http://www.faz.net/-gpf-72tjg

Diederik Samsom : Energiebündel

Kernphysiker und Atomkraftgegner: Diederik Samsom Bild: dapd

Die niederländischen Sozialdemokraten haben bei der Parlamentswahl die zweitmeisten Stimmen erzielt. Ihr Spitzenkandidat Diederik Samsom dürfte Koalitionspartner der Rutte-Regierung werden. Die Differenzen sind enorm.

          Tage vor der Wahl ließ Diederik Samsom ein Foto verbreiten, das ihn beim Telefonat mit Frankreichs Staatspräsident François Hollande zeigt. Solche Bilder kannte man aus dem Oval Office des amerikanischen Präsidenten, aber nicht aus Den Haag. Dort lautet die oberste Politikerpflicht, sich bloß nicht wichtig zu nehmen. Doch der Sozialdemokrat Samsom, der noch vor vier Wochen beinahe unerkannt durch niederländische Fußgängerzonen lief und bangte, den Sozialisten die Führung im linken Lager überlassen zu müssen, hat sich den Wählern als Staatsmann verkaufen können. Das ist keine kleine Leistung.

          Andreas Ross

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Nun braucht der rechtsliberale Ministerpräsident Mark Rutte, der einen schrillen Lagerwahlkampf führte, Samsom als Koalitionspartner. Die Differenzen zu den Sozialdemokraten, die mit zwei Mandaten weniger auf Augenhöhe verhandeln können, sind enorm: Im Gegensatz zu Rutte will Samsom die Marktwirtschaft im Gesundheitswesen stutzen, Steuerentlastungen für Hausbesitzer zurückfahren und der Wirtschaftskrise mit mehr schuldenfinanzierten Investitionen beikommen, als die EU erlaubt. Doch die Konkurrenten sind zur Koalition verdammt.

          Abteilungsleiter bei Greenpeace

          Diederik Samsom könnte auch ein Atomkraftwerk leiten. Doch schon bevor er 1997 sein Studium der Kernphysik in Delft abschloss, protestierte er gegen Atomstrom. Er wurde Abteilungsleiter bei Greenpeace, bis er vor zehn Jahren im Alter von 32 Jahren ein kleines Unternehmen für „grüne“ Energie gründete. Kurz danach kam er ins Parlament, wo er spätestens dann der Parteilinken zugerechnet wurde, als er 2004 gegen die Beteiligung am Irakkrieg stimmte. In dieser Zeit ist Samsom als ein sich und seine hohe Stimme nicht immer unter Kontrolle habendes Energiebündel aufgefallen, das sich vielen intellektuell überlegen fühlt. Sein Versuch, die Parteiführung zu übernehmen, glückte denn auch erst im zweiten Anlauf im März dieses Jahres, als Samsom eine Urwahl gewann. Deshalb war er noch im Kampagnenmodus, als Ruttes Minderheitsregierung im April die Mehrheit verlor. Doch er wirkte überfordert: Als eine breite Ad-hoc-Koalition einen Nothaushalt verabredete, stand Samsom abseits.

          Seine Unbekanntheit bekämpfte er zunächst mit einem Film über seine Familie, in dem er seine schwerbehinderte Tochter vorstellte. Ob das nicht zu amerikanisch sei, wurde gefragt. Doch den Politiker, der schon zur Vorbereitung seines parteiinternen Wahlkampfs Reden von Barack Obama auswendig gelernt hatte, focht das nicht an. Hatte anfangs noch in Frage gestanden, ob er an einer Fernsehdebatte der wichtigsten Kandidaten überhaupt teilnehmen dürfe, wurde er im Studio zwischen den Lagerkämpfern mit seinem Plädoyer für Kompromisse und Ehrlichkeit zum Sympathieträger. Auch Parteifreunde erkannten Samsom kaum wieder, der nicht mehr herumzappelte, nie aus der Haut fuhr und seine Stimme in einen beruhigenden Bariton verwandelt hatte. Jetzt werden sie mit Argusaugen beobachten, wie viel Sozialdemokratie er seinem Zwangsbräutigam Rutte abtrotzen kann.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Keiner will nach Jamaika

          Mögliche Koalitionsoptionen : Keiner will nach Jamaika

          Jamaika, Schwarz-Gelb oder doch wieder eine große Koalition? In der Theorie gibt es nach der Wahl verschiedene Möglichkeiten der Regierungsbildung für Angela Merkel. Aber welches Bündnis ist wie wahrscheinlich?

          Flucht aus Somalia - nach Syrien Video-Seite öffnen

          Bürgerkrieg : Flucht aus Somalia - nach Syrien

          Vor den Kämpfen in Syrien sind Millionen Menschen geflüchtet, doch zehntausende Menschen aus anderen Konfliktländern haben sich für Syrien als Fluchtort entschieden, vor allem Menschen aus dem Südsudan, Somalia und dem Irak. Die meisten sind vor Beginn des Konflikts in Syrien angekommen.

          Topmeldungen

          AfD triumphiert im Osten : Frauke Petry gewinnt Direktmandat

          Die AfD hat besonders bei Männern im Osten punkten können. In den neuen Bundesländern ist die rechte Partei zweitstärkste Kraft. In Sachsen ist sie sogar die Nummer eins und gewinnt mehrere Direktmandate.

          Das Comeback der FDP : Triumphale Rückkehr ins Ungewisse

          Nach dem triumphalen Wiedereinzug der Liberalen in den Bundestag muss sich Christian Lindner die Frage stellen: Werden die Freien Demokraten wieder mit Angela Merkel regieren? Die Signale des FDP-Retters sind deutlich.

          SPD-Wahldebakel : Der schlimmste Tag

          Für die SPD ist es das schlechteste Ergebnis seit 1949. Die Partei will sich nun nach der vierten Wahlniederlage seit 2005 rundum erneuern. Eine Konsequenz aus dem Desaster nehmen die Genossen jedoch fast erleichtert auf.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.