22.04.2008 · Wollten Sie Usama bin Ladins Stellvertreter schon immer mal ein paar Fragen stellen? Al Qaida macht es möglich: Ayman al Zawahiri kommentiert im Netz die Inflation auf der Arabischen Halbinsel - und kritisiert die palästinensische Hamas.
Von Rainer Hermann, IstanbulKaum ein Tag vergeht ohne die Stimme des Ägypters aus den Bergen des Hindukusch. Auch dort ist Ayman al Zawahiri auf dem Laufenden, reagiert schnell und beantwortet Fragen in Internetforen.
Fast zu allen Themen gibt es Stellungnahmen des Ideologen des Dschihad. Im Dezember hatte „Al Sahab“, der Medienarm von Al Qaida, aufgerufen, Fragen an Zawahiri zu stellen. Hundert von ihnen arbeitet er nun ab: Er kommentiert die Inflation auf der Arabischen Halbinsel, die jüngsten Wendungen im Karikaturenstreit und verkündet den bevorstehenden Sieg des Dschihad im Irak.
Kritik an der Hamas
Wenn die Amerikaner den Irak verließen, werde sich der Dschihad ausbreiten und sich Richtung Jerusalem bewegen. Dann komme auch das Ende der saudischen Monarchie, prophezeit Zawahiri.
In seinen jüngsten Äußerungen griff er erstmals die Hamas an. Nach Treffen von Hamas-Führern mit dem früheren amerikanischen Präsidenten Carter hatten sich nämlich die palästinensischen Islamisten verhandlungsbereit gezeigt und ein Referendum über einen Friedensvertrag mit Israel nicht ausgeschlossen. „Wie kann man etwas einem Referendum unterziehen, wenn es gegen die Scharia verstößt?“, schimpfte Zawahiri.
Sorgen bereitet ihm die nachlassende Unterstützung für die Dschihadisten im Irak. Daher ermahnte er die Muslime, dass sie am Tag des Jüngsten Gerichts gefragt würden, was sie für ihre Brüder im Dschihad getan hätten.
Die UN als Feind des Islams
Einen Fragesteller aus Algerien, der sich über die dschihadistische Rechtmäßigkeit der Anschläge gegen das Büro der Vereinten Nationen im Algier erkundigt hatte, bei dem im Dezember 41 Menschen getötet wurden, beruhigte Zawahiri: Die UN seien ein Feind des Islams und der Muslime. Sie hätten die Gründung des Staates Israels ermöglicht, Osttimor von Indonesien abgespalten, „Kreuzfahrer“ nach Afghanistan und in den Irak entsandt, aber nichts für die Muslime Tschetscheniens, Kaschmirs, Bosniens sowie in Melilla und Ceuta getan. Jene, die in Algier getötet wurden, seien daher nicht unschuldig gewesen, sagte Zawahiri.
In seiner letzten Internetkonferenz spielte er wieder die schiitische Karte. Er warnte davor, dass Iran erst den Südirak, dann den Osten der Arabischen Halbinsel und schließlich den Südlibanon annektieren werde. Wie an einen Strohhalm klammert sich Zawahiri offenbar an die Hoffnung auf eine nochmalige sunnitisch-schiitische Eskalation wie nach dem Anschlag auf die schiitische Moschee von Samarra Anfang 2006.
Der irakische Ministerpräsident Maliki ging am Dienstag in Kuweit darauf nicht ein, wo sich Vertreter der Nachbarstaaten des Iraks trafen. Maliki klagte darüber, dass der Irak noch immer Reparationen aus dem Überfall Saddams 1990 zahle und dass die Nachbarn mehr tun könnten, um die Versorgung der Extremisten mit Waffen und Gelder zu erschweren.
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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