http://www.faz.net/-gpf-99i1g

Nord- und Südkorea : Himmlische Ruhe im Schatten der Bedrohung

Taesong-dong, das Dorf der Freiheit, in der entmilitarisierten Zone zwischen den koreanischen Staaten Bild: Patrick Welter

Vor dem Gipfel zwischen Nord- und Südkorea richten sich alle Augen auf den Versammlungsort, die entmilitarisierte Zone. Zwei Siedlungen dort sind Teil der gegenseitigen Propaganda.

          Als der Bus vor dem Kontrollpunkt auf der Nationalstraße 1 links abbiegt, wird es idyllisch. Eine kleine Landstraße windet sich wenige hundert Meter durch die hügelige Landschaft, gesäumt von Kirschbäumen, die vorsichtig zu blühen beginnen. Am Rande einer weiten Flussebene erreicht die Straße das Dörfchen Taesong. Im Hintergrund rahmen malerische Bergketten das Panorama. Doch die friedliche Idylle täuscht. Das südkoreanische Taesong liegt mitten in der entmilitarisierten Zone (DMZ), dem vier Kilometer breiten und rund 250 Kilometer langen Streifen entlang der innerkoreanischen Grenze. Trotz seines Namens gehört der Landstrich zu den militärisch bestbewachten Grenzen der Welt. Taesong aber trägt den Beinamen „Dorf der Freiheit“.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Wenige hundert Meter von der Grenze entfernt leben die 201 Bewohner im Schatten der Bedrohung durch Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un. Bräche ein militärischer Konflikt zwischen den koreanischen Staaten aus, läge Taesong direkt an der Frontlinie. Die Bewachung durch Kräfte der Vereinten Nationen ist komplett: Sogar die Feldarbeit findet unter Aufsicht militärischer Begleiter statt. Die Sperrfrist beginnt um Mitternacht und geht bis zum Sonnenaufgang, als Schutz gegen mögliche nordkoreanische Eindringlinge, die in früheren Jahrzehnten Bewohner in den Norden entführt haben sollen. Gäste der Dorfbewohner müssen sich Tage vorab anmelden und militärische Kontrollen passieren.

          Sprinter – der politische Newsletter der F.A.Z.
          Sprinter – der Newsletter der F.A.Z. am Morgen

          Starten Sie den Tag mit diesem Überblick über die wichtigsten Themen. Eingeordnet und kommentiert von unseren Autoren.

          Mehr erfahren

          Der Bürgermeister empfängt die Journalistengruppe auf dem Dach des Gemeindehauses, von dem der Blick gen Norden schweift. Kim Dong-ku berichtet von Spannungen und Nervosität, die das Leben so nah an der Grenze mit sich bringe. Vor dem Gipfeltreffen von Südkoreas Präsident Moon Jae-in und Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un am Freitag aber habe sich die Stimmung im Dorf deutlich entspannt. „Ich hoffe, dass die Atmosphäre der Entspannung zwischen Süd und Nord sich verfestigt und dauerhaft wird“, sagt Kim. Persönliche Gefühle gibt der 50 Jahre alte Bürgermeister nicht preis. Er stammt aus Taesong und ist dort aufgewachsen. Dass er seinem Heimatdorf die Treue hält, ist für ihn selbstverständlich. Seine beiden Kinder, sechs und neun Jahre alt, gehen in die Grundschule am Ort. Sorgen, dass nach einem möglichen Friedensvertrag das Dörfchen seinen Sonderstatus verlieren werde, hat Kim nicht: „Falls es zum Frieden kommt, ist das für unser Dorf nur gut.“

          Das Leben in Taesong ist hart und wohl auch eintönig. Es gibt eine Grundschule und die kleine Panmunjom-Kirche auf einem Hügel, es gibt aber keine Geschäfte und keinen Arzt am Ort. Kommerzieller Handel und Tätigkeiten seien in der entmilitarisierten Zone verboten, sagt der Bürgermeister. Der Schaukasten von „Lotte Cinema“ vor dem Gemeindehaus ist leer. Es scheint lange her zu sein, dass dort Kinoplakate hingen. Der kleine Saal mit den roten Sitzen wirkt gepflegt, aber unbenutzt. Nur manchmal würden Filme gezeigt, sagt Kim. Die Bevölkerungszahl sei recht stabil, heißt es vom Kommando der Vereinten Nationen. Doch der Bürgermeister fürchtet einen Bevölkerungsschwund. Die Jüngeren wollten lieber in der Stadt leben und dort ihre Kinder aufziehen. In Taesong gebe es außer harter Feldarbeit keine Arbeit.

          Einwohner zahlen keine Steuern

          Die Häuser sind gepflegt, vor den Eingängen stehen, wie überall in Korea, große Krüge, in denen Kohl zu Kimchi fermentiert. Einige neuere Bauten signalisieren relativen Wohlstand. Vor dem einen sind Solarzellen montiert, vor dem anderen steht ein kleiner BMW. Weil das Dörfchen in der entmilitarisierten Zone liegt, untersteht es formal der Hoheit der Vereinten Nationen. Die Einwohner zahlen keine Steuern, sie müssen auch keinen Wehrdienst leisten. Männern ist deshalb verboten, in das Dorf hineinzuheiraten. Sie sollen keine Gelegenheit erhalten, sich dem obligatorischen Wehrdienst zu entziehen. Nur Familien, die schon vor dem Waffenstillstand von 1953 in dem Grenzstreifen wohnten, oder ihre direkten Nachkommen dürfen dort siedeln. Wer weniger als 240 Nächte im Jahr in Taesong übernachtet, verliert das Wohnrecht.

          Weitere Themen

          Kreuzzüge scheitern

          Zukunft Europas : Kreuzzüge scheitern

          Der alte Westen ist tot. Europa kann trotzdem nicht neutral werden. Es muss aber ehrlicher werden: Eine liberale Ordnung kann es anderswo jetzt erst recht nicht mehr durchsetzen. Ein Gastbeitrag.

          Der Zeitdruck wächst Video-Seite öffnen

          Brexit-Gespräche : Der Zeitdruck wächst

          Die 27 EU-Regierungen und Großbritannien gingen am Mittwoch in Brüssel ohne Einigung auseinander. EU-Chefunterhändler Barnier sagte: "Wir brauchen viel mehr Zeit."

          EU-Gipfel soll Brexit-Blockade lösen Video-Seite öffnen

          Verlängerte Übergangsphase? : EU-Gipfel soll Brexit-Blockade lösen

          Fünf Monate vor dem geplanten Austritt Großbritanniens aus der EU suchen die Staats- und Regierungschefs nach einem Ausweg aus der Brexit-Sackgasse. Die Einigung auf eine verlängerte Übergangsphase nach dem Brexit könnte den Knoten beim EU-Gipfel zum Platzen bringen.

          Topmeldungen

          Fall Khashoggi : Die Republikaner werden unruhig

          Donald Trump wartet im Fall Khashoggi weiter ab, doch einige Republikaner fordern bereits eine harte Reaktion gegenüber Saudi-Arabien. Auch weil sich Hinweise auf eine Beteiligung der Königsfamilie verdichten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.