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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Einwanderung in die EU Tod im Evros

 ·  Das Dreiländereck zwischen der Türkei, Bulgarien und Griechenland war im vergangenen Jahr das größte europäische Einfallstor für Flüchtlinge aus Asien und Afrika. Doch nicht immer glückt der Ansturm auf das Paradies. Eine Reise an den äußersten Rand der Festung Europa.

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Der Vorhof zum Paradies ist eine schmutzige Halle am Stadtrand, in deren Dachgestänge Krähenpärchen nisten. Das Gekrächze dieser misslungenen Paradiesvögel muss das Erste gewesen sein, was Latif hörte, als er aus dem Bus stieg. Bestimmt ist ihm dann auch der Laufbursche des Teehauses begegnet, ein alter Mann, der mit seinem vollen Tablett so geschickt zwischen den Wartenden hindurch balanciert, als gelte die Schwerkraft für ihn nicht. Mit zirkusreifer Eleganz teilt er volle Gläser aus und nimmt leere in Empfang, als habe er seit jungen Jahren nichts anderes getan. Hat er wahrscheinlich auch nicht.

Vielleicht hat Latif die Geschicklichkeit des Teeburschen bewundert, obwohl er solche Alltagsartisten auch aus seinem eigenen Land kannte, dem Land, das er um jeden Preis verlassen wollte. Womöglich hat er aber auf andere Dinge geachtet, auf die Polizisten vor allem, die ab und zu einen gerade angekommenen jungen Mann wie ihn direkt von den Bussen zur Zweigstelle der Gendarmerie abführen, um sich die Ausweise und gegebenenfalls die Geldbörse zeigen zu lassen. Ihnen darf er keinesfalls in die Hände fallen, denn der zugige Busbahnhof am Rande von Edirne ist erst die vorletzte Etappe vor dem Ziel. Bis zu den Pforten des Paradieses sind es noch zwölf Kilometer.

Edirne, die türkische Grenzstadt mit ihren prächtigen spätmittelalterlichen Moscheen, in der Antike Adrianopel genannt und vor der Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 fast ein Jahrhundert lang Hauptstadt des aufstrebenden Weltreiches der Osmanen, ist auch eine Schmugglermetropole. Die Böden der Gegend sind fruchtbar und bieten den Bauern gute Ernten, aber die einträglichsten Waren, die hier verkauft werden, sind Menschen. Edirne ist die größte Stadt in dem kleinen Zipfel der Türkei, der zum europäischen Festland gehört. Die Nähe von zwei Grenzen ist ihr wertvollster Standortfaktor. Griechenland und Bulgarien liegen direkt vor der Tür, die Europäische Union beginnt gleich hinter der Stadtgrenze.

Das wissen auch die Menschenschmuggler. Im vergangenen Jahr gelangten neun von zehn illegalen Einwanderern über dieses Gebiet in die EU. Nach Statistiken der europäischen Grenzschutzagentur Frontex reisten allein von Januar bis Oktober 2010 etwa 75.000 Personen illegal nach Griechenland ein, die meisten über die griechisch-türkische Landgrenze bei Edirne. Im Oktober, als die Flüchtlingswelle ihren Höhepunkt erreichte, waren es Tag für Tag fast 250 Menschen.

Sie nutzten ein Schlupfloch der politischen Geographie. Seit dem Abschluss des Friedensvertrags von Lausanne im Jahr 1923 bildet der Fluss Evros, der bei den Balkan-Slawen Marica und bei den Türken Meriç heißt, die Grenze zwischen der Türkei und Griechenland. Der Fluss trennt den alten Kontinent vom Rest der Welt. Nur in der Höhe von Edirne ist der Evros an beiden Ufern türkisch. Für einen etwa zwölfeinhalb Kilometer langen Abschnitt besteht die griechisch-türkische Grenze also aus Wiesen und Feldern, die leicht überquert werden können. Zehntausende sind im vergangenen Jahr über diese Grenze nach Europa gelangt.

Die letzte Hoffnung endet in einem Abschiebelager

So soll es auch Latif machen. In seinem Clan haben sie ihn ausgewählt, weil er jung, kräftig und gewitzt ist. Er soll sich durchschlagen in die Festung Europa. Von dort soll er Geld schicken und die anderen nachholen. Der erste Schritt war ein Flug nach Istanbul. Weil der Clan das Geld für ein Ticket zusammenlegte, war das einfach. Ein Visum für die Türkei ist nicht schwer zu bekommen. Wer aus Iran, Syrien, Libyen, Tadschikistan oder dem Irak kommt, benötigt keines oder bekommt es bei der Einreise in den Pass gestempelt. Auch die Bürger anderer Staaten genießen freie Durchfahrt oder zumindest erleichterte Einreise. Vom Atatürk-Flughafen geht es weiter mit dem Bus nach Edirne. Zweieinhalb Stunden dauert die Fahrt von Istanbul in die Grenzstadt. Dann erst beginnt der gefährliche Teil der Reise.

Wenn Latif Glück gehabt hätte, wäre er in Edirne an Levent Dinceli geraten. Der Rechtsanwalt widmet sich seit Jahren den Verlierern des großen Ansturms auf das Paradies, den Flüchtlingen, die vor dem Grenzübertritt von der türkischen Armee aufgegriffen oder aus Europa wieder abgeschoben wurden. Herr Dinceli hätte Latif warnen können: „Fast 25.000 Menschen werden in dieser Gegend Jahr für Jahr bei dem Versuch aufgegriffen, illegal die Grenze zu überqueren. Dies ist der letzte Punkt der letzten Hoffnung.“

Für die Aufgegriffenen endet die letzte Hoffnung in einem Abschiebelager bei Kirklareli, einer Kleinstadt etwa eine Autostunde östlich von Edirne. Das Lager steht unter Leitung der türkischen Polizei. Die Insassen kommen aus Afghanistan, Iran, dem Irak, Pakistan, aus vielen Staaten Afrikas. „Wir unternehmen alles, um die Lebensbedingungen der Internierten zu verbessern. Wir kümmern uns um ärztliche Versorgung und Rechtsbeistand“, sagt Herr Dinceli. Zu den Bedingungen im Lager äußert er sich sehr diplomatisch. Sie seien besser als früher, sagt er. „Aber was kann schon gut sein an einem Ort, der von Stacheldraht umgeben ist?“

Die Festung Europa hat aufgerüstet

Journalisten ist der Zutritt nicht erlaubt. Das Lager dürfe nur mit einer Genehmigung des Innenministeriums in Ankara betreten werden, teilt eine Aufseherin mit. Der zuständige Beamte im Innenministerium ist aber nicht zu erreichen. Als er nach einigen Tagen schließlich doch ans Telefon geht, sagt er, nicht sein Ministerium, sondern die Polizeibehörde sei zuständig. Dort verlangt man einen schriftlichen Antrag, warnt aber gleich, dass die Genehmigung wahrscheinlich nicht erteilt werde. Das wird seine Gründe haben.

Wenn es so kommt, wie es kommen soll, wird Levent Dinceli bald noch mehr Arbeit haben. Anfang Januar hat die griechische Regierung angekündigt, der zwölfeinhalb Kilometer lange Abschnitt der Landgrenze zur Türkei solle künftig durch einen Zaun gesichert werden. „Als Rechtsanwalt und Menschenrechtler kann ich das nicht akzeptieren. Europa schafft alle Mauern ab, und hier wird eine neue errichtet“, sagt Dinceli. „Eine Mauer kann nicht unterscheiden zwischen einem Wirtschaftsflüchtling und einem Regimegegner, der in einer Diktatur um sein Leben fürchten muss, also ein Recht auf Asyl in einem EU-Staat hat.“

Latif wusste nichts von Herrn Dinceli, als er in Edirne ankam. Er hatte nur eine türkische Mobiltelefonnummer, die ihm ein Mitglied der Schlepperbande noch in seiner Heimat gegeben hatte. Das sei die Nummer eines Mannes, der ihm in Edirne den Weg nach Europa zeigen werde, hatten sie gesagt - wenn Latif genug Geld habe, dafür zu bezahlen. Von Edirne aus gibt es zwei Abfahrten ins Paradies - über Bulgarien oder Griechenland. Griechenland hat den Vorteil, zum Schengen-Raum zu gehören. Wer es bis Athen schafft, muss auf dem Weg nach Deutschland, Schweden oder Frankreich, wo man einen Asylantrag stellen kann, keine Grenzkontrollen mehr fürchten. Doch die Route ist risikoreich geworden, seit auf der griechischen Seite Beamte der europäischen Grenzschutzagentur Frontex eingesetzt sind. Die Festung Europa hat aufgerüstet.

Europa sieht aus wie ein nasser Müllhaufen

Also Bulgarien. Die Fahrt findet in einem umgebauten Sattelschlepper statt. Von außen sieht er so aus, als transportiere er Ytong-Steine, die Quader unter der charakteristischen gelben Plane mit schwarzer Schrift. Doch es sind keine Quader, sondern nur dünne Wände. In den Hohlraum dazwischen zwängen sie Latif und mehrere Dutzend andere Männer. Nur vor den Einstieg wird ein richtiger Ytong-Block geschoben. Die Chancen für Latif und die anderen stehen gut. An einem normalen Tag werden etwa 500 Lastwagen an der bulgarisch-türkischen Grenze abgefertigt, zu Spitzenzeiten an die tausend. Es ist unmöglich, alle zu kontrollieren.

Hätten die Männer hinter den Ytong-Steinen nach draußen blicken können, hätten sie die thrakischen Felder außerhalb von Edirne sehen können, dann die letzte Moschee vor der Grenze - und irgendwann hätten sie geglaubt, dass man sie betrogen habe. Die Türkei ist arm, Europa reich, haben sie immer gesagt. Aber hier sieht alles umgekehrt aus. Auf türkischer Seite steht ein blitzblankes Einkaufszentrum aus Glas und Stahl im Zollgrenzgebiet, dahinter viele moderne Abfertigungsgebäude. Alles ist hell, sauber und groß. Im Büro des türkischen Passbeamten hängt ein Foto von Atatürk. Dann geht es auf die bulgarische Seite, und die Welt kippt um. Die Abfertigungsgebäude sind ärmlich und verfallen. Im Büro des bulgarischen Passbeamten hängt ein Kalender mit barbusigen Pin-up-Girls. Bei Kapitan Andrejewo, der Grenzsiedlung auf bulgarischer Seite, verrosten am Straßenrand Blechkioske an schlammigen Gehwegen. Nackte Glühbirnen beleuchten die ärmlichen Angebote in den Hütten. Daneben wilde Abfallhalden, Metallschrott, Autoreifen, streunende Hunde. Europa sieht aus wie ein nasser Müllhaufen.

Wer ins Paradies will, gibt nicht so einfach auf

Aber weiter kommen die Männer nicht, weil die bulgarischen Grenzer ausgerechnet bei dem Ytong-Lastwagen eine Stichprobe mit ihren neuen, von der EU finanzierten Herzschlagdetektoren vornehmen. „Die Komplexität der Auswertungs-Algorithmen ermöglicht die Erkennung einer Struktur der Schwingungen, die durch Personen verursacht werden. Steht für die Fahrzeugkontrolle keine geschlossene Halle zur Verfügung, so ist das Gerät trotzdem einsatzfähig. Gegen Regen ist es weitgehend resistent. Windeinflüsse werden in hohem Maße kompensiert“, wirbt ein deutscher Hersteller für die Menschensuchmaschinen. Latif und die anderen haben keine Chance.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie es danach weitergegangen sein könnte. Entweder wurden die Männer von Bulgarien aus in ihre Heimatländer abgeschoben, nachdem ihr Asylbegehren in Sofia abgelehnt worden war, oder man brachte sie zurück in die Türkei, in das Abschiebelager bei Kirklareli. Sicher ist, dass einige der Abgeschobenen nur Wochen später schon wieder in Edirne waren. Wer ins Paradies will, gibt nicht so einfach auf, zumal es eine Schande ist, mit leeren Händen wieder vor dem Clan zu stehen. Der hat schließlich Geld zusammengelegt, damit es der Auserkorene nach Europa schafft und die anderen nachholt.

Für Latif hieß das: wieder ein Billigflieger nach Istanbul, wieder der Bus nach Edirne. Diesmal haben sie ihm eine andere Telefonnummer gegeben, ein ganz sicherer Tipp. Es soll nach Griechenland gehen, nachts. Da die Landgrenze inzwischen scharf bewacht wird, wählen die Schlepper die Route über den Fluss. Es ist der 25. oder 26. Juni 2010.

Ein ganzes Wasserleichenalbum

„Ein trauriger Fall. Schauen Sie, wir haben das am nächsten Morgen fotografiert. Hier sieht man das Seil, das die Schlepper an einem Baum am griechischen Ufer befestigt haben.“ Das erste Foto, das Giorgios Salamagkas auf seinem Computer aufruft, ist harmlos. Ein Seil im Wasser. Ursprünglich war es in einer Höhe von etwa einem Meter über dem Wasserspiegel straff über den Fluss gespannt. „Die Überlebenden berichteten uns, man habe sie in Schlauchboote gesetzt und ihnen gesagt, sie sollten sich an dem Seil auf die andere Seite ziehen“, erzählt der Polizeichef der griechischen Grenzstadt Orestiada. Doch irgendwo in der Mitte des rasch dahinströmenden Flusses überschlugen sich die Boote. Oder das Seil riss, da gehen die Berichte auseinander. Womöglich geschah erst das eine und dann das andere. Jedenfalls fanden Giorgios Salamagkas und seine Kollegen am nächsten Morgen 16 Tote am Flussufer. „Auf der türkischen Seite haben wir auch etwa fünf oder sechs Leichen entdeckt.“

Für Oberst Salamagkas sind solche Funde keine Seltenheit. Er hat ein ganzes Wasserleichenalbum auf seinem Rechner gespeichert: Da ist eine etwa vierzehnjährige Schwarzafrikanerin, noch in den Turnschuhen, mit denen sie in Europa ankommen wollte. Hier drei junge Männer, Kurden aus dem Irak, im Zustand der Verwesung. Dort zwei Frauen, Südostasiatinnen wahrscheinlich. „Schlimm ist es, wenn wir Mütter aufgreifen, die ihre Kinder im Evros verloren haben. Das geht einem nicht mehr aus dem Kopf.“ Man könnte Herrn Salamagkas unterstellen, er sage das nur, weil er meinte, so gehöre es sich. Aber seine Erschütterung wirkt echt. Allein in seinem Bezirk seien im vergangenen Jahr 73 Mitglieder von Schlepperbanden festgenommen worden, berichtet der Polizeioberst. Das sei ein großer Erfolg; die Schleuserkriminalität sei gesunken, sagt er. Und gibt dann indirekt zu, dass es sich bei den Festgenommenen meist nur um das Bodenpersonal der Schmugglerringe handelt. Die großen Profiteure des Geschäfts bekomme man nicht zu fassen.

Auch in Bosnaköy sieht man sie nicht. Bosnaköy ist ein türkisches Grenzdorf in der Nähe des auf beiden Seiten von Militärposten gesäumten Niemandslands zwischen Griechenland und der Türkei. Fünfundzwanzig Häuser, aber die meisten stehen leer. Die Besitzer sind nach Edirne gezogen, da lebt es sich leichter. Auf der morastigen Dorfstraße ist an diesem Morgen nur ein alter Bauer unterwegs. Der Mann ist überrascht, am helllichten Tag Fremde in seinem Dorf zu sehen. Sonst kämen sie ja meistens nachts, sagt er. Immer wieder kämen Flüchtlinge durch Bosnaköy, sagt er. „Das ist sehr schlecht für uns. Sie kommen nachts in Trupps zu fünfzig oder hundert Mann, trampeln über die Felder und machen die Ernte kaputt.“ So haben alle ihre Sorgen. Die europäischen Innenminister wollen ihre Staaten vor unkontrollierter Einwanderung schützen, weil sie abgewählt werden, wenn sie es nicht tun. Oberst Salamagkas hat seine Pflicht im Sinn, die Bauern von Bosnaköy sorgen sich um ihre Ernte. Und in irgendeinem Dorf eines gescheiterten Staates verfluchen sie Latif, weil er sich nicht meldet und kein Geld schickt aus dem Paradies.

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Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.

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