28.07.2009 · Einst „Terrorhauptstadt“, heute Konsumoase: Obwohl der Friedensprozess stagniert, hat sich in Dschenin vieles zum Guten gewandelt. Eine Stadt, die zu einem Vorbild für die restlichen Palästinensergebiete werden soll.
Von Hans-Christian Rößler, DscheninDie Designer-Sitzgarnitur gibt es in Pink. Und wer unbedingt eine weinrote Marken-Waschmaschine haben will, wird im fünften Stock fündig - neben riesigen Plasma-Bildschirmen und italienischen Espressomaschinen. „Die Leute dachten, wir seien verrückt. Aber in den ersten Wochen interessierten sich die Kunden nicht einmal für unsere Eröffnungsrabatte. Sie wollten nur kaufen“, sagt Ziad Turabi schwärmend. Der Palästinenser mit den schwarzen Locken ist der Manager des „Herbawi Home Center“ in Dschenin.
Noch vor wenigen Jahren war die palästinensische Stadt im nördlichen Westjordanland vor allem wegen der Selbstmordattentäter bekannt, die sich von dort aus auf dem Weg nach Israel machten. In die Asphaltdecke der Haifa-Straße, an der sich heute das neue siebenstöckige Einkaufszentrum erhebt, rissen die Ketten der israelischen Panzer tiefe Furchen, wenn sie wieder einmal ins nahe gelegene Flüchtlingslager vorrückten.
„Es gibt einen riesigen Nachholbedarf an Qualitätsprodukten“
Dennoch entschied sich die palästinensische Möbelfirma Herbawi für Dschenin, um dort das erste Haus ihrer neuen Kaufhauskette in den Palästinensergebieten zu eröffnen. Erst danach folgt in diesen Tagen die Dependance in Ramallah. Ziad Turabi scheint sich keine Sorgen zu machen, dass die Investition von rund fünf Millionen Dollar den finanziellen Selbstmord für das Unternehmen bedeuten könnte, dessen Eigentümer aus Hebron bisher Matratzen herstellte.
„Viele Menschen in den besetzten Gebieten haben Geld. Es gibt einen riesigen Nachholbedarf an Qualitätsprodukten, die nur wir im Angebot haben“, sagt er. Daran, dass es wohlhabende Palästinenser gibt, zweifelt auch nicht die Regierung in Ramallah. Auf mehr als fünf Milliarden Dollar schätzt sie die Gesamtsumme, die auf Konten liegt.
„Die Leute haben die Gesetzlosigkeit satt“
Als palästinensische „Terrorhauptstadt“ hatte sich Dschenin nach der Jahrtausendwende einen Namen gemacht. Jetzt hoffen nicht nur die Möbelhändler, dass die Stadt zu einem Modell werden könnte. Einer der wichtigsten Gründe dafür wirkt banal und ist an jedem Abend zu beobachten, wenn sich die Sommerhitze langsam legt. Dann gehen viele der gut 50.000 Einwohner der Stadt zum Einkaufen, zum Eisessen oder begutachten die Sitzgarnituren im neuen klimatisierten Möbelhaus. „Es ist noch nicht lange her, da schlossen die Läden um 16 Uhr. Danach wagte sich kaum noch jemand auf die Straße“, erinnert sich eine Mutter, die mit ihren Kindern durch die Stadt bummelt. Jetzt fühlen sich die Menschen in Dschenin wieder sicher. Für ihre Sicherheit sorgt ganz alleine die palästinensische Polizei.
Unter dem Wandteppich mit dem Porträt des verstorbenen PLO-Chefs Jassir Arafat verbreitet Jusef Izreel Zuversicht: „Die Leute haben die Gesetzlosigkeit satt. Früher trauten sich die Beamten nicht auf die Straße. Jetzt sorgen sie selbst im Flüchtlingslager für Ordnung.“ Etwa 800 Mann stehen in Dschenin und Umgebung unter Izreels Kommando - rund um die Uhr. In Städten wie Ramallah und Bethlehem hat die israelische Armee eben erst probeweise damit begonnen, palästinensischen Polizisten auch die Verantwortung für die Nachtstunden zu überlassen.
Der Polizist aus dem Flüchtlingslager
Aber auch die Polizei in Dschenin kann bis heute nicht einfach tun, was sie für nötig hält. „Wenn wir alarmiert werden, müssen wir das zunächst mit den Israelis koordinieren, selbst wenn Gefahr im Verzug ist“, klagt der Polizeipräsident. Manchmal lasse die Genehmigung Stunden auf sich warten, manchmal komme sie gar nicht. Doch Klagen hilft nach seiner Ansicht nicht weiter, die Palästinenser müssten es aus eigener Kraft schaffen. Trotz der Hilfe auch aus Deutschland gebe es noch viel zu tun. Dschenin, wo die Bundesregierung die Polizei zuletzt mit neuen Autos half, bildet einen Schwerpunkt der deutschen Unterstützung für die Palästinensergebiete; die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung, die dort ein eigenes Büro unterhält, brachte Polizisten erste Computerkenntnisse bei.
Das neueste „Märtyrer“-Plakat im Flüchtlingslager von Dschenin zeigt, dass die Polizei auf einem guten Weg ist. Auf ihm ist nicht wie sonst das Gesicht eines bis an die Zähne bewaffneten Palästinensers zu sehen, der im Kampf gegen die Israelis ums Leben gekommen ist, sondern das eines Mannes in Polizeiuniform: Er stammt aus dem Flüchtlingslager, in dem vor sieben Jahren ein regelrechter Krieg zwischen der israelischen Armee und militanten Palästinensern getobt hatte. Den Beamten hatten Kämpfer der islamistischen Hamas getötet.
Anschlag auf das „Freedom Theatre“
Die Menschen im Lager von Dschenin, in dem früher militante Palästinenser die Oberhand hatten, trauern um einen Vertreter der Staatsmacht, die auch unter ihnen an Ansehen und Autorität gewonnen hat. In dem Lager, das die israelische Armee während der wochenlangen Gefechte im Jahr 2002 zu großen Teilen dem Erdboden gleichgemacht hatte, scheinen Radikale kaum noch Fuß fassen zu können.
Im Frühjahr war die Sorge vor einem Rückfall in die unruhige Vergangenheit noch einmal gewachsen: Eine Musikschule ging damals in Flammen auf, und jemand hatte einen Brandanschlag auf das „Freedom Theatre“ geplant, der in letzter Minute scheiterte. Das Theater schwäche den palästinensischen Widerstand und müsse deshalb verschwinden, hieß es auf Flugblättern.
„Unsere unheilbare Krankheit ist Hoffnung“
Juliano Mer Khamis erhielt damals Morddrohungen, aber ließ sich davon nicht beeindrucken und machte einfach weiter. „Wer hier im Lager durchhält, verdient sich Respekt unter den Einwohnern. Hinter den Aktionen steckte keine Organisation, sondern wohl nur ein Einzeltäter, und alles war bald vorüber“, sagt der Israeli, der das „Freiheitstheater“ leitet, dessen Vorläufer seine Mutter Arna in den neunziger Jahren gegründet hatte. Sie hatte einen Palästinenser geheiratet und war mit ihm nach Dschenin gezogen. Anfangs war befürchtet worden, Islamisten oder radikale Fatah-Mitglieder steckten hinter den Angriffen auf Kultureinrichtungen. Aber auch Polizeipräsident Izreel führt das Aufflackern der Gewalt auf Einzeltäter in dem Lager zurück. Sie waren offenbar von der Welle der Solidarität mit den Künstlern überrascht, die ihre Angriffe auslösten, und gaben auf.
In der ehemaligen Lagerhalle, wo die einzige professionelle Bühne im Norden der Palästinensergebiete steht, wird in diesen Tagen tagsüber geprobt und fast jeden Abend gespielt. Mehrere Wochen dauert das erste Theaterfestival, das in Dschenin jemals veranstaltet wurde und gerade begonnen hat. Das nächste könnte dann schon in neuen Räumen stattfinden: Noch in diesem Jahr soll an der Haifa-Straße, wo auch das Möbelhaus liegt, der Grundstein für ein neues modernes Theater entstehen. „Unsere unheilbare Krankheit ist Hoffnung“, zitiert Theaterleiter Khamis den vor kurzem verstorbenen palästinensischen Dichter Mahmud Darwisch. Aber noch zögert er, der Ruhe der vergangenen Wochen zu trauen. Khamis schließt nicht aus, dass es wieder einmal nur die Ruhe vor einem neuen Sturm sein könnte, was ihn aber nicht von seinen Neubauplänen abbringt.
Nur zwei Mal in der Woche fließt Wasser durch die Leitungen
Gründe dafür, dass sich Unzufriedenheit in einem Ausbruch neuer Gewalt entlädt, gäbe es in Dschenin genug. Zwar ließ der Emir von Abu Dhabi das zum Teil von den Israelis 2002 zerstörte Flüchtlingslager wieder aufbauen - samt einer großen Moschee und mit den breiteren Straßen, die die israelische Armee verlangt hatte, damit sie besser mit ihren gepanzerten Fahrzeugen dorthin vorstoßen kann. Aber in den kleinen Häusern des Lagers wohnen dicht gedrängt Menschen, von denen mehr als siebzig Prozent keine Arbeit haben; nicht einmal auf den Feldern rund um die Stadt.
Früher war Dschenin bekannt für das Obst und das Gemüse, das seine Bauern anbauten. Doch während jenseits des Grenzzauns auf israelischer Seite auch tagsüber die Bewässerungsanlagen laufen, fehlt in Dschenin nicht nur den Bauern das Wasser: Nur zwei Mal in der Woche fließt es während des heißen Sommers aus den Leitungen der Wohnungen im Lager wie der Stadt.
Vorbild für die restlichen Palästinensergebiete
Wer sich eine der modernen Wasch- oder Spülmaschinen aus dem Herbawi-Möbelhaus leistet, kann sie die meiste Zeit nicht einschalten, außer er lässt sich zusätzlich teures Wasser von Tankwagen nach Hause liefern. Besonders beliebt sind bei den Kunden deshalb die Plastikblumen, die es im fünften Stock zu kaufen gibt. Dennoch gelang in dem Möbelhaus etwas, worum sich auch die Bundesregierung bisher vergeblich bemühte: Am Stadtrand Dschenins sollte längst ein Industriegebiet mit 180 Unternehmen und gut 10.000 Arbeitsplätzen zu einem weiteren Vorbild für die restlichen Palästinensergebiete werden. Wo vor mehr als neun Jahren Bundespräsident Johannes Rau den Grundstein für das Großprojekt legte, wachsen bis heute nur Gurken und grasen Schafe.
Hans-Christian Rößler Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.
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