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Lage in Aleppo : Im Kessel gefangen

Müde, erschöpft, gezeichnet: Kämpfer der „Freien Syrischen Armee“ am Mittwoch vor Aleppo Bild: Reuters

Die Lage in der eingeschlossenen Stadt Aleppo ist dramatisch. Ein Versuch von islamistischen Rebellen, den Belagerungsring zu sprengen, ist gescheitert. Droht eine humanitäre Katastrophe?

          Vergeblich hatte die Staatengemeinschaft darauf gedrängt, dass in Syrien am 1. August der politische Übergang eingeleitet werden soll. Statt einer Waffenruhe und politischen Gesprächen über die Zukunft aber eskaliert die Schlacht um Aleppo. In der östlichen Hälfte der Stadt sind 300.000 Menschen von der Außenwelt abgeschnitten. Nachdem die Rebellen seit dem Wochenende bei dem Versuch Fortschritte erzielt hatten, von Südwesten her den neu geschlossenen Belagerungsring zu durchstoßen und eine neue Versorgungsroute in die Stadt hinein zu öffnen, konnten die Regimetruppen am Dienstagabend und Mittwoch verlorenen Boden wieder gutmachen.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Besonders umkämpft ist der Stadtteil Ramousa. Dort hatten sich die Rebellen am Wochenende bis auf wenige Kilometer den eingeschlossenen Rebellengebieten Aleppos angenähert. Sie hatten einen Tunnel bis unter einen Armeestützpunkt gegraben und dort eine Bombe detonieren lassen. Dann aber eroberten Einheiten des syrischen Regimes, die aus der Luft von russischen Luftangriffen unterstützt werden, zwei Hügel und zwei Dörfer von Ramousa zurück. Die Großoffensive der Rebellen kam vor allem wegen der russischen Luftunterstützung zum Erliegen. Bewohner von Aleppo berichteten von 20 bis 30 Luftangriffen täglich durch Kampfflugzeuge und Hubschrauber.

          Ein Rumpfsyrien aus Damaskus, Aleppo, Homs und Hama

          Vorausgegangen war am Wochenende eine Großoffensive der Rebellen. Zu der waren die Nusra-Front, die sich vergangene Woche in Fatah-al-Sham-Front umbenannt und offiziell von Al Qaida losgesagt hat, und die ebenfalls dschihadistischen Ahrar al Sham eine Allianz eingegangen. Die Kämpfer dieser islamistischen Allianz haben Regimetruppen auch an anderen Abschnitten der Front angegriffen. Ziel der Großoffensive der Rebellen ist es, die strategisch wichtige Umgehungsstraße im Westen Aleppos, die Castello Road, wieder unter Kontrolle zu bekommen. Über diese Straße waren die Rebellengebiete in der Stadt Aleppo versorgt worden, bevor das Regime in den vergangenen Wochen den Belagerungsring um die Stadt im Westen geschlossen hat.

          Bild: F.A.Z.

          Das war schiitischen Milizen gelungen, die von Offizieren der iranischen Revolutionswächter kommandiert werden und in denen überwiegend irakische Staatsbürger kämpfen. Eine der wichtigsten Einheiten der regulären syrischen Armee steht indessen östlich von Aleppo. Dort steht sie, geführt von General Suheil al Hassan, an einem langen Frontabschnitt dem „Islamischen Staat“ gegenüber. Ziel des Regimes ist es, größere zusammenhängende Gebiete der Rebellen zu trennen und von Versorgungslinien abzuschneiden. Langfristig will das Regime die vier größten Städte des Landes – Damaskus, Aleppo, Homs, Hama – zu einem Rumpfsyrien vereinen. Ein Sieg des Regimes in der Schlacht um Aleppo würde als psychologisches Signal verstanden, dass die Rebellen den Krieg verloren hätten.

          Unterdessen spitzt sich die humanitäre Krise in den Rebellengebieten von Aleppo zu. Die Grundnahrungsmittel sind aufgebraucht, die Preise für die knapp gewordenen Lebensmittel sind für viele Einwohner der ausgebombten Stadt nicht mehr bezahlbar. In Berlin forderten nun mehr als ein Dutzend Hilfsorganisationen, unter ihnen Care und World Vision, dass Aleppo nicht zu einem „weiteren Ort des Massensterbens werden“ dürfe. Auch die Bundesregierung warnte vor einer „humanitären Katastrophe“. Eine ärztliche Versorgung von Kranken und Verletzten ist kaum mehr möglich. In einer Woche sind bei mehreren Angriffen zwei Ambulanzen, sechs Krankenhäuser, die Blutbank und eine Kinderstation teilweise oder ganz zerstört worden, dokumentierte die Organisation Ärzte der Welt.

          „Echte Fortschritte im Kampf gegen die Terroristen“

          Die Regierung in Damaskus und ihr Verbündeter Russland hatten in der vergangenen Woche vorgeschlagen, sogenannte humanitäre Korridore für die Bewohner der Stadt einzurichten, die sich ergeben und die Waffen niederlegen. Als „zynisch und inakzeptabel“ bezeichnet am Mittwoch eine Sprecherin der Bundesregierung das Anbieten „von ungesicherten Fluchtkorridoren durch Russland bei gleichzeitiger, fortgesetzter Bombardierung der Stadt, die ja immer auch wieder Krankenhäuser“ treffe. Die Lage in Aleppo sei „dramatisch“. Sie sagt, die Bundesregierung verurteile die drohende Belagerung von Aleppo auf das Schärfste und fordere die Kriegsparteien, „insbesondere die syrische und die russische Regierung“, zu einem sofortigen Waffenstillstand im Gebiet von Aleppo auf.

          Der amerikanische Außenminister John Kerry forderte Russland ebenfalls auf, die Angriffe auf Aleppo einzustellen. Denn diese verhinderten Gespräche über einen politischen Übergangsprozess. Die Geduld Amerikas sei nicht unendlich, sagte Kerrys Sprecher. Washington ziehe einen diplomatischen Ansatz vor, prüfe aber „Alternativen und Optionen“, nannte aber keine Einzelheiten.

          Die russische Regierung wies die amerikanische Kritik zurück. Es sei „inakzeptabel“, dass Washington ausgerechnet jetzt ein Ende der Angriffe verlange, wo es „echte Fortschritte im Kampf gegen die Terroristen“ gebe, sagte der stellvertretende Außenminister Sergej Riabkow der russischen Nachrichtenagentur RIA Nowosti. Russland dementierte unterdessen, dass aus einem seiner Hubschrauber eine Fassbombe über der Stadt Saraqb nahe Aleppo abgeworfen worden sei, die Chlorgas enthalten hat.

          Die Rebellen werfen den syrischen Kurden vor, mit dem Regime und Russland gemeinsame Sache zu machen. Die kurdische Miliz YPG hält zwar im Norden Aleppos den überwiegend von Kurden bewohnten Stadtteil Scheich Maqsud, der im Süden an das Gebiet des Regimes grenzt und im Norden an das der Rebellen. Die Kurden versuchen aber, diesen Stadtteil über einen Korridor an den nördlich gelegenen kurdischen Kanton Afrin anzubinden und so an die kurdische Selbstverwaltungsregion Rojava. Dabei haben die Kurden Geländegewinne auf Kosten der Rebellen erzielt.

          Quelle: F.A.Z.

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