28.01.2008 · In Frankreich wächst die Irritation darüber, dass die Staatsführung erst spät über den Skandal bei der Société Générale informiert wurde. Es scheint als hätten die Banker - allesamt Absolventen der Eliteuniversität Ena - die Sache unter sich ausmachen wollen.
Von Michaela Wiegel, Paris„Verrückt“: Präsident Sarkozys Mann fürs Schriftliche, sein Redenschreiber und Berater Henri Guaino, wählt dieses Wort. Verrückt geworden sei das internationale Finanzsystem. Guaino versucht noch eine andere Formulierung: „Der Finanzkapitalismus läuft auf dem Kopf.“ Nirgendwo auf der Welt könne ein Bankchef heute mit Präzision sagen, wie seine Bank dastehe.
Guainos Reich ist eigentlich der Salon d’angle des Elysée-Palastes mit Blick auf die Grünanlagen. Dort bringt er die Reden zu Papier, die Sarkozy im wenige Schritte entfernten Präsidentenbüro so sehr schätzt. Guainos öffentliche Entrüstung über den internationalen Finanzkapitalismus zeigt, wie sehr der Schock über den Spekulationsskandal bei der Société Générale auch die politische Elite in Frankreich erschüttert.
„Exzesse auf den internationalen Finanzmärkten“
Natürlich werde Präsident Sarkozy sich des Themas annehmen, verspricht Guaino. Schon am Dienstag wolle er mit Bundeskanzlerin Merkel und dem britischen Premierminister Brown, mit einem Repräsentanten Italiens und dem EU-Kommissionspräsidenten Barroso in London darüber beraten, wie die „Exzesse auf den internationalen Finanzmärkten“ korrigiert werden können.
Guaino versäumt nicht, auf den französischen Wirtschaftspatriotismus hinzuweisen, im Gespräch mit „Le Figaro“, dem Nachrichtensender LCI und dem Radiosender RTL: „Wir werden nicht mit verschränkten Armen sitzen bleiben“, sagt er, sollte ein Ausländer von der Krise profitieren wollen und in der Société Générale eine einfache Beute für ein Übernahmeangebot sehen.
Seilschaften zwischen Bankern und Beamten
Aber Guaino, der dreimal an der Aufnahmeprüfung für die Eliteverwaltungshochschule Ena scheiterte, schreckt auch die rein französischen Seilschaften auf, jene Zirkel von Ena-Absolventen, deren Mitglieder im französischen Bankenwesen, bei der Banque de France und bei der Börsenaufsicht AMF das Sagen haben.
Den Fall Crédit Lyonnais wirft Guaino wie ein Codewort in die öffentliche Debatte. In der altehrwürdigen Staatsbank hatte er von 1982 bis 1986 als Ökonom gearbeitet, und er hat damals Einblicke in das Beziehungsgeflecht zwischen Spitzenbeamten und Spitzenbankern gewonnen, die ihn bis heute prägen.
Der Fall Crédit Lyonnais
Guaino sagt, Jean-Yves Haberer habe damals auch perfekt alle buchhalterischen Regeln eingehalten. Mit Buchhaltung sei jedoch auch heute den Risiken der Banken nicht Herr zu werden. Haberer war der ehrgeizige Ena-Absolvent mit steiler Karriere im Finanzministerium, der den Crédit Lyonnais mit größenwahnsinnigen Spekulationsgeschäften vom Marktführer zum Sanierungsfall machte – die Bank konnte nur mit massiver Staatshilfe gerettet werden.
Guainos Äußerungen klangen wie eine Warnung an die führenden Banken Frankreichs, den Fall Société Générale nicht als bedauerlichen Einzelfall aufzufassen, der schon bald wieder vergessen sein könnte. Guaino will die Milliardenverluste aufgeklärt wissen und sich nicht damit abfinden, dass der Spekulationsskandal so enden könnte wie der Fall Crédit Lyonnais: ohne Verantwortliche auf höchster Ebene.
Der Club der Ena-Absolventen
Zugleich drückte der Mann des Präsidenten die zunehmende Irritation in der Staatsführung aus, die vom Krisenmanagement ferngehalten wurde. Daniel Bouton, der in Bankenkreisen als begnadeter Golfer bekannt ist, regelte die Krise wie unter Clubfreunden üblich: diskret im kleinen Kreis, nur unter ehemaligen Enarchen, wie sie genannt werden.
Christian Noyer, der die Banque de France leitet, hat die Eliteverwaltungsschule Ena absolviert, ebenso wie Jean-Claude Trichet, einer seiner Vorgänger, der jetzt an der Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB) steht. Mit Noyer und Michel Prada, dem Präsidenten der Börsenaufsicht AMF, auch ehemaliger Ena-Absolvent, stimmte Bouton die Notverkäufe und die Kommunikationsstrategie ab.
Geheimniskrämerei
Die Finanzministerin erfuhr nach eigenem Bekunden von den gigantischen Verlusten erst drei Tage später, als Bouton schon bereit war, vor die Presse zu treten. Christine Lagarde informierte umgehend den Staatspräsidenten. Premierminister Fillon, kein Ena-Absolvent, ärgerte sich öffentlich über die Geheimniskrämerei.
Bouton bekräftigte am Montag, dass sein Entlassungsgesuch „auf dem Tisch“ liegt. Der Bankdirektor gehört dem Jahrgang „François Rabelais“ der Ena an, aus dem Politiker wie der frühere sozialistische Premierminister Laurent Fabius, der frühere rechtsbürgerliche Verteidigungsminister François Leotard, Unternehmensführer wie der verstorbene Philippe Jaffré (Elf Aquitaine), Topdiplomaten wie Chiracs „Sherpa“ Jean-Marc de la Sablière und die Schauspielerin Elisabeth Huppert hervorgegangen sind.
„Clique der Finanzinspektoren“
In der Société Générale zählt es zur Tradition, einen Enarchen an die Spitze zu berufen. So war es keine Überraschung, dass nach dem Finanzinspektor Marc Viénot 1997 der Finanzinspektor Daniel Bouton die Geschicke der Großbank übernahm. Bouton schaffte es wie sein Vorgänger, die Unabhängigkeit der Bank zu verteidigen.
Die Milliardenverluste haben Bouton, noch vor kurzem als vorzüglicher Bankmanager gefeiert, im Wettstreit mit der Großbank BNP Paribas weit zurückgeworfen. Auch sie wird von Enarchen gesteuert, dem Verwaltungsrat steht Michel Pébereau vor, als Präsident-Generaldirektor wirkt Baudoin Prot. Über die „Clique der Finanzinspektoren“ hatte Nicolas Sarkozy als Finanzminister gern gewitzelt. Sarkozy bestellte die Bankchefs im Oktober 2004 gar in das Finanzministerium ein, um sie zu niedrigeren Bankgebühren zu zwingen. Die Verhandlungen behielten beide Seiten nicht in guter Erinnerung.
Frankreich
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Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
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