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Die Mission des Tony Blair „Ich würde den Irak heute wieder angreifen“

29.01.2010 ·  Sechs Stunden lang musste der frühere Premierminister vor der Kommission zum Irak-Krieg Rede und Antwort stehen. Nicht ein Mal während seiner Aussage versuchte er, die Verantwortung auf andere zu verteilen. Er bereute nichts - und schlug den Bogen vom Irak von damals zu Iran heute.

Von Johannes Leithäuser, London
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Das sonnengebräunte Gesicht des Zeugen Tony Blair spiegelte sein Selbstbewusstsein. Der frühere britische Premierminister, der am Freitag sechs Stunden lang vor der Kommission zur Aufklärung der Gründe für den Irak-Krieg Rede und Antwort stehen musste, unternahm während seiner Aussage nicht ein einziges Mal den Versuch, die Verantwortung für den britischen Einmarsch im Frühjahr 2003 auf andere zu verteilen: Auf Geheimdienstinformationen, die sich später als unzutreffend erwiesen, auf das Drängen des amerikanischen Verbündeten George W. Bush oder auf transatlantische Loyalitätsgefühle. „Die Entscheidung, die ich traf“, sagte Blair, „und die ich, offen gestanden, wieder treffen würde“, habe das Ziel gehabt, den irakischen Diktator Saddam Hussein davon abzuhalten, Massenvernichtungswaffen zu entwickeln.

Blair setzte den fünf Mitgliedern der Untersuchungskommission auseinander, der Al-Qaida Angriff auf New York und Washington am 11. September 2001 habe alles geändert. Die terroristische Aggression, die sich an diesem Tag manifestiert habe, sei von einer neuen Qualität gewesen. „Das war, ganz anders als etwa in Nordirland, ja kein Terror zu einem politischen Zweck.“

Die dschihadistischen Selbstmordattentäter des Jahres 2001 hätten statt der mehr als 3000 Opfer, die ihre Flugzeugbomben in Amerika forderten, „auch 30.000 getötet, wenn sie dazu in der Lage gewesen wären“. In dieser veränderten Lage habe auch der Bau und Besitz von Massenvernichtungswaffen eine vollkommen andere Bedeutung bekommen, sagte Blair, und beendete seine Argumentation mit dem Satz: „Und meine Ansicht war - in dieser Frage kann man kein Risiko mehr eingehen.“ Dann zählte er auf: „Iran, Nordkorea, Irak“, setzte beide Fäuste vor sich auf dem Zeugentisch ab und sagte, „das alles musste jetzt aufhören“.

Der Zeuge Blair ließ sich auch nicht lange darauf ein, die Mutmaßungen zu debattieren, ob seiner Regierung womöglich die Courage fehlte, dem amerikanischen Drängen zum Einmarsch zu widerstehen, ob seine Begegnung mit dem amerikanischen Präsidenten Bush auf dessen texanischer Ranch im Frühjahr 2002 den Beginn einer „Blutsbrüderschaft“ markierte oder ob er heimlich an Bush schriftliche Gefolgschaftssignale sandte und damit britische Bemühungen unterminierte, die Amerikaner auf diplomatische Anstrengungen zur Lösung des Konflikts zu verpflichten.

„Es ging allein um Saddams Massenvernichtungswaffen“

Blair sandte die Botschaft aus, es seien doch alle Versuche irrelevant, ihm heute eine öffentliche Lüge (über die Existenz von Saddams Waffenprogramm), eine Täuschung des Parlaments oder Betrug vorwerfen zu wollen. Er habe damals ein Urteil fällen und eine Entscheidung treffen müssen. Es sei allein um Saddams Massenvernichtungswaffen gegangen, sagte Blair, und um den Kooperationswillen des irakischen Diktators. Dass nach der Besetzung des Irak die Suche nach den dort vermuteten biologischen und chemischen Granaten erfolglos blieb, erschütterte das Vertrauen des Zeugen Blair in seine damalige Entscheidung nicht besonders. Denn der Diktator Saddam hatte mit der Weltgemeinschaft Katz und Maus gespielt, war den Aufrufen und UN-Ermahnungen zur Kooperation nicht nachgekommen und - Blair begann schließlich von seinem Zeugensitz aus mit Gegenfragen - „wie wäre es heute?“, wenn das irakische Regime noch Bestand hätte? Sein Szenario lautete: Womöglich wäre mittlerweile einer der Söhne Saddams an der Macht, vielleicht ein noch grausamerer Herrscher, die westliche Gemeinschaft hingegen inzwischen aufgerieben im abgenutzten Sanktionskrieg und das Waffenarsenal des Irak schließlich doch mit ABC-Waffen gefüllt.

Zu dem Eindruck im engen Raum des Untersuchungsgremiums, hier entpuppe sich, in buchstäblicher Metamorphose, ein politischer Entscheidungsträger als freiheitlich-humanistischer Missionar, trugen auch Blairs Äußerungen über das amerikanisch-britische Verhältnis bei. Das sei ja kein Vertrag, wo man sich gegenseitig Bedingungen stelle oder von einschränkenden Klauseln Gebrauch mache, sondern ein Bündnis. Es sei „ein Bündnis, an das ich leidenschaftlich glaube“, beteuerte der einstige Premierminister mit leidenschaftlichem Gesichtsausdruck und ebensolchem Timbre. Er erinnerte daran, wie viele Schwierigkeiten es dem einstigen amerikanischen Präsidenten Bill Clinton bereitet habe, Truppen für den Nato-Einsatz im Kosovo zu schicken, und erweckte damit den Eindruck, in seiner Vorstellung sei es eben im Falle des Irak an den Briten gewesen, den Amerikanern beizustehen.

Protest von Opferangehörigen

Während Blairs Aussage protestierte am Freitag eine überschaubare Gruppe lautstarker Friedensdemonstranten vor dem Kongresszentrum. Die ernsten stummen Mienen auf den Zuschauerbänken im Saal gehörten den Familienangehörigen der im Irak gefallenen Soldaten. Richard Green, der seinen Sohn durch den britischen Einmarsch verlor, fasste seine Bitterkeit in die Hoffnung, dass die Befragung Blair als unehrenhaft entlarven werde. Er hoffe, sagte der ältere Herr im Tweedjackett, dass der einstige Premierminister deswegen „niemals einen Adelstitel verliehen bekommt und dass er bis ans Lebensende Polizeischutz braucht“. Zwei Soldatenmütter, die eine Wohlfahrtsinitiative (Alltagspäckchen für Infanteristen im Felde) gegründet haben, um damit an ihre toten Söhne zu erinnern, trugen neben den gelben Zuschauerausweisen, auf denen „Familienmitglied“ stand, rote Rosen am Revers - auch ein Versuch, die Gefallenen lebendig zu halten. In der Befragungspause strebten sie nach draußen, Zigarettenpäckchen und Feuerzeug in der Hand. Ein Rosenblatt blieb hinter ihnen in der Eingangshalle liegen; Sekunden später trat ein Sicherheitsbeamter in schusssicherer Weste hinzu und beugte sich misstrauisch über den roten Punkt auf dem Teppichboden.

Oben, im Befragungsraum, kam der Zeuge Blair alsbald auf Iran und das Bedrohungspotential durch dessen Atomprogramm zu sprechen. Das sei doch genau die gleiche Lage wie damals, sagte er mit einem Anflug von Triumph in der Stimme. Und genau dieselben Entscheidungen müssten heute wieder getroffen werden.

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