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Elfenbeinküste : Unzählige alte Rechnungen

Polizisten stehen in Abidjan Unterstützern von Alassane Ouattara gegenüber Bild: AFP

In der Elfenbeinküste scheint ein neuer Bürgerkrieg unabwendbar. Am Mittwoch riefen Berlin und Paris alle Deutschen und Franzosen auf, das Land zu verlassen. Der Kampf zwischen Gbagbo und Ouattara begann aber schon 2000, als die Hauptstadt Abidjan die schlimmsten Straßenschlachten ihrer Geschichte erlebte.

          Laurent Gbagbo gibt nicht nach. Damit das auch alle wissen, wandte er sich am Dienstagabend in einer Fernsehansprache ans Volk. Er allein sei der rechtmäßige Präsident der Elfenbeinküste, sagte er – und gab sich doch versöhnlich gegenüber seinem Gegner Alassane Ouattara. Gbagbo schlug vor, eine internationale Untersuchungskommission einzusetzen, die sich noch einmal über die umstrittenen Wahlergebnisse beugen und die „Wahrheit“ an Licht bringen solle. „Ich will nicht, dass das Blut eines einzigen Ivorers vergossen wird“, beteuerte Gbagbo.

          Thomas Scheen †

          Politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Nairobi.

          Die Reaktion des Ouattara-Lagers war vorhersehbar: Gbagbo sei schon wieder dabei, die „Welt an der Nase herumzuführen“, hieß es aus dem „Hotel Golf“. Dort haben sich Ouattara und sein designierter Ministerpräsident, der ehemalige Rebellenführer Guillaume Soro, unter dem Schutz von UN-Soldaten verschanzt. Das einzige, worüber Soro verhandeln will, ist „Gbagbos Rücktritt“. Dazu wird es kaum kommen. Ein neuer Bürgerkrieg scheint unabwendbar zu sein. Die Regierungen in Berlin und Paris riefen am Mittwoch alle Deutschen und Franzosen auf, das Land zu verlassen.

          Der erbitterte Kampf zwischen Ouattara und Gbagbo hat nicht erst nach der Wahl vom 28. November begonnen. Er hat seinen Ursprung im Jahr 2000. Damals herrschte eine Militärregierung, die ein Jahr zuvor gegen Präsident Henri-Konan Bédié geputscht und Neuwahlen versprochen hatte. In der von den Militärs gegründeten Übergangsregierung waren auch Mitglieder von Gbagbos Partei „Front populaire ivoirien“ (FPI) und Ouattaras Partei „Rassemblement des Républicains“ (RDR) vertreten. Die Wahlen rückten näher – und Ouattara wurde wieder einmal beschieden, er dürfe nicht kandidieren. Denn in der Elfenbeinküste ist das „concept d’ivoirité“ zum Gesetz erhoben worden, eine Art Ariernachweis auf Ivorisch. Ouattara aber konnte nicht beweisen, dass schon seine Eltern Ivorer waren.

          Alassane Ouattara

          Beide Männer verständigten sich darauf, die Wahl zu boykottieren

          Im Ferienhaus des zurückgewiesenen Politikers an der Côte d’Azur kam es daraufhin zu einem denkwürdigen Treffen zwischen den Ehepaaren Ouattara und Gbagbo. Hier verständigten sich die beiden Männer darauf, die anstehende Wahl zu boykottieren. Doch einmal zurück in Abidjan, wollte Gbagbo davon nichts mehr wissen. Jetzt nämlich rechnete er sich aus, dass er gegen den ebenfalls kandidierenden Putschgeneral Robert Gueï leichtes Spiel haben müsste. So kam es dann auch. Allerdings hatte Gbagbo auch die Unterstützung der paramilitärischen Gendarmerie nötig, um die Armee in Schach zu halten, die Gueï durchsetzen wollte.

          Auf Ouattara, der Anfang der neunziger Jahren schon einmal Ministerpräsident war und noch früher beim Internationalen Währungsfonds in Washington Karriere gemacht hatte, wirkte Gbagbos politische Pirouette wie Verrat. Seine Anhänger rief er auf, Gbagbos Wahlsieg nicht anzuerkennen. Das war im Oktober 2000, und Abidjan erlebte in den folgenden Tagen die schlimmsten Straßenschlachten seiner Geschichte. Wie viele Menschen damals umkamen, weiß niemand.

          In einem Stadtteil wurden mehr als 50 Leichname gefunden

          In Erinnerung jedenfalls blieb das „Massengrab von Youpogon“ (Charnier de Youpogon), benannt nach einem Abidjaner Stadtteil, in dem mehr als 50 Leichname junger Männer gefunden wurden, die mutmaßlich von Gendarmen regelrecht hingerichtet worden waren. Die Opfer kamen ausnahmslos aus dem muslimischen Norden des Landes, woher auch Ouattara stammt. Das Massaker wurde nie aufgeklärt und der „Charnier de Youpogon“ galt den Menschen aus dem Norden fortan als Beweis für die Blutrünstigkeit der neuen Regierung.

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