29.08.2006 · Eine Liebe zwischen Jerusalem und Ramallah: Jasmin Avissar und Osama Zatar sind verheiratet. Doch der Israeli und dem Palästinenser wird es fast unmöglich gemacht, in ihrer Heimat zusammenzuleben. Vor Gericht kämpfen sie um ihre Rechte.
Von Hans-Christian RößlerAuf den ersten Blick sieht es aus wie ein Kinoplakat. Er ist größer als sie und hat seine Arme um ihre Schultern gelegt; große Gefühle vor einer grauen Betonmauer. Miriam und Menachem Avissar haben das Foto aus der Zeitung ausgeschnitten, gerahmt und über die Anrichte ihres Wohnzimmers gehängt. Die Frau auf dem Bild ist ihre Tochter Jasmin, der Mann ihr Ehemann, Osama Zatar.
Strafbar würden sie sich machen, wenn sich die beiden jetzt einfach gemeinsam an ihren großen Eßtisch setzten, sagt Jasmins Vater, um dessen Beine hungrig eine der vielen Katzen streicht, die in dem von wildem Grün umwucherten Haus unweit der Straße von Jerusalem nach Tel Aviv leben. Die junge israelische Ballettänzerin und ihr 26 Jahre alter Ehemann aus dem palästinensischen Ramallah dürfen weder zusammen ihre Eltern besuchen noch sich irgendwo auf der israelischen Seite der Mauer, die die Heimatstadt ihres Mannes umgibt, eine Wohnung suchen.
Kontakt nur per Telefon
So bleibt nur das Telefon, um den Kontakt aufrechtzuerhalten - zu Schwiegersohn wie Tochter. In Deutschland, von wo aus ihre Mutter in den sechziger Jahren nach Israel ausgewandert ist, versucht Jasmin Avissar, für sich und ihren Mann das gemeinsame Leben aufzubauen, das den beiden der israelische Staat bisher versagt. „Dort gibt es Familienzusammenführung, die hier nicht existiert“, meint ihre Mutter trocken. Probiert haben es die beiden erst einmal anders und sind dabei sogar ein wenig berühmt geworden.
Mehr als zwei Jahre hatte das Paar, das sich in einem Tierheim zwischen Jerusalem und Ramallah kennenlernte, darum gekämpft, zusammen in Jerusalem zu leben, wo Jasmin als Tänzerin und Ballettlehrerin arbeitet. Aber das Gesetz, das Staatsangehörigkeit und Einreise nach Israel regelt, erlaubt es einem Palästinenser, der eine israelische Frau heiratet (oder andersherum), nicht, sich mit ihr in Israel niederzulassen. Palästinensern, die jünger als 35 Jahre sind, ist die Einreise nach Israel ohnehin generell verboten. Als sich dann vor einigen Monaten die letzten Lücken in der haushohen Betonmauer zwischen Jerusalem und Ramallah schlossen, schien ein gemeinsames Leben versperrt zu sein.
Ehe nach internationalem Recht
Es war eine Äußerung eines Mitglieds des Obersten Gerichts in Israel, die Jasmin Avissars Trotz weckten und sie bestärkten, den Weg in die entgegengesetzte Richtung zu beschreiten. „Der Richter schrieb damals: ,Mit allem Respekt vor Romantik - aber soll doch jeder, der sich entscheidet, einen Palästinenser zu heiraten, in Dschenin leben.' Aber hier geht es nicht um einen Gefallen des Staats, sondern um unser Recht. Ich habe meine Pflicht getan, war in der Armee. Wenn man ihnen nicht in ihr Programm paßt, bekommt man einfach einen Tritt in den Hintern“, ärgert sie sich noch heute in Berlin, wo sie bei Freunden untergekommen ist.
Nach Dschenin, das immer wieder von Israel belagert worden war, wollten die beiden nicht ziehen. Dennoch nahm sie den Richter beim Wort und bat die israelischen Behörden um die Genehmigung, mit ihrem Mann in dessen Heimatstadt Ramallah leben zu können. Schließlich ist es Israelis grundsätzlich verboten, die Palästinensergebiete zu betreten. Der Antrag wurde abgelehnt. Daraufhin reichte ihr Anwalt Michael Sfard beim Obersten Gericht eine Petition ein, wenigstens das Zusammenleben in Ramallah zu erlauben - andernfalls hätte der israelische Staat die beiden zur Trennung gezwungen, obwohl sie ihre Ehe auch gemäß internationalem Recht in Zypern geschlossen hatten.
Behörden in juristischer Zwickmühle
Die Behörden befanden sich daraufhin in einer juristischen Zwickmühle, denn die israelische Armee argumentierte, sie könne Jasmin Avissars Schutz in Ramallah nicht garantieren. Die Hauptverhandlung setzte das Gericht für den 31. Januar 2007 an. Aber in der Zwischenzeit erlaubte man ihr, nach Ramallah zu ziehen; alle drei Monate mußte sie die Genehmigung dafür erneuern.
Für Anwalt Sfard war das Ausdruck von Unbehagen mit dem Fall und ein kleiner Erfolg. „Oft muß man lange für eine Genehmigung kämpfen, um nur für einen Tag in die Autonomiegebiete zu dürfen“, berichtet er aus eigener Erfahrung. Zugleich hält der angesehene Tel Aviver Jurist aber nicht seine Meinung über das Gesetz zurück, das seinen beiden Klienten das Leben schwermacht und welches das Oberste Gericht im Mai mit knapper Mehrheit noch einmal als verfassungskonform bestätigte.
„Es ist ein rassistisches Gesetz.“
„Es ist ein rassistisches Gesetz. Hätte sich Jasmin in einen Deutschen oder einen Philippiner verliebt, könnte sie ihn nach Israel bringen.“ Bei ihrem Mann sei aber nur ausschlaggebend, daß er Palästinenser sei. Eine konkrete Gefahr für Israel gehe nicht von ihm aus, sagt Michael Sfard; er spielt damit auf die in Israel oft geäußerte Befürchtung an, daß sich durch solche israelisch-palästinensische Ehen Terroristen oder ihre Helfer legal in Israel niederlassen könnten.
Jasmin Avissar zog dann tatsächlich nach Ramallah, das die meisten Israelis allenfalls aus ihrem Militärdienst kennen. Mit ihrem Mann mietete sie sich ein altes kleines Haus unweit des Stadtzentrums; bei der palästinensischen Polizei meldete sie sich ordnungsgemäß an. Die ließ sie genausowenig aus den Augen wie ihren Ehemann und dessen Familie. Die israelische Tänzerin zog nämlich nach Ramallah, nachdem wenige Wochen zuvor dort die islamistische Hamas die Macht übernommen hatte, welche die früher allein regierende Fatah nicht kampflos aufgeben wollte. Schießereien unter Palästinensern und Vorstöße der israelischen Armee mitten in die Stadt häuften sich.
Stundenlang von Soldaten festgehalten
Für Jasmin Avissar war aber schon der ganz gewöhnliche Alltag Herausforderung genug. Wie die anderen Palästinenser, die eine Arbeitserlaubnis in Ramallah hatten, mußte sie sich jeden Morgen in die langen Schlangen am Übergang in Kalandia anstellen. „Jeden Morgen waren das zweieinhalb Stunden. Spätestens dort bin ich über mein eigenes Land erschrocken. Ich sah auf einmal eine häßliche Seite, von der ich gar nicht wußte, daß sie existiert“, erzählt sie. Noch schlimmer seien aber die israelischen Armeekontrollpunkte innerhalb von Ramallah gewesen.
Die Soldaten hielten sie dort immer wieder stundenlang fest, während Siedler unkontrolliert vorüberfuhren, wie sie sich erinnert. Erst als ihr Anwalt den zuständigen Kommandeur erreichte und ihm klarmachte, daß sie sich legal in Ramallah aufhielt, durfte sie zu ihrem Mann nach Hause. „Besetzung ist wie ein Krebsgeschwür, das wächst und wächst und den ganzen Körper vergiftet. Dabei geht es gar nicht nur um die Palästinenser. Wir vergiften unsere eigene Gesellschaft, fügen unseren Seelen Schaden zu“, sagt Jasmin Avissar und meint die achtzehnjährigen Wehrpflichtigen an den Kontrollpunkten, die Vorschriften dazu zwängen, oft so zu handeln, wie sie und ihr Mann es am eigenen Leib erfahren haben.
Ein normales Leben mit normalen Problemen
Angst klingt an, wenn sie über ihre Wochen in Ramallah spricht. „Ich will nicht durch eine fehlgeleitete Kugel sterben oder als eine Jeanne d'Arc enden“, sagt sie rückblickend, weshalb sie nicht in den Autonomiegebieten blieb, sondern für sie und ihren Mann einen neuen Anfang in Berlin versucht - was auch ihre Eltern in Beit Nekofa spürbar beruhigt. In der deutschen Hauptstadt sucht sie immer noch Arbeit und eine eigene Wohnung - alles Bedingungen dafür, daß eines Tages ihr Mann nachkommen kann. Aber schon jetzt fühlt sie sich erleichtert. „In Deutschland habe ich gelernt, was normales Leben sein kann. Ich möchte einfach nur normale Probleme haben und nicht mehr unter dem dauernden Stress leben. Hier ist es fast wie in den Ferien.“
Ihr Mann Osama Zatar schlägt sich in Ramallah als Aushilfe in einem Restaurant durch. Seinen Traum, als Autodidakt doch noch Bildhauer zu werden, hat er nicht aufgegeben. Als Material verwendet er, was andere wegwerfen, zum Beispiel Draht und Steine. Eine besondere Vorliebe hat er für Bäume: „Sie haben etwas Starkes in sich. Sie bewegen sich nirgendwohin, streiten sich mit niemandem. Sie wachsen einfach nur“, erklärte Osama Zatar, der gerade seine zweite Ausstellung vorbereitet, einmal einem israelischen Journalisten.
Eine neue Chance in Deutschland
Die Arbeit an den Skulpturen beruhige ihn. Jeden Tag telefoniert er mit seiner Frau in Deutschland. Ihr Anwalt bemüht sich, die für Januar kommenden Jahres angesetzte Verhandlung noch auf diesen Herbst vorzuverlegen. Er sieht Chancen dafür, daß es zu einer dauerhaften Lösung für die beiden kommt - auf der einen oder anderen Seite der Mauer zwischen Ramallah und Jerusalem, wo sie auch heute noch Arbeit als Tänzerin und Lehrerin hätte. Jasmin Avissar will nicht darüber spekulieren und zitiert lieber die israelische Redensart: „Ich glaube es erst, wenn ich es selbst sehe.“
Bis dahin will sie sich auch in Berlin nicht nur um ihre eigene Zukunft kümmern. Schon in Ramallah wollte die energische junge Frau, die ähnlich gut Arabisch spricht wie ihr Mann Hebräisch, eine Ballettschule für palästinensische Frauen gründen. In Berlin denkt die israelische Tänzerin jetzt darüber nach, Frauen und Mädchen, die aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind, klassisches Ballett beizubringen.
(Siehe auch: Hintergrund: Ehen zwischen Israelis und Palästinensern)
Hans-Christian Rößler Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.
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