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Flüchtlinge in Spanien : Die Furcht vor einem neuen Lampedusa

Sicherer Boden: Migranten aus Marokko landen am Freitag an einem Strand nahe Tarifa. Bild: Reuters

An Spaniens Küsten kommen jetzt mehr Flüchtlinge an als in Italien. Während die Aufnahmeplätze knapp werden, verschlechtert sich die Stimmung.

          Es sind nur 14 Kilometer. Kürzer als an der Straße von Gibraltar ist der Seeweg von Afrika nach Europa nirgendwo. Bisher war Algeciras nur einer der wichtigsten Containerhäfen Spaniens. Das könnte sich nach Ansicht von José Ignacio Landaluce ändern. Der Bürgermeister der Hafenstadt warnt in Interviews davor, dass Algeciras zum „neuen Lampedusa“ Europas werden könnte. Zumindest in einem Punkt hat er schon heute recht: An den spanischen Küsten kommen seit Juni mehr Migranten und Flüchtlinge an als in Italien. 38 Prozent aller Neuankömmlinge in Europa sind es mittlerweile. Insgesamt waren es in diesem Jahr schon fast 22.000, in Italien knapp 4000 weniger.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Und fast jedes Wochenende werden es mehr. Zuletzt zählte man in der Hafenstadt im Schatten des Affenfelsens von Gibraltar mehr als 1400 Ankömmlinge. Es waren so viele, dass einige auf den Booten der Seenotrettung übernachten mussten, weil selbst in den Notunterkünften kein Platz mehr war. Das spanische Innenministerium bereitet sich laut einem internen Bericht auf die Ankunft weiterer 10.000 Migranten in den nächsten drei Monaten vor. Das meldete am Montag die Zeitung „El Mundo“. Dann könnte das bisherige Rekordjahr übertroffen werden. Den bisher größten Zustrom afrikanischer Migranten erlebte Spanien vor gut einem Jahrzehnt. Im Jahr 2006 kamen gut 32.000 Menschen an. Die meisten von ihnen setzten damals mit hölzernen Fischerbooten von Mauretanien und Senegal auf die Kanarischen Inseln über.

          Die Videoaufnahmen von Afrikanern, die aus Schlauchbooten kommend spanische Badestrände stürmen, erwecken jedoch einen nicht ganz zutreffenden Eindruck. Während in Spanien die Zahlen gewachsen sind, nehmen sie im zentralen und östlichen Mittelmeer ab. Immer mehr Migranten scheint das Bürgerkriegsland Libyen zu gefährlich zu werden, vor dessen Küste die einheimische Polizei härter kontrolliert. Sie weichen in Richtung Westen aus. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) kamen seit Jahresbeginn insgesamt mehr als 55.000 Menschen über das Mittelmeer nach Europa – im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es doppelt so viele.

          Eine „humanitäre Ausnahme“ von Madrid?

          Spanische Oppositionspolitiker warnen davor, dass das erst der Anfang ist. Nach Ansicht des neuen Vorsitzenden der konservativen Volkspartei (PP) Pablo Casado könnten noch „Millionen“ von Afrikanern kommen. Spanien müsse seine Grenzen „verteidigen“. Auch die liberale Ciudadanos-Partei wirft der neuen sozialistischen Minderheitsregierung vor, sie habe mit ihrer spanischen Spielart einer Willkommenskultur immer mehr Migranten dazu veranlasst, die westliche Route zu wählen.

          Die neue Regierung ließ seit Mitte Juni mehrere hundert Afrikaner von drei Rettungsschiffen an Land, die Italien zuvor abgewiesen hatte – als eine „humanitäre Ausnahme“ und Ausdruck europäischer Solidarität, wie man in Madrid versicherte. Die Opposition wittert eine Chance, den sozialistischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez durch eine Migrationsdebatte zu schwächen. Am Freitag musste er in einer ersten Abstimmung über die Obergrenze des Haushalts eine ernüchternde Niederlage hinnehmen. Doch Sánchez ist erst seit knapp zwei Monaten im Amt. Die Migrantenströme hätten sich schon unter der konservativen Vorgängerregierung verlagert, die wenig vorausschauend gehandelt habe, hieß es aus dem Regierungssitz: Alleine von 2016 bis 2017 habe die Zunahme rund 270 Prozent (von 8000 auf mehr als 21.000) betragen.

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