Home
http://www.faz.net/-gq5-10by5
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Donnerstag, 16. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Die Krim und die Kaukasus-Krise Tage der Drohungen in Sewastopol

03.09.2008 ·  Der Heimathafen der russischen Schwarzmeerflotte liegt in der Ukraine - doch die Forderung nach einem Anschluss an Russland wird seit dem Konflikt im Kaukasus immer lauter. Denn auf der Krim gibt es einige Faktoren, die der Konstellation in Abchasien und Südossetien ähnlich sehen.

Von Konrad Schuller, Sewastopol
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (15)

Die vergangenen Tage waren entspannt in Sewastopol auf der Krim, dem zur Ukraine gehörenden Heimathafen der russischen Schwarzmeerflotte. Die Ferien gehen zu Ende, die letzten Urlauberinnen posieren Arm in Arm mit den russischen Matrosen vor der schneeweißen Stadtkulisse, und wer schon wieder ins Büro muss, ist der örtlichen Kleiderordnung gemäß leger in Hemdsärmeln und offenem Kragen unterwegs. Nachts lässt das Wummern der letzten offenen Tanzclubs die Molen beben.

Die Krim sieht nicht aus wie ein Krisengebiet. Doch es war diese Halbinsel im Schwarzen Meer, die der ukrainische Präsident Juschtschenko im Sinn hatte, als er kürzlich Martin Niemöllers berühmten Spruch über die Folgen fehlender Solidarität der Bedrohten zitierte, um zu verdeutlichen, dass ein zweites „Südossetien“ in seinem Land denkbar sei. Aus ukrainischer Sicht - so die Botschaft Juschtschenkos - würde der Satz des deutschen Theologen und Gegners der Nationalsozialisten heute in etwa so lauten: „Als die Russen in Georgien einmarschierten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Georgier . . . Als sie bei mir einrückten, war keiner mehr da, der protestieren konnte.“

Objekt Moskauer Begierden

Auf der Krim gibt es einige Faktoren, die der Konstellation in Abchasien und Südossetien ähnlich sehen. Dort lebt eine russophone Mehrheit, die den prowestlichen Kurs der Kiewer Zentralregierung und vor allem den von ihr gewünschten Beitritt zur Nato ablehnt. Die Krim ist mit der Ukraine historisch nur lose verbunden - seit der Verdrängung der Türken von der Nordküste des Schwarzen Meeres vor mehr als 200 Jahren war sie immer russisch, und erst ein sowjetischer Verwaltungsakt von 1954 machte sie zum Teil der Ukraine. Die russische Mehrheit fühlt sich durch die Kiewer Sprachenpolitik benachteiligt, und der Kriegshafen Sewastopol, aus dem die russische Flotte vertragsgemäß eigentlich im Jahr 2017 abziehen muss, macht die Krim zum Gegenstand Moskauer Begehrlichkeiten. Viele in der Ukraine fürchten deshalb, dass das nächste Sezessionsdrama in Russlands Nachbarschaft auf der Krim spielen könnte.

Bis vor kurzem war diese Gefahr rein hypothetisch. Eine Untersuchung des Kiewer Rasumkow-Zentrums vom vergangenen Jahr hat zwar gezeigt, dass tatsächlich 62 Prozent der Einwohner der Krim ihre Identität als „russisch“ oder „sowjetisch“ angeben (wobei die Anteile etwa gleich groß sind), sie zeigte aber auch, dass das „russische“ und vor allem das „sowjetische“ Element wie in der ganzen Ukraine vor allem eine Sache der alten Generation ist. Die Jungen neigten dazu, sich als „binational“ anzusehen. Selbst auf der Krim bezeichneten sich zuletzt 67 Prozent der Befragten als „ukrainische Patrioten“. Nur 24 Prozent waren für eine Rückkehr zu Russland.

Die Unterstützung aus Russland lässt sich kaum verbergen

Der Krieg in Südossetien hat aber einiges verändert. Alltagsgespräche in Sewastopol lassen noch immer nicht auf eine explosive Stimmung schließen, aber die russischsprachigen Eliten schlagen nun mehr drohende Töne an. Oft folgt die Argumentation dabei Moskauer Mustern. Die Prophezeiung des russischen Nato-Botschafters Rogosin, die Krim werde „sich erheben“, wenn die Ukraine der Nato beitrete, oder die Argumentation des Moskauer Bürgermeisters Luschkow, Sewastopol sei in der Gebietsübertragung von 1954 rechtlich nicht enthalten und damit de jure noch Teil Russlands, werden immer wieder variiert. Gegner dieser Tendenz, wie Dimitrij Basew, der stellvertretende Bürgermeister von Sewastopol, sind deshalb überzeugt, dass die anschwellenden Gesänge von der bevorstehenden Volkserhebung gegen Kiew und die Nato gezielt von Russland organisiert und finanziert seien. Diese „kleine Gruppe von Leuten mit extremistischen Ansichten“ sei „direkt verbunden mit der russischen Flotte“.

In der Tat führen einige Spuren nach Russland. Der nationalistische Moskauer Bürgermeister Luschkow unterhält enge Beziehungen nach Sewastopol, und lokale Verbände wie die „Russländische Gemeinde“ versuchen gar nicht erst, die direkte Unterstützung aus Russland zu verbergen. Die Vorsitzende der Gemeinde, Raissa Teleatnikowa etwa, die in ihrem Büro unter waffenstarrenden Schlachtengemälden die Rückkehr der Krim nach Russland fordert und auf die Frage, wie das geschehen solle, nur antwortet: „Gott wird es richten; sehen Sie nach Südossetien“, gibt zu, dass ihre Organisation von der Moskauer Kreml-Partei „Einiges Russland“ direkt unterstützt wird.

Ein Beitritt zur Nato könnte blutig enden

Eine der brisantesten Thesen ist die vom „legalen und politischen Genozid“ am Volk der Krim, die etwa Leonid Gratsch vorträgt, heute wie zu Sowjetzeiten Führer der örtlichen Kommunistischen Partei. Die Krim hat zwar innerhalb der Ukraine Autonomiestatus, aber nach Darstellung Gratschs verweigert Kiew ihr die damit verbundenen Rechte - beim Schutz der russischen Sprache ebenso wie bei der Finanzautonomie. Vor allem aber verstoße der von Kiew gewünschte Beitritt zur Nato gegen die Verfassung der Krim, welche in der Außenpolitik ein Mitspracherecht der Autonomieorgane vorsehe. Sollte die Ukraine dem Beitrittsprogramm der Nato (MAP) beitreten, werde das deshalb unweigerlich eine „Explosion“, einen „Kataklismus“, eine „blutige Konfrontation“ nach sich ziehen. Das Beispiel Kosovo habe schließlich gezeigt, dass eine Region, die von „Genozid“ bedroht sei, das Recht zum Widerstand habe, sagt Gratsch.

An diesem Punkt kommt bei Männern wie ihm die russische Flotte ins Spiel: Wo die Gefahr des „Genozids“ drohe, sei seit dem Kosovo auch die Intervention aus dem Ausland erlaubt. Dass dann die russische Flotte in Sewastopol eine entscheidende Rolle spielen würde, ist für Gratsch, aber auch für den ehemaligen Kommandeur der Flotte Admiral Wladimir Komojedow selbstverständlich. Die Schwarzmeerflotte sei ein natürlicher „Verbündeter“ der russischsprachigen Krim, sagt Gratsch. „Sie sichert den Frieden in dieser multinationalen Region.“

Der Krieg in Georgien setzt gefährliche Signale

Bisher sind solche Szenarien auf der Krim allenfalls von Minderheiten offen propagiert worden. Gratsch hat zwar erst im Januar die russische „Freundschaftsmedaille“ mit einem von Wladimir Putin persönlich unterschriebenen Begleitdokument erhalten, aber im Lande selbst hatte er bisher nicht viele Verbündete. Seit dem Krieg in Georgien aber ist das Vokabular des Aufstands und der Sezession auch in den Sprachgebrauch der stärksten politischen Kraft auf der Krim eingegangen, des „Blocks Janukowitsch“. In dieser Partei, einer regionalen Schwesterorganisation der „Partei der Regionen“, die außerhalb der Krim den gesamten russisch geprägten Osten und Süden der Ukraine beherrscht, haben sich offenbar einige dazu entschlossen, die „georgische Karte“ zu spielen. Die gesamtukrainische Mutterpartei hat unlängst Russlands Intervention in Georgien nach anfänglichem Zögern gutgeheißen - und auf der Krim können manche der Versuchung nicht widerstehen, beim Kampf gegen die verhasste Nato mit Spaltungsmodellen zu spielen.

Beim mächtigen Sewastopoler Parteichef und Stadtratspräsidenten etwa, dem ehemaligen sowjetischen Kreis-Parteisekretär Walerij Saratow, wird der Gedanke der Sezession dabei in das Gewand der wohlmeinenden Warnung gekleidet. In seiner Stadt, sagt er, gebe es zwar „jetzt“ keinerlei Spannungen, aber wenn die Nato ein Beitrittsprogramm für die Ukraine beschließe, werde es „sehr schwierig, hier den Separatismus zurückzudrängen“. Er selbst habe davor zwar „große Angst“, aber wenn der MAP beschlossen werde, sei das „der Beginn eines Bürgerkrieges“.

Draußen im Hafenbecken, an der Ehrensäule der russischen Flotte, hechten noch ein paar junge Männer vor den prüfenden Blicken der Mädchen in die Wellen. Die Saison geht zu Ende, ein einsamer Großvater spielt an der Strandpromenade für ein paar Kopeken Seemannslieder, an seinem Akkordeon steckt ein Fähnchen mit dem Andreaskeuz der russischen Marine. Stille Tage in Sewastopol.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Ein Projekt des Volkes

Von Reinhard Müller

Der Protest war das gute Recht der Bürger, demokratische Entscheidungen aber gilt es zu akzeptieren. Das muss eine Lehre aus „Stuttgart 21“ sein - und zum „Bildungsaufbruch“ der grün-roten Koalition gehören. Mehr 1 7