Reihe vertrauensbildender Maßnahmen hervorgebracht, nicht zuletzt einen anhaltenden Waffenstillstand an der „Line of Control“. Auch sind Verkehrswege zwischen beiden Ländern wiedereröffnet, Visabestimmungen erleichtert und die diplomatischen Beziehungen auf ein Normalmaß zurückgeführt worden - aber von nachhaltigem gegenseitigen Vertrauen ist auf beiden Seiten noch immer wenig zu spüren.

Pakistan möchte nach Einschätzung indischer Journalisten und Diplomaten nicht öffentlich eingestehen, daß es ausgerechnet Unterstützung vom südliche Rivalen braucht. Das umso weniger, als sich Indien (wie schon während des Tsunami) als souveräner Manager der eigenen Katastrophe präsentierte - und selbst Hilfsangebote aus Amerika und Europa ablehnte. Doch in Islamabad geht es um mehr als um Gesichtswahrung. „Indische Soldaten sind im pakistanischen Teil Kaschmirs noch immer unvorstellbar“, heißt es in westlichen Diplomatenkreisen. Zu groß sei die Sorge in Islamabad, sie könnten die humanitäre Mission dazu mißbrauchen, sich ein militärisches Bild von der Lage im pakistanischen Grenzgebiet zu machen.

Pakistan versichert: kein Unterschlupf für Rebellen

Tatsächlich wird in indischen Sicherheitskreisen seit Samstag darüber spekuliert, ob und welche Ausbildungslager für Terroristen vom Erdbeben vernichtet wurden. Muzaffarabad und die umliegenden Ortschaften dienten muslimischen Jihadis viele Jahre lang als logistische Basis. Tausende gewaltbereite Terroristen - nicht nur Pakistaner - wurden hier in Sabotage- sowie Bombentechniken geschult, bevor sie über die grüne Grenze in den indischen Teil der Provinz gelangten. Der „Indian Express“ berichtete am Mittwoch mit Bezug auf Geheimdienstquellen, daß Einrichtungen der berüchtigten Terrorgruppe „Lashkar-e-Toiba“ in Muzaffarabad und Mansheera sowie Camps der „Harkat-ul-Mujahedin“, der „Al Badar“ und der „Hisbul Mujahedin“ in verschiedenen Ortschaften des Erdbebengebietes zerstört seien. Aber genau weiß das niemand.

Bestätigt wurden bislang nur Berichte, nach denen Flüchtlingslager, die seit Anfang der neunziger Jahre verfolgte Rebellen aus dem indischen Teil Kaschmirs aufgenommen hatten, in Mitleidenschaft gezogen wurden. Der Vorsitzende des kaschmirischen Rebellendachverbands „Hurriyat“, Mirwaiz Umar Faruk, sprach von 200 toten Flüchtlingen allein in Muzaffarabad. Ein Sprecher der „Hurriyat“-abtrünnnigen Extremisten um Syed Ali Shah Geelani bestätigte hohe Verluste in den Reihen der geflohenen Widerstandskämpfer.

Nicht frei von Heuchelei

Obwohl Musharraf stets versichert, sein Land biete kaschmirischen Rebellen keine Basis mehr, begleiten entsprechende Anschuldigungen Delhis seit Beginn die Friedensgespräche. Islamabad interpretiert Gewalttaten gegen indische Soldaten in Kaschmir, die trotz des Friedensprozeßes kein Ende finden, in der Regel als natürliche Erhebungen eines unterdrückten Volkes gegen eine Besatzungsmacht.

Das indische Unverständnis über die Ablehnung ihres Hilfsangebots ist allerdings ebenfalls nicht frei von Heuchelei. Der „Express“ schrieb am Mittwoch in einem Kommentar, daß Indiens Reaktion „nicht sehr viel anders“ ausgefallen wäre, hätten in einem Katastrophenfall die Pakistaner uniformierte Helfer für den indischen Teil Kaschmirs angeboten. Beide Seiten interessieren sich für den Zustand der jeweiligen militärischen Infrastruktur. „Man darf davon ausgehen, daß auch humanitär eingesetzte Soldaten herausfinden wollen, wie stark die pakistanischen Stellungen vom Erdbeben betroffen sind“, vermutet ein westlicher Diplomat in Delhi.

Bringt die Katastrophe Kaschmirer zusammen?

Das Taktieren zwischen den beiden Hauptstädten zeigt, wie weit das wohlklingende „Konzept weicher Grenzen“, das Musharraf und Singh bei Ihrem Gipfeltreffen im Frühsommer vereinbart haben, von seiner Umsetzung entfernt ist. Zumindest auf der politischen Ebene „leben die Stereotypen fort“, meint Sudarshan. Nicht nur Pakistan scheint den Moment verstreichen zu lassen, auch Indien hat die Katastrophe nicht glaubhaft für einen Neuanfang genutzt. Nur wenige Stunden, nachdem das Erdbeben Dutzende indischer Soldaten unter Trümmern begraben hatte, töteten überlebende Kameraden neun „Rebellen“ in Kaschmir.

Manche hegen die kleine Hoffnung, daß wenigstens die Kaschmirer im Unglück zusammenfinden. Mehrere Rebellenorganisationen haben angekündigt, die Waffen vorübergehend Ruhen zu lassen. Optimisten glauben, im indischen Teil der Provinz könnten die weithin verhaßten Truppen mit anderen Augen betrachtet werden, wenn sich ihre Rolle als Katastrophenhelfer in Uniform erst überall herumgesprochen habe. Umgekehrt könnten im pakistanischen Teil die Zweifel daran wachsen, ob die Interessen tatsächlich am besten bei einer Regierung aufgehoben sind, die nützliche Hilfsangebote aus Indien ausschlägt. Aber das sind Konjunktive. Zum vorerst bleibenden Symbol ist die eingestürzte „Friedensbrücke“ geworden, die die beiden Teile Kaschmirs miteinander verbindet. Die nächste Busverbindung, die für den 20. Oktober geplant war, wurde auf unbekannt verschoben.

Quelle: F.A.Z. vom 13. Oktober 2005
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Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.

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