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Trumps Afghanistan-Strategie : Der selbsternannte Problemlöser und sein Rückzug vom Abzug

  • -Aktualisiert am

Donald Trump hält seine Rede vor Soldaten im Fort Myer in Arlington. Bild: AP

Vollmundig hatte Donald Trump angekündigt, in Afghanistan alles besser zu machen. Doch mit seiner geplanten Aufstockung der Truppen bricht Amerikas Präsident nun ein Wahlkampf-Versprechen. 

          Es war ein Auftritt geprägt von Symbolik: Fort Myer, einen Stützpunkt der amerikanischen Streitkräfte neben einem der größten Soldatenfriedhöfe Amerikas, hatte sich der amerikanische Präsident Donald Trump für seine große Rede zur Außenpolitik ausgesucht. Direkt neben dem Ort, an dem hunderte gefallene Soldaten unter Reihen weißer Grabsteine begraben liegen, betrat Trump in den Abendstunden die Bühne, stellte sich vor die amerikanische Flagge ans Rednerpult und erklärte den Soldaten auf den Publikumsrängen, wie seine neue Strategie im Kampf für ein friedliches Afghanistan aussehen werde.

          Zu lange habe man sich in der amerikanischen Außenpolitik darauf konzentriert, Staaten nach amerikanischem Ideal wiederaufzubauen, anstatt die Sicherheitsinteressen der Nation zu verteidigen. Aber Trump, das sagte er selbst, sei ein Problemlöser, die Terroristen dagegen seien Verlierer, und Amerika werde „diesen Krieg gewinnen“.

          Ein „politisches Sediment, das Elemente der Taliban enthält“

          Wie genau der längste Krieg der amerikanischen Geschichte – nahezu 16 Jahre sind es bisher – gewonnen werden soll, dazu traf der Präsident am Montag allerdings nur vage Aussagen. Die Strategie, an der Trump seit Beginn seiner Amtszeit mit Sicherheitsberatern gefeilt haben soll, werde sich in Zukunft auf den Kampf gegen Terroristen, nicht auf den Aufbau demokratischer Strukturen konzentrieren. Langfristig könne man sich für Afghanistan ein „politisches Sediment, das Elemente der Taliban enthält“ vorstellen. Einen rapiden Abzug der rund 8400 amerikanischen Soldaten werde es nicht geben – obwohl Trump ebendiesen im Wahlkampf noch gefordert hatte.

          Man treffe Entscheidungen eben anders, wenn man hinter dem Schreibtisch im „Oval Office“ sitze, so Trump. Ein schneller Abzug bringe „vorhersehbare und inakzeptable“ Konsequenzen mit sich und sei somit vom Tisch. Stattdessen sieht Trumps Entwurf vor, die Truppen erst abzuziehen, wenn gewisse „Konditionen“ in Afghanistan erfüllt seien. Wie diese aussehen, sagte er nicht.

          Amerikas Außenpolitik : Trump kündigt stärkeres Engagement in Afghanistan an

          Der Rückzug vom Abzug ist ein Zugeständnis an Trumps militärische Berater, die eine Aufstockung der Truppen vor Ort fordern. Dagegen hatte sich in der Vergangenheit vor allem Trumps Chefstratege Steve Bannon ausgesprochen, der kürzlich von seinem Posten entlassen wurde, und mit dem Trump im Wahlkampf für einen Isolationskurs warb. Nun wird sich die Zahl der amerikanischen Soldaten in Afghanistan erhöhen – genaue Zahlen nannte Trump jedoch nicht. Allerdings erhielt Verteidigungsminister James Mattis bereits im Juni die Genehmigung, bis zu 3900 weitere Soldaten nach Afghanistan zu entsenden. Getan hat er das bisher noch nicht.

          Auch die Strategie gegenüber Pakistan, einst ein Verbündeter im Kampf gegen den Terrorismus, nun „sicherer Hafen“ der Feinde Amerikas, will Trump verschärfen. „Wir haben Pakistan Milliarde um Milliarde gezahlt, während sie die Terroristen beherbergen, die wir bekämpfen“, sagte Trump. Für seine „Südasien-Strategie“, wie er es nannte, will der amerikanische Präsident auch Nato-Verbündete und Indien verpflichten. Man werde die Nato-Partner bitten, die neue Strategie mit weiteren Erhöhungen der Truppenstärke und Finanzierung zu unterstützen. 15 Nato-Staaten haben bisher eher allgemein ein zusätzliches Engagement in Aussicht gestellt. Von Indien erwarte man dagegen Unterstützung in Sachen Wirtschaft und Entwicklung der Region. Sanktionen gegen Terror-Netze werde man maximieren, sagte Trump.

          Charlottesville noch immer Thema

          Von der Afghanistan-Strategie seiner Amtsvorgänger unterscheidet sich Trumps Vorlage nicht maßgeblich. Auch Präsident Barack Obama hatte den Abzug der Truppen zuletzt immer wieder verschoben, auch er hatte bei der Strategie seines Verteidigungsministeriums auf eine Mischung aus Militär und Diplomatie gesetzt. Trump sagte nun, man werde „alle Instrumente amerikanischer Macht“ in die Strategie „integrieren“: Militär, Diplomatie, Wirtschaft. Ein klarer Bruch mit Obamas Strategie, den Trump immer wieder angekündigt hatte, war das nicht.

          Die Rede des Präsidenten kann auch als Versuch gewertet werden, das Thema der amerikanischen Tagespolitik zu wechseln – weg von den Ereignissen in Charlottesville im Bundesstaat Virginia, wo ein Aufmarsch rechtsextremistischer Gruppen tödlich endete, als einer der Extremisten mit einem Auto in eine Gegendemonstration raste. Eine junge Frau erlag ihren Verletzungen; dennoch hatte Trump beide Seiten für die gewalttätigen Ausschreitungen verantwortlich gemacht. Auch aus den eigenen Reihen wurde ihm im Nachhinein vorgeworfen, rechtsextreme Gewalt nicht klar genug verurteilt zu haben.

          Am Montag ging Trump zu Beginn seiner Rede abermals auf die Ereignisse in Charlottesville ein. Er sprach davon, dass sich Amerika einen müsse, damit Soldaten von Auslandseinsätzen in ein Land heimkehrten, das sich nicht im „Krieg mit sich selbst“ befinde. Bei dem Thema wählte er eine für ihn vergleichsweise überlegte Rhetorik: Er sprach symbolisch von der „amerikanischen Familie“, von den „Brüdern und Schwestern“ des Militärs, die jenseits der Grenzen von Volkszugehörigkeit, Rasse, Glaube und Hautfarbe zusammen an einer Mission arbeiteten. „Wenn wir unsere Herzen für Patriotismus öffnen, dann ist kein Raum für Vorurteile, kein Platz für Fanatismus, keine Toleranz für Hass“, sagte Trump. Aber auch in Fort Myer wollte er rechtsextreme Gewalt nicht als solche bezeichnen und verurteilen. Stattdessen: Loyalität, Einigkeit und „Heilung“ als Leitmotive.

          Der Wind, der Trump nach seiner Reaktion auf die Ereignisse in Charlottesville entgegenwehte, scheint sich bereits zu drehen. Marco Rubio, ein republikanischer Senator, der Trump für seine Kommentare scharf angegriffen hatte, lobte Trump blitzschnell auf Twitter für dessen „gute Afghanistan-Strategie und exzellente Rede“. Das Kompliment hat Trump bereits retweetet.

          Quelle: FAZ.NET

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