Home
http://www.faz.net/-gpf-72tjg
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 13.09.2012, 14:57 Uhr

Diederik Samsom Energiebündel

Die niederländischen Sozialdemokraten haben bei der Parlamentswahl die zweitmeisten Stimmen erzielt. Ihr Spitzenkandidat Diederik Samsom dürfte Koalitionspartner der Rutte-Regierung werden. Die Differenzen sind enorm.

© dapd Kernphysiker und Atomkraftgegner: Diederik Samsom

Tage vor der Wahl ließ Diederik Samsom ein Foto verbreiten, das ihn beim Telefonat mit Frankreichs Staatspräsident François Hollande zeigt. Solche Bilder kannte man aus dem Oval Office des amerikanischen Präsidenten, aber nicht aus Den Haag. Dort lautet die oberste Politikerpflicht, sich bloß nicht wichtig zu nehmen. Doch der Sozialdemokrat Samsom, der noch vor vier Wochen beinahe unerkannt durch niederländische Fußgängerzonen lief und bangte, den Sozialisten die Führung im linken Lager überlassen zu müssen, hat sich den Wählern als Staatsmann verkaufen können. Das ist keine kleine Leistung.

Andreas Ross Folgen:

Nun braucht der rechtsliberale Ministerpräsident Mark Rutte, der einen schrillen Lagerwahlkampf führte, Samsom als Koalitionspartner. Die Differenzen zu den Sozialdemokraten, die mit zwei Mandaten weniger auf Augenhöhe verhandeln können, sind enorm: Im Gegensatz zu Rutte will Samsom die Marktwirtschaft im Gesundheitswesen stutzen, Steuerentlastungen für Hausbesitzer zurückfahren und der Wirtschaftskrise mit mehr schuldenfinanzierten Investitionen beikommen, als die EU erlaubt. Doch die Konkurrenten sind zur Koalition verdammt.

Abteilungsleiter bei Greenpeace

Diederik Samsom könnte auch ein Atomkraftwerk leiten. Doch schon bevor er 1997 sein Studium der Kernphysik in Delft abschloss, protestierte er gegen Atomstrom. Er wurde Abteilungsleiter bei Greenpeace, bis er vor zehn Jahren im Alter von 32 Jahren ein kleines Unternehmen für „grüne“ Energie gründete. Kurz danach kam er ins Parlament, wo er spätestens dann der Parteilinken zugerechnet wurde, als er 2004 gegen die Beteiligung am Irakkrieg stimmte. In dieser Zeit ist Samsom als ein sich und seine hohe Stimme nicht immer unter Kontrolle habendes Energiebündel aufgefallen, das sich vielen intellektuell überlegen fühlt. Sein Versuch, die Parteiführung zu übernehmen, glückte denn auch erst im zweiten Anlauf im März dieses Jahres, als Samsom eine Urwahl gewann. Deshalb war er noch im Kampagnenmodus, als Ruttes Minderheitsregierung im April die Mehrheit verlor. Doch er wirkte überfordert: Als eine breite Ad-hoc-Koalition einen Nothaushalt verabredete, stand Samsom abseits.

Seine Unbekanntheit bekämpfte er zunächst mit einem Film über seine Familie, in dem er seine schwerbehinderte Tochter vorstellte. Ob das nicht zu amerikanisch sei, wurde gefragt. Doch den Politiker, der schon zur Vorbereitung seines parteiinternen Wahlkampfs Reden von Barack Obama auswendig gelernt hatte, focht das nicht an. Hatte anfangs noch in Frage gestanden, ob er an einer Fernsehdebatte der wichtigsten Kandidaten überhaupt teilnehmen dürfe, wurde er im Studio zwischen den Lagerkämpfern mit seinem Plädoyer für Kompromisse und Ehrlichkeit zum Sympathieträger. Auch Parteifreunde erkannten Samsom kaum wieder, der nicht mehr herumzappelte, nie aus der Haut fuhr und seine Stimme in einen beruhigenden Bariton verwandelt hatte. Jetzt werden sie mit Argusaugen beobachten, wie viel Sozialdemokratie er seinem Zwangsbräutigam Rutte abtrotzen kann.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Plan der Niederlande Flüchtlinge in Griechenland sollen direkt wieder zurück in die Türkei

Gerettet und gleich wieder zurück: Ein Plan, den die Niederlande vorlegen, sieht vor, dass Flüchtlinge mit Fähren von griechischen Inseln wieder in die Türkei gebracht werden. Mehr

28.01.2016, 16:08 Uhr | Politik
Charlie Hebdo-Jahrestag Polizei erschießt Angreifer in Paris

In der französischen Hauptstadt Paris ist ein Angreifer vor einem Polizeirevier erschossen worden. Der Mann soll zuvor einen Beamten attackiert und Allahu Akbar - auf Deutsch Allah ist groß - gerufen haben. Derweil würdigte Frankreichs Staatschef François Hollande am Jahrestag des islamistischen Anschlags auf die Satirezeitung Charlie Hebdo die damals getöteten Polizisten. Mehr

07.01.2016, 14:53 Uhr | Politik
Rücktritt als Widerstand Französische Justizministerin gibt Amt auf

Frankreichs Justizministerin Taubira verlässt ihr Amt. Sie stilisiert ihren Abgang zum Widerstand gegen die Politik von Präsident Hollande. Ihre Handlung ruft auch Schadenfreude hervor. Mehr Von Michaela Wiegel, Paris

27.01.2016, 11:22 Uhr | Politik
Ein Jahr nach Charlie Hebdo Gedenken an Attentatsopfer von Paris

Staatspräsident Hollande hat im Beisein Hunderter Franzosen einen Kranz am Platz der Republik niedergelegt. Mehr

11.01.2016, 11:41 Uhr | Politik
Französische Regierung Demontage einer Ikone

Frankreichs Justizministerin Taubira tritt im Streit von ihrem Amt zurück. Vor allem rechte Politiker halten das für eine gute Neuigkeit. Doch womöglich kommt es schon bald zum nächsten Duell zwischen Taubiras und Präsident Hollande. Mehr Von Michaela Wiegel, Paris

27.01.2016, 18:34 Uhr | Politik

Gaucks Sorgen

Von Berthold Kohler

Der Bundespräsident gibt der Bundeskanzlerin immer deutlichere Hinweise auf alternative Wege in der Flüchtlingskrise. Baut er an einer Brücke für sie? Ein Kommentar. Mehr 233