16.03.2009 · Es scheint zunächst, als sei in El Salvador das Gleiche geschehen wie schon in Nicaragua. Wieder gelang es einer früheren Guerillagruppe, in Wahlen einem der Ihren das höchste Staatsamt zu verschaffen. Doch der Vergleich hinkt.
Von Josef OehrleinAuf den ersten Blick scheint es, als sei in dem mittelamerikanischen Land El Salvador jetzt das Gleiche geschehen wie zuvor schon beim Nachbarn Nicaragua. Wieder ist es einer früheren Guerillagruppe nach etlichen vergeblichen Anläufen gelungen, in regulären Wahlen einem der Ihren das höchste Staatsamt zu verschaffen. Doch der Versuch, den mit mehr als 51 Prozent der Stimmen neugewählten Präsidenten Mauricio Funes mit dem sandinistischen Altrevolutionär Daniel Ortega zu vergleichen, ist zum Scheitern verurteilt. Denn Funes hat mit der salvadoreñischen „Nationalen Befreiungsfront Farabundo Martí“ (FMLN), der Partei, die ihn nun ins Amt gebracht hat, kaum etwas zu tun. Er war, als er 2007 zu ihrem Präsidentschaftskandidaten gekürt werden sollte, nicht einmal Mitglied der Partei. Und er hat zugegeben, dass die FMLN für ihn nicht viel mehr als ein „Vehikel“ war, um Präsident zu werden.
Ihm ist gelungen, was die FMLN aus eigener Kraft nicht zuwege gebracht hat. Er hat die Partei salonfähig gemacht. Noch bei den Wahlen 2004 war der Anlauf des historischen FMLN-Anführers Schafik Handal gescheitert, sich ins Präsidentenamt wählen zu lassen.
Handal erlag 2006 einem Herzinfarkt. Mit ihm waren noch allzu sehr die Erinnerungen an den grausamen Bürgerkrieg zwischen 1980 und 1992 verbunden. Die konservative Arena-Partei, Erbin der früheren Diktaturen, zeigt nach 20 Jahren in der Regierungsverantwortung erhebliche Verschleißerscheinungen. Darum unterlag ihr Kandidat, der frühere Polizeipräsident Rodrigo, Funes bei der Wahl. Bevor Funes auf die Bühne trat, hatte man der FMLN das Regieren freilich erst recht nicht zugetraut. Nicht nur die Sympathien, die die Parteiführung, insbesondere Handal, für die Revolutionsführer in Kuba und Venezuela empfanden, irritierten viele Salvadoreños. Manche befürchteten sogar, dass die alten Wunden wieder aufreißen könnten, wenn die „Front“ an die Macht komme.
Mauricio Funes wird neuer Präsident von El Salvador. Der Kandidat der linken FMLN-Partei siegte mit etwa 51 Prozent der Stimmen.
Auch bevor sie zur politischen Partei wurde hat sich die FMLN mit ihren unterschiedlichen Strömungen immer wieder aufs neue organisieren müssen. Sie war von ihren Anfängen an ein Zusammenschluss unterschiedlicher Guerilla-Organisationen. Ihre Anfänge reichen in die siebziger Jahre zurück, als unter den Militärregierungen, die sich durch Wahlbetrug an die Macht gebracht hatten, das Ungleichgewicht in den Besitzverhältnissen immer größer wurde. Auf die Entstehung der einzelnen Guerillagruppen, die immer enger miteinander kooperierten, reagierten die Regime mit immer härterer Unterdrückung.
Als Patron wählte sich die 1980 endgültig zusammengeschmiedete „Front“ Farabundo Martí, einen kommunistischen Helden aus den zwanziger Jahren, der persönlicher Sekretär des Nicaraguaners Sandino war. Während die sandinistische Revolutionsregierung in Nicaragua die „Front“ in El Salvador unterstützte, erhielten die Militärregierungen Geld und Waffen aus den Vereinigten Staaten, um die Guerillas zu bekämpfen. In den zwölf Jahren des von beiden Seiten erbittert geführten Bürgerkriegs kamen 75.000 Menschen ums Leben, 7000 Personen werden noch immer vermisst. Nach UN-Vermittlung legten die Kriegsparteien 1992 die Waffen nieder und schlossen im mexikanischen Ort Chapultepec Frieden.
An der sandinistischen Partei des nicaraguanischen Präsidenten Ortega kann die salvadoreñische FMLN beobachten, welche Gefahren bei der Verwandlung einer Guerilla in eine Partei lauern. Ortegas Partei ist ständig von Abspaltungen und Zerfall bedroht. Gruppen ehemaliger Parteiangehöriger, die sich der „Erneuerung“ oder „Rettung“ des Sandinismus verschrieben haben, kritisieren ohne Umschweife die revolutionäre Kraftmeierei, den Klientelismus und die Korruption in ihrer früheren Bewegung.
Seine Außenseiterrolle hat Funes davor bewahrt, mit den einstigen Guerilla-Aktivitäten der FMLN in Verbindung gebracht zu werden. Dadurch hat er es vermocht, der FMLN schon Monate vor der Präsidentenwahl so viel Glaubwürdigkeit zu verschaffen, dass sie auch bei den Parlamentswahlen im Januar großen Erfolg hatte und künftig die größte Fraktion stellen kann. Seine Popularität verdankt Funes seiner Tätigkeit als Fernsehjournalist. Im politischen Alltagsgeschäft fehlt ihm die Erfahrung. Manche Beobachter argwöhnen deshalb, dass sein Pakt mit der Partei nicht lange halten wird und er sich bald nach einem anderen „Vehikel“ umsieht – oder sich selbst ein neues zusammenbaut.
Josef Oehrlein Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.
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