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Einmarsch im Gazastreifen Zwei Sichtweisen

05.01.2009 ·  Die großen Nachrichtensender haben bei ihren Berichten über den Einmarsch israelischer Truppen nach Gaza Verschiedenes im Bild. CNN spricht von der „Krise im Nahen Osten“, Al Dschazira vom „Krieg gegen Gaza“. Die Sender schwanken zwischen Verharmlosung und reißerischer Überzeichnung.

Von Rainer Hermann, Abu Dhabi
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Unterschiedliche Bilder erzeugen unterschiedliche Wahrnehmungen. Die großen Nachrichtensender der Welt haben bei ihren Berichten über den Einmarsch israelischer Truppen nach Gaza Verschiedenes im Bild. CNN sendete am Sonntag unter dem verharmlosenden Logo „Die Krise im Nahen Osten“, bei Al Dschazira hieß es reißerisch „Der Krieg gegen Gaza“. Der amerikanische Sender brachte seinen Zuschauern die internationale Unterstützung für Israel nahe, der arabische stellte die Katastrophe unter der Zivilbevölkerung von Gaza in den Mittelpunkt. Auf der einen Seite voranschreitende israelische Soldaten, auf der anderen Nahaufnahmen von blutüberströmten Zivilisten.

Aufmacher bei CNN waren die Erklärungen des israelischen Verteidigungsministeriums, dass das Ziel der Offensive die Beendigung des Raketenbeschusses der Hamas auf Israel und der Schutz der israelischen Bevölkerung sei. Die arabischen Zuschauer erfahren hingegen, dass in Gaza alle 20 Minuten eine israelische Rakete einschlage.

Häuser von Zivilisten bombardiert

CNN berichtet von der Solidaritätsreise des New Yorker Bürgermeister Bloomberg in den Süden Israels, von der Rechtfertigung des Einmarsches als „defensive Maßnahme“ durch den neuen EU-Ratspräsidenten Tschechische Republik, von der Unterstützung des Kriegs durch Einwohner im Süden Israels und durch Bürger in den Vereinigten Staaten. Westliche Sender folgten dem Muster und den Sprachregelungen, selbst wenn sie der arabischen Sicht mehr Platz einräumten.

Andere Bilder bekommen die arabischen Zuschauer und Leser vermittelt, ob beim arabischen oder dem englischsprachigen Sender Al Dschazira, bei Al Arabiya oder in den überregionalen Tageszeitungen. Arabische Medien beklagen, dass der Westen ein nur unzureichendes Bild von der Lage in Gaza habe und nicht wisse, unter welchen Bedingungen die 1,5 Millionen Einwohner von Gaza lebten. Beispielsweise schreibt der für arabische Medien aus Gaza berichtenden Freelance-Journalist Bilal Badwan, wie Häuser von Zivilisten bombardiert würden und ihre Einwohner von einem Haus zum nächsten irrten, um sich auch dort nicht in Sicherheit zu wähnen.

Tod von Kleinkindern

Zu Wort kommen Stimmen wie jene des jungen Studenten Muhammad Abu Shaaban. Er beschreibt die Furcht der Menschen und wie seine Familie trotz der Kälte bei Tag und Nacht die Fenster geöffnet halte, um bei der nächsten Detonation nicht von Glassplittern getroffen zu werden. Er erzählt, wie drei Nachbarn das Haus verlassen hätten, um einzukaufen, in der Straße aber von einer Rakete getötet worden seien. Wie selbst Restaurants zerstörten worden seien und wie seine Familie die wenigen Minuten Strom am Tag nutze, um wenigstens die Mobilfunkgeräte aufzuladen. Wie sie nun Brot backten, um etwas zu essen zu haben. Denn im Norden Gazas arbeite keine Bäckerei mehr, erläuterte Christopher Gunness von der UN-Hilfsorganisation für die palästinensischen Flüchtlinge UNRWA dem Sender Al Dschazira.

Als „absurd und mies“ wies er dort die israelischen Äußerungen zurück, es gebe keine humanitäre Krise in Gaza. Absurd sei es auch zu behaupten, dass der, der solches sage, unter dem Einfluss der Hamas stehe, empörte sich Gunness. Vielmehr kämen die Vertreter aller in Gaza tätigen internationalen Organisationen zu diesem Ergebnis. Den Zuschauern von Al Dschazira sagte Gunness auch, die israelischen Erklärungen, die Zivilbevölkerung von Gaza würde geschont, seien „hohl“. Mit der „dramatischen Verknappung von Mehl“ drohe Hunger. Sanna Johnson von der Hilfsorganisation „Save the Children“ beklagte die Unterernährung, die bei weiter ausbleibenden Hilfslieferungen zum Tod von Kleinkindern führen werde.

Frustration scheint durch

Knapp die Hälfte aller knapp 500 getöteten Palästinenser seien unschuldige Frauen und Kinder, sagte aus Ramallah, dem Sitz der Palästinensischen Autonomiebehörde, Muhammad Shtayyeh, ein Sprecher des Palästinenserpräsidenten Abbas. Jedes Opfer hat Familie und Freunde, die nun kaum zu einem Frieden mit Israel bereit sind. Abbas hatte sich in den vergangenen Tagen aber bedeckt gehalten. Denn Abbas, der nominelle, von der Hamas aber nicht anerkannte Präsident aller Palästinenser, will seinen Kopf nicht zwischen den israelischen Hammer und den Amboss der Hamas halten.

Sorgfältig wägen die Repräsentanten von Abbas' Autonomiebehörde ihre Worte ab. Zum einen wollen sie keinen Vorwand liefern, sich nicht an die Vereinbarungen mit Israel zu halten und vertragsbrüchig zu sein. Zum anderen fürchten sie, dass im Westjordanland die Wut der Palästinenser gegenüber Israel zunimmt und die Demonstrationen zu einem Machtzuwachs der Hamas auch auf dem Territorium der Autonomiebehörde führen.

Nach Tagen des Schweigens wird Abbas nun aktiv. An diesem Montag wird er in Ramallah erst den französischen Staatspräsidenten Sarkozy treffen, dann die Außenminister der EU-Troika, bevor er nach New York aufbricht. In seinem Namen hatte Saeb Erekat am Sonntag Israel zur Beendigung der Offensive aufgefordert. Müde und matt klang der einst so wortgewaltige Streiter. Bei ihm und vielen anderen schien die Frustration durch, dass von Washington im amerikanischen Interregnum nichts zu erwarten sei und Europa seine Chance wieder einmal nicht nutze.

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Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.

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