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Deutscher Einsatz in Afghanistan : Gefragte Ausbilder

Thomas de Maizière im Gespräch mit deutschen Soldaten in Afghanistan Bild: dapd

„Monitoring“, das Begleiten afghanischer Offiziere, ist zum Schwerpunkt des deutschen Einsatzes geworden. Viele „Mentoren“ arbeiten in der afghanischen Pionierschule, die von Berlin finanziert wird.

          Der Zünder der Sprengfalle liegt unter den Wurzeln eines Kiefernbäumchens, am Straßenrand, kaum einen Meter von den Schuhspitzen des deutschen Verteidigungsministers entfernt. Thomas de Maizière sieht geduldig zu, wie der junge afghanische Feuerwerker mit einem Pinsel langsam den Staub von der Zündschnur wischt und die rote Plastikdose mit dem Zündmechanismus freilegt. Hier ist nur eine Attrappe vergraben, auf dem Gelände der Pionierschule der afghanischen Armee, in der Offiziere der Bundeswehr ihren einheimischen Kameraden zur Seite stehen, um ihnen bei der Ausbildung, der Organisation und der Leitung dieser Einheit zu helfen.

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Dieses „Monitoring“, das Begleiten afghanischer Offiziere im Alltag, ist inzwischen zum Schwerpunkt des deutschen Einsatzes im Norden Afghanistans geworden. „Partnerschaftliche Beratung“ heißt das Konzept, bei dem die Offiziere der Bundeswehr ganze Tage, Wochen oder Monate lang ihre afghanischen Gegenüber begleiten, beraten und „im Zweifel machen lassen“, wie es ein deutscher Ausbilder nennt. Das verlangt zuerst den Deutschen eine Umstellung ab: Man müsse sich von den eigenen Arbeitsprinzipien lösen und die „afghanische Kultur“ akzeptieren, sagt der deutsche Oberst, der das „Partnerschaftlichen Beratungsteam“ im deutschen Verantwortungsgebiet führt, mit höflicher Umschreibung - „und ganz wichtig ist viel, viel Geduld“.

          Außerdem gelte: „Die Afghanen sagen niemals nein, das macht die Sache nicht leichter.“ Ein anderer Oberst, der über Monate hinweg einem afghanischen Bataillonskommandeur als Berater zugeteilt war, erzählt, es fehle den Afghanen nicht an Einsatzfreude: Kämpfen können die. Aber die Vorbereitung, die Planung von Einsätzen, das Vorausdenken übernächster Schritte, das sei weniger ausgeprägt. “Man muss sich von deutschen Gewohnheiten einfach trennen“, sagt der Oberst.

          Zähe und kleine Fortschritte

          Und ein dritter beratender Oberst, der einen afghanischen Brigadekommandeur begleitet, berichtet von der ungewohnten Arbeitsweise „seines“ Generals: Der afghanische Kommandeur sei der einzige Entscheidungsträger der gesamten 3.000 Mann starken Brigade, sein Büro ein Taubenschlag, ein großer Raum mit Sofas an den Wänden, ständig Betrieb, einige Offiziere zu einer Beratung anwesend, trotzdem pausenloses Kommen und Gehen, das Telefon klingele, und dann kämen noch Untergebene vorbei, die einen Urlaubsantrag unterschrieben haben wollten.

          Sachte, durch das Berichten von Beispielen, durch persönlichen Austausch suchen die deutschen Mentoren das Entscheidungsverhalten ihrer afghanischen Kollegen zu beeinflussen. Und alle sind im Grundton positiv gestimmt: Doch, es gebe Fortschritte, wenn auch mitunter bloß zähe und kleine, und ja, die Sicherheitslage habe sich merklich verbessert, wie sich an den sinkenden Zahlen von Zwischenfällen und bewaffneten Auseinandersetzungen zeige. In den nördlichen Provinzen, die dem deutschen Regionalkommando in Mazar-i-Sharif zugeordnet sind, gelten inzwischen die Sprengfallen als das größte Risiko.

          Sie werden von den Aufständischen in Straßen und Wegen vergraben und mittels Fern-, Draht- oder Druckzündern zur Explosion gebracht. Wöchentlich registriert das deutsche Kommando eine beträchtliche Zahl von Meldungen über solche Sprengminen, von denen allerdings nur rund ein Fünftel explodieren, Schäden anrichten und Opfer fordern. Die meisten Sprengfallen werden rechtzeitig entdeckt und entschärft. Auf der Ausbildung afghanischer Pioniere, zu deren Aufgaben auch das Aufspüren und Unschädlichmachen solcher Bomben gehört, liegt daher ein besonderes Augenmerk des deutschen Kontingents.

          Die Bundesrepublik hatte vor drei Jahren schon angeboten, die Pionierschule für die gesamte afghanische Armee in Mazar-i-Sharif einzurichten. Inzwischen ist das Gelände der Schule zu klein, am Rand des regionalen Hauptquartiers der afghanischen Armee entsteht ein Neubau mit Werkstätten und Unterkünften. Deutschland finanziert das Vorhaben mit 24 Millionen Euro. Auch an der Schule sind viele deutsche Offiziere und Unteroffiziere als „Mentoren“ tätig: Sie begleiten die afghanischen Ausbilder im Alltag, verbessern ihre Ausbildungs- und Führungsmethoden.

          Die deutschen Berater gesellen sich gleich nach dem Morgengebet der afghanischen Soldaten zu ihren Partner-Offizieren; sie begleiten sie bis zum Dienstende vor der abendlichen Gebetszeit. Die afghanische Armee soll nach der vollständigen Aufstellung bald in jeder ihrer 24 Brigaden über einen Zug von Pionieren verfügen, die in Kampfmittelbeseitigung ausgebildet sind. Insgesamt errechnete sich daraus eine Truppe von 1.200 Feuerwerkern, die an der Pionierschule im Entschärfen der Sprengfallen unterwiesen werden müssen, hinzu kommen entsprechende Fachkräfte für die afghanische Polizei.

          Der afghanische Kommandeur der Pionierschule empfängt den deutschen Verteidigungsminister höflich auf Englisch. Er beginnt mit Dankesworten, kommt aber nach wenigen Sätzen schon zu seiner dringenden Bitte: dass die Bundeswehr über das Abzugsdatum 2014 hinaus mit ihren Mentoren präsent bleibe und den Stab der Schule und die afghanischen Ausbilder unbedingt weiterhin unterstützen solle. Der Afghane sagt zu de Maizière: „Wir brauchen sie wirklich dringend.“

          Quelle: F.A.Z.

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