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Entführung und Machtkampf „Wo die Zionisten nicht hinkönnen“

27.06.2006 ·  Auf der Suche nach dem entführten israelischen Soldaten wird der beschränkte Einfluß des palästinensischen Präsidenten Abbas deutlich. Die Rolle von Ministerpräsident Hanija ist unklar. Wichtiger als der Entführte scheint der Machtkampf in der Hamas zu sein.

Von Jörg Bremer, Jerusalem
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Die vermeintlich mächtigsten Politiker im palästinensischen Gebiet kamen am späten Montag zusammen und erreichten nichts. Der palästinensische Präsident Abbas von der PLO forderte Ministerpräsident Hanija von der Hamas auf, auch die ihm unterstehenden Sicherheitsdienste auf die Suche nach dem 19 Jahre alten entführten israelischen Soldaten zu schicken. Doch Hanija lehnte ab. Wollte Hanija nicht, oder kann er nicht?

Die Macht von Abbas im Gazastreifen reiche gerade bis zu seiner Gartenmauer, heißt es. Der einzige Politiker aus dem Abbas-Lager mit Einfluß sei sein früherer Sicherheitschef Dahlan. Doch der scheint sich zurückzuhalten. Er muß auf sein Ansehen achten: Die Entführung des Soldaten ist in den besetzten Gebieten populär, gilt als gerechte Gegenmaßnahme gegen den Tod vieler Zivilisten bei Israels „gezielten Tötungen“. Ist Hanija auch mehr an seinem Ruf auf der Straße interessiert als an der Zukunft der palästinensischen Autonomie, die einst als ordentlicher Staat erscheinen will?

Die Beute keineswegs freigeben

Offensichtlich hat sich der bisher populäre Ministerpräsident mit Aufrufen, den Soldaten schnell wieder freizugeben, nicht beliebt gemacht. So trifft sich sein Außenminister Zahar zwar mit Diplomaten, die sich um die Freilassung bemühen, doch in den Erklärungen aus seinem Außenministerium steht kaum etwas über den Soldaten. Die palästinensischen Politiker werden vom Volk mit der Forderung bestürmt, die Beute keineswegs freizugeben.

Alle israelischen Regierungschefs hätten sich auf Geschäfte eingelassen, oft Lebende für israelische Leichen getauscht. Jetzt müsse Ministerpräsident Olmert für den Soldaten von seinen etwa 8500 palästinensischen Gefangenen die 109 Frauen und 313 Jugendliche unter 18 Jahren ziehen lassen. Olmert lehnt das derzeit vehement ab. Er verweist auf das Blut an den Händen dieser Leute. Aber Minister Rafi Eitan von der Pensionärs-Partei und Mitglied im Sicherheitskabinett schließt eine Kurswende Olmerts, einen nahöstlichen Handel nicht aus.

Durch den Schmuggel-Tunnel nach Ägypten?

Zurück im Gazastreifen scheint Abbas tatsächlich ohne Einfluß zu sein. Seine Warnung an Hanija und Zahar, Israel werde auch sie persönlich verfolgen, verhallt. Abbas ist selbst schon Opfer der israelischen Gegenmaßnahmen. Die Region ist hermetisch abgeriegelt. Er kann den Gazastreifen nicht verlassen. Es kommen keine Waren in das Land, obwohl Gaza von Importen abhängig ist. Die Lieferung von Benzin wurde gestoppt. Es wird offenbar ernsthaft daran gedacht, Wasser und Strom zu kappen. Der israelischen Regierung scheint jede Option besser zu sein als ein militärischer Einmarsch in eines der am dichtesten bevölkerten Gebiete auf Erden, auch wenn sie Truppen an der Grenze zusammengezogen hat.

Da scheint bisher auch noch niemand zu wissen, wo im Süden des Gazastreifens der offenbar leicht an Schulter und Bein verwundete Soldat festgehalten wird. Meldungen, ägyptische Vermittler hätten sein Versteck herausgefunden, bestätigten sich nicht. Er sei in einem „sicheren Versteck, wo die Zionisten nicht hinkönnen“, teilten die Verschwörer mit, mehr nicht. Israel fürchtet, der Soldat könnte durch einen Schmuggel-Tunnel nach Ägypten weiter entführt werden. Hanija und Zahar sind fast die einzigen prominenten Hamas-Politiker, die noch offen auftreten. Hanija selbst aber scheint es nicht einmal zu gelingen, den Kommandeur des militärischen Flügels der Hamas, Jaabari, zu erreichen. Der versteckt sich, nicht zuletzt weil er die Entführung plante. Nur über Dritte hält Hanija Kontakt zu ihm.

Sinwar und Durmusch untergetaucht

Jaabari gehorcht nicht der gewählten Hamas-Führung sondern dem Hamas-Exilpolitiker Meschal in Damaskus, der die Entführung offenbar befahl, nicht zuletzt, um Hanija und Zahar das Regieren zu erschweren. Meschal war gegen die Beteiligung an den Wahlen und ist gegen jeden Kompromiß mit der „zionistischen Einheit“. Meschal könnte dem Vernehmen nach die Freilassung des Soldaten verfügen. Aber dafür will er mehr Einfluß und Macht, ein Scheitern des Dialogs der Hamas mit Abbas - und eben auch palästinensische Gefangene freipressen.

Nach einem Bericht der Zeitung „Maariv“ führte der für die Region Khan Yunis im Süden des Gazastreifens zuständige Hamas-Terroristenführer Sinwar den Anschlag aus. Ihm zur Seite stand der Rädelsführer jener bisher unbekannten „Armee des Islam“, Durmusch, der das brutale Attentat auf den früheren Sicherheitschef Moussa Arafat, einen Neffen des früheren PLO-Chefs, verantworten muß. Durmusch wird auch für den Tod von drei amerikanischen Diplomaten verantwortlich gemacht. Sinwar und Durmusch sind untergetaucht. Da ist es schwer, mit ihnen über die Freilassung des Israelis zu verhandeln.

Quelle: F.A.Z., 28.06.2006, Nr. 147 / Seite 3
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Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.

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