07.03.2005 · Washington hat die Vorwürfe der Journalistin Giuliana Sgrena zurückgewiesen, amerikanische Soldaten hätten möglicherweise gezielt auf sie geschossen. Italien nahm Abschied von dem im Irak getöteten Nicola Calipari.
Washington hat die Vorwürfe der italienischen Journalistin Giuliana Sgrena entschieden zurückgewiesen, amerikanische Soldaten hätten möglicherweise gezielt auf sie geschossen. „Es ist absurd zu behaupten, daß unsere Männer und Frauen in Uniform absichtlich auf unschuldige Zivilisten zielen würden“, sagte der Sprecher des Weißen Hauses, Scott McClellan, am Montag in Washington.
McClellan warnte zugleich vor voreiligen Schuldzuweisungen. Die Details des Vorfalls seien zur Stunde noch nicht geklärt, sagt er. Solange die Untersuchungen noch andauerten, sollte es keine Vorverurteilung geben. McClellan wies darauf hin, daß die Straße zum internationalen Flughafen von Bagdad eine der gefährlichsten im ganzen Land sei.
Dort hätten Selbstmordattentäter eine Reihe von Anschlägen unternommen und ehemalige regimetreue Kräfte auf amerikanische Soldaten geschossen. „Unsere Männer und Frauen sind in einer Kriegszone“, sagte McClellan. „Oft müssen sie in Sekundenbruchteilen Entscheidungen treffen, um ihr eigene Sicherheit zu schützen“, sagte er. Der amerikanisch Präsident George W. Bush hatte eine vollständige Aufklärung des Vorfalls versprochen.
Italien nimmt Abschied
Rom hatte am Montag den im Irak getöteten Geheimdienstmitarbeiter Nicola Calipari mit einem Staatsbegräbnis geehrt. An der bewegenden Zeremonie für den 52 Jahre alten Mann, der am Freitag abend kurz nach der Freilassung von Giuliana Sgrena durch die Schüsse amerikanischer Soldaten ums Leben kam, nahmen unter anderem Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi und Ministerpräsident Silvio Berlusconi sowie die Hinterbliebenen teil. Tausende Trauergäste spendeten langen Applaus, als der Sarg in die Kirche getragen wurde.
Der Beamte habe in „höchster Selbstlosigkeit gehandelt, als er sein eigenes Leben gab, um eine anderes zu retten“, sagte ein Militärgeistlicher vor den Trauergästen in der Kirche Santa Maria degli Angeli. Calipari hatte sich nach den Worten der Journalistin im Auto schützend vor sie gebeugt, als sie nach ihrer Freilassung aus einmonatiger Geiselhaft auf dem Weg zum Flughafen Bagdad beschossen wurden. Er wurde von einer Kugel in die Schläfe getroffen und war sofort tot.
Nach Angaben der amerikanischen Armee fuhr das Auto schnell auf eine Straßensperre zu, der Fahrer habe die Aufforderung zum Anhalten ignoriert. Sgrena, die ebenfalls durch Schüsse verletzt wurde, bestreitet dies und erhob schwere Vorwürfe gegen die amerikanischen Streitkräfte. Die 56 Jahre alte Journalistin schloß nicht aus, daß die amerikanischen Soldaten das Fahrzeug absichtlich beschossen hatten.
„Nicht grundlos sterben“
Nach ihrer Darstellung haben die Soldaten völlig grundlos das Feuer auf den Wagen eröffnet. Sie sagte, sie habe Caliparis Witwe versprochen, die Wahrheit über den dramatischen Zwischenfall herauszufinden. „Solch außergewöhnliche Menschen dürfen nicht grundlos sterben“, sagte Sgrena im Fernsehsender TG5.
In einem am Montag veröffentlichten Interview der Tageszeitung „Corriere della Sera“ sagte die Journalistin: „Ich glaube, aber das ist nur eine Hypothese, daß ihnen das glückliche Ende der Verhandlungen unangenehm war. Die Amerikaner sind gegen diese Art von Operation. Krieg ist für sie Krieg, ein Menschenleben zählt nicht viel.“ In ihrer Zeitung „Il Manifesto“ schrieb Sgrena am Wochenende, ihre Entführer hätten sie zu größter Vorsicht ermahnt, „weil die Amerikaner nicht wollen, daß du zurückkehrst“.
Wurde Lösegeld bezahlt?
Der italienische Kommunikationsminister Maurizio Gasparri rief Sgrena hinsichtlich ihrer Vorwürfe zu mehr Bedacht auf. „Ich verstehe die Emotion dieser Stunden, aber diejenigen, die in den letzten Wochen unter Streß standen, sollten sich zusammennehmen und keinen Unsinn äußern“, sagte Gasparri laut einer Meldung der Nachrichtenagentur ANSA. Die Schüsse auf Sgrenas Wagen stellten die italienische Unterstützung für den Wiederaufbau des Iraks nicht in Frage.
Unbestätigten Berichten zufolge soll für Sgrenas Freilassung Lösegeld gezahlt worden sein. Bereits vor dem Begräbnis nahmen rund 100 000 Italiener von dem Toten Abschied. Bis in die frühen Morgenstunden strömten die Menschen zum Sarg. „Sein Opfer darf nicht vergeblich gewesen sein“, sagte der Priester in einer kurzen Predigt. Sgrena, die bei den Schüssen an der Schulter verletzt wurde und in einem römischen Krankenhaus liegt, war nicht anwesend.