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Veröffentlicht: 13.02.2017, 13:37 Uhr

Emmanuel Macron Der Sonnyboy liest Goethe

Der Hoffnungsträger der französischen Politik, Emmanuel Macron, will das Land vor Marine Le Pen retten. Und das ohne Partei im Rücken. Kann das gutgehen?

von , Paris
© Reuters Hoffnungsträger: Emmanuel Macron mit seiner Bewegung „En Marche“ während einer Wahlkampfveranstaltung in Lyon

Der Saal tobt, als die Kameras endlich Emmanuel Macron einblenden. Die Rufe werden ohrenbetäubend: „Macron Président!“ Macron bahnt sich wie ein Rockstar den Weg zur Bühne, er wird vom Applaus getragen. Etwas ist an diesem Februartag im Sportpalast von Lyon „en marche“, im Gange, wie Macron seine politische Bewegung getauft hat. Vor nicht mal einem Jahr entstand „En marche“, und jetzt wird Macron bereits als ernstzunehmender Anwärter auf das höchste Staatsamt bejubelt. In allen Umfragen liegt der 39 Jahre alte Macron inzwischen auf Platz zwei hinter Marine Le Pen, wenn es um das Ergebnis des ersten Wahlgangs geht. Für den zweiten Wahlgang sagen ihm die Meinungsforschungsinstitute einen deutlichen Sieg voraus.

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Im Saal in Lyon trauen ihm alle zu, im Mai in den Elysée-Palast einzuziehen, ja sie sehnen diesen Tag herbei. Mathieu ist Lehrer, er nennt Macron „das schöne Antlitz der französischen Politik“ und schwenkt dazu einen Europawimpel. So viele blaue Europaflaggen gibt es im französischen Wahlkampf nur bei Kundgebungen von Macron zu sehen. „Wir sind weltoffen, europäisch und fortschrittlich und wir wollen nicht, dass Frankreich der Familie Le Pen in die Hände fällt“, sagt Barbara, die in Lyon studiert. „Macron lässt uns wieder hoffen.“

Gérard Collomb, der 69 Jahre alte Bürgermeister von Lyon, sagt zum Auftakt der Kundgebung: „Ich bringe eine lange politische Erfahrung mit, aber noch nie habe ich solche Inbrunst bei einem Präsidentenwahlkampf erlebt.“ Die sozialistische Parteiführung in Paris hat Collomb mit Parteiausschluss gedroht. Alle sozialistischen Mandatsträger sollen büßen, wenn sie Macron verfallen; der ist zwar links, tritt aber als unabhängiger Kandidat an. Doch schon haben Dutzende Abgeordnete vom Reformflügel ihren Parteichef angeschrieben, um ein Recht „auf Verweigerung aus Gewissensgründen“ einzufordern. Sie wollen nicht den sozialistischen Präsidentschaftskandidaten Benoît Hamon unterstützen, der eine unternehmens- und EU-feindliche Wende nach links verspricht. Sie wollen Macron zum Sieg verhelfen.

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Achttausend Anhänger drängen sich auf den Rängen des Sportpalastes, genauso viele stehen draußen vor den Großleinwänden. „Ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen“, ruft Macron ihnen zu. Die Belesenen unter seinen Fans wissen: Hier zitiert Macron, das Wunderkind aus Amiens, den großen Goethe, wenn auch nicht in voller Länge. „Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen“, hielt Goethe in seinen Kriegserinnerungen in der „Kampagne von Frankreich“ fest. Macron hätte nichts dagegen, in Frankreich eine neue Epoche einzuleiten. Sein Vorhaben ist so revolutionär wie der Titel seines jüngsten Buches: „Revolution“. Noch nie ist es in der V. Republik einem Kandidaten gelungen, ohne eine Partei mit Mandatsträgern im ganzen Land den Elysée-Palast zu erobern. Aber vom Unmöglichen will sich Macron nicht aufhalten lassen.

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