Home
http://www.faz.net/-gq5-rera
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Entführung im Irak Jeder wollte einen Teil der Beute

23.12.2005 ·  Auch dem Engagement eines deutsch-irakischen Clubs in Bagdad hat Susanne Osthoff das glückliche Ende des Geiseldramas und damit ihr Leben zu verdanken. Wie es zur Freilassung der 43 Jahre alten Archäologin kam, berichtet Birgit Svensson.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Mindestens zwei Monate werde es dauern, bis Susanne Osthoff freikomme, schätzte Abdulhalim al Hijjaj nach zwei Wochen Geiselhaft. Denn noch immer gab es keinen direkten Kontakt zu den Entführern. Dabei hatten die Mitglieder des deutsch-irakischen Clubs alles versucht, um herauszufinden, wo die deutsche Archäologin entführt worden war, wo sie sich befand und wer sie gefangen hielt. Unmittelbar nach ihrem Verschwinden bekam der Vorsitzende des Clubs einen Anruf vom deutschen Botschafter in Bagdad, der ihn um Hilfe bat. Bernd Erbel setzte alle Hebel in Bewegung, um herauszufinden, wo Susanne Osthoff steckte.

Schon einen Tag nach der Entführung stand fest, daß die 43 Jahre alte Frau nie an ihrem Ziel, im nordirakischen Arbil angekommen war. Einem Clubmitglied hatte sie erzählt, sie habe Name und Autonummer des Fahrers bei den BND-Mitarbeitern hinterlassen, in deren Domzil sie übernachtete, bevor sie sich an jenem Freitagmorgen von Bagdad in den Nordirak aufmachte. Abdulhalim Al-Hijjaj und seine Clubmitglieder starteten eine Kampagne, riefen Stammesfürsten, Religionsführer, Gouverneure, Regierungsbeamte an. „Wir mobilisierten alle, die an der Strecke Bagdad-Kirkuk beheimatet sind“, erzählt der in Köln promovierte Nachrichtentechniker. Dreißig bis vierzig Mitglieder seien an der Suche beteiligt worden.

Lebensrettende Kontakte in Bagdad

Die Scheichs der großen Stämme Assawi und Obeidi, die im sogenannten Sunnitischen Dreieck, nördlich von Bagdad, das Sagen haben, winkten ab. Die Suche mußte ausgeweitet werden. Den mittlerweile fast 200 Mitgliedern des Clubs ist Susanne Osthoff bestens bekannt. Sie besuchte ihre Treffen, wurde Mitglied der Akademie der Schönen Künste, der auch einige Clubmitglieder angehören. Offiziell am 8. Januar 2004 gegründet, besteht der Verein hauptsächlich aus Akademikern, die in den siebziger und achtziger Jahren in Deutschland studiert oder promoviert haben.

Um den Kontakt untereinander und zu Deutschland aufrecht zu halten, entschlossen sie sich, ein Netzwerk zu gründen, das dem Dialog zwischen der Bundesrepublik und dem Irak dienen soll. Die ersten Treffen fanden in der Residenz des Botschafters statt. Danach wurde der Club im alten Botschaftsgebäude am Ostufer des Tigris untergebracht. Das im Bauhaus-Stil errichtete Haus wurde nach dem Fall des Saddam-Regimes geplündert. Die Clubmitglieder renovierten es notdürftig, kauften neue Möbel, organisierten Deutschkurse und starteten eine Außenstelle der deutsch-arabischen Auslandskammer. Anträge auf Stipendien des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) konnten ebenfalls dort gestellt werden.

Imame beteten für Freilassung

„Überall machten wir klar, daß Susanne Muslima ist, mit einem Iraker aus Mossul verheiratet“, erzählt al Hijjaj. Dadurch habe man den Gerüchten entgegenwirken wollen, die Entführte sei eine israelische Spionin oder - was ebenfalls als Gerücht kursierte - sie wolle irakische Kunstgegenstände außer Landes schmuggeln. Danach hätten sogar die Imame bei den Freitagsgebeten für ihre Freilassung plädiert.

Bei der deutschen Botschaft meldete sich ein Scheich des Duleimi-Stammes, der Geld forderte. Der Sunnitenstamm hat seinen Hauptsitz in Ramadi. Auch in Falludscha und Bakuba sind die Duleimis zuhause. Während einige von ihnen sich um einen Sitz im künftigen Parlament bewerben und gute Aussichten auf Erfolg haben, gehören andere zu den irakischen Aufständischen, wieder andere zu kriminellen Banden, die finanzielle Mittel für die Aufständischen durch Lösegelderpressungen oder Raubüberfälle organisieren.

Konspirative Treffen mit Mittelsmännern

Überhaupt könne man sich gar nicht vorstellen, wer alles von dieser Situation profitieren wollte, klagt al Hijjaj. „Jeder wollte nach arabischer Sitte seinen Teil der Beute haben.“ Als der Duleimi-Scheich leer ausging, tauchte er ab und ward nie wieder gesehen. Wenig später kam ein Mann in das Büro des deutsch-irakischen Vereins und wollte eine Wasseraufbereitungsanlage „made in Germany“ kaufen. Auch ihn fragte der Clubvorsitzende nach dem Verbleib der Deutschen. „Am nächsten Tag rief er an und sagte, er habe Kontakt zu ihren Entführern.“

Dann ging alles sehr schnell. Die Verhandlungen begannen, al Hijjaj traf sich mit Mittelsmännern. Er weiß nicht mehr, wie viele Kilometer er zurücklegte, um zu einem Treffpunkt zu gelangen, um die Freilassung der Deutschen auszuhandeln. Weil wegen der Parlamentswahlen am 15. Dezember drei Tage lang Fahrverbot herrschte, mußte er zu Fuß gehen. Manchmal bis zu zwei Stunden. Mit geheimen Telefonnummern ausgestattet, stand er jederzeit in direktem Kontakt mit dem deutschen Botschafter.

Als es soweit war, habe er lange an dem vorgegebenen Ort in Bagdad auf die Deutsche gewartet. Das kam ihm seltsam vor. Im Nachhinein erklärt er sich die Wartezeit damit, daß sie erst in die Stadt gebracht werden mußte. Jedenfalls tauchte sie in Begleitung eins Scheichs des Duleimi-Stammes bei ihm auf. Dann begann eine Irrfahrt bis zur deutschen Botschaft. Drei Fahrzeugwechsel, Umwege. Am Mittwoch wurde der Einsatz von Abdulhalim al Hijjaj und den Mitgliedern des deutsch-irakischen Clubs nebst allen an der Freilassung von Susanne Osthoff Beteiligten gewürdigt. Botschafter Bernd Erbel lud sie alle in die Botschaft ein.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Von dir die Fregatte, von mir die Drohne

Von Thomas Gutschker

Verteidigung ist eine nationale Angelegenheit? Die Wirklichkeit hat sich längst geändert. Die Armeen der Nato-Partner müssen zusammenarbeiten. Kein Land ist mehr autark. Mehr 1