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Drusen in Israel : Aufstand der Blutsbrüder

Gegen Ausgrenzung; Der geistliche Führer der israelischen Drusen, Scheich Muafak Tarif, bei einer Demonstration am vergangenen Samstag in Tel Aviv. Bild: AP

Israels neues Grundgesetz treibt vor allem die treue Minderheit der Drusen auf die Barrikaden. Doch Ministerpräsident Benjamin Netanjahu weicht nicht zurück.

          Den Jom-Kippur-Krieg erlebte Amal Assad als Wehrdienstleistender. Als Israel 1982 in den Libanon einmarschierte, befehligte er eine Offensive in den Bergen vor Beirut, und während der Intifada war Assad in Jenin stationiert, einem der gefährlichsten Einsatzorte in den palästinensischen Gebieten. Dreimal wurde er verwundet. Amal Assad ist der erste Druse, der in den israelischen Streitkräften zum General aufstieg. Doch jetzt, sagt er, kämpfe er seinen wichtigsten Kampf: um die Zukunft Israels als demokratischen Staat für jeden seiner Bürger. „Mir geht es gut“, sagt Assad, „aber ich kann nicht akzeptieren, dass meine beiden Söhne oder irgendjemand anders in Israel zukünftig niedriger sein könnten als andere.“ Assad sagt, er werde nicht aufhören, bis das gerade verabschiedete Nationalstaatsgesetz wieder außer Kraft gesetzt ist.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Das mit knapper Mehrheit angenommene Grundgesetz in Verfassungsrang schreibt einzig dem jüdischen Volk das Selbstbestimmungsrecht in Israel zu. Es erklärt jüdische Besiedlung zu einem „nationalen Wert“, ohne das Gleichheitsprinzip zu erwähnen, und stuft Arabisch von einer Amtssprache zu einer mit speziellem Status herab. Über seine tatsächlichen Folgen wird weiter gestritten. Doch auch wenn es sich vorrangig gegen die arabische Minderheit richtet, sind es vor allem die Drusen, die in Israel den Protest prägen: eine Minderheit, die sich im 11. Jahrhundert vom schiitischen Islam abspaltete und eine eigenständige Religion vertritt. In Isfiya im Karmel-Gebirge, dem Heimatdorf Assads, erzählen sie von Jahrhunderten der Verfolgung durch Muslime. Sie habe dazu geführt, dass sich Drusen in die Bergregionen des heutigen Südlibanons, Südsyriens und Nordisraels zurückzogen, wo sie bis heute eine eigenständige Kultur wahren, sich aber äußerst loyal zum Staat verhalten.

          Schon während der britischen Kolonialherrschaft kämpften Drusen an der Seite jüdischer Untergrundmilizen für die Unabhängigkeit Israels. Eine Minderheit half der anderen. Seit den fünfziger Jahren gilt in Israel die Wehrpflicht für Drusen: Heute gehen mehr als 80 Prozent von ihnen zum Militär, unter der jüdischen Bevölkerung sind es rund 70 Prozent. Das Nationalstaatsgesetz, sagt Assad, droht die enge Verbindung zu zerschneiden. „Es ist ein Stich in unsere Augen“, sagt er, „auch wenn wir nie wirklich gleichwertig waren.“ Das neue Gesetz sei der letzte Tropfen gewesen. „Jetzt kann eine jüdische Siedlung auf meinem Land in Isfiya gegründet werden, und vor Gericht kann ich dagegen vielleicht nichts unternehmen.“

          „Es begann ja klein, Stück um Stück“

          Amal Assad ist einer der Wortführer der Proteste. Vergangene Woche kamen Tausende Drusen aus den Bergen nach Tel Aviv. Zehntausende Juden schlossen sich der Demonstration gegen die Regierung an. Assad sagt, eine Auswertung des Inlandsgeheimdienstes habe die Zahl von 147 000 Mobiltelefonen auf dem Rabinplatz ergeben. Die stets beschworene Blutsbrüderschaft zwischen Drusen und Juden bewegt viele Israelis. Mehr als 400 Drusen sind seit der Staatsgründung Israels im Einsatz gefallen.

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