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Deutscher Botschafter : Diplomatische Teezeremonie

Der deutsche Botschafter Martin Erdmann wurde bereits sechzehn Mal in Ankara einbestellt. Bild: dpa

Deutschlands Botschafter ist in Ankara abermals einbestellt worden. Grund dafür ist ein Festival in Berlin. Doch der Diplomat hat bereits Erfahrung mit dem türkischen Außenministerium.

          Auf den Fluren des türkischen Außenministeriums dürfte sich Martin Erdmann, der deutsche Botschafter in Ankara, mittlerweile recht gut auskennen. Am Samstag musste Berlins Repräsentant in der Türkei bereits zum 16. Mal in dem Gebäude erscheinen, um in amtlicher Funktion Protest der türkischen Regierung gegen Deutschland zur Kenntnis zu nehmen. Anlass war dieses Mal ein sogenanntes „Internationales Kurdisches Kulturfestival“ in Köln.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          Dass eine Kundgebung mit dem Titel „Freiheit für Öcalan – Status für Kurdistan“ in der Türkei nicht goutiert wird, ist nicht überraschend, denn Abdullah Öcalan, der seit 1999 inhaftierte Führer der kurdischen Terrorgruppe PKK, ist der türkische Staatsfeind Nr. 2. Er war sogar einmal die Nr. 1., bevor er die Führung an den in den Vereinigten Staaten lebenden islamischen Prediger Fethullah Gülen abgeben musste, den die Türkei ebenfalls gern inhaftiert sähe. Und einen „Status“ für Kurdistan will die Türkei auf gar keinen Fall zulassen, zumal „Status“ verdächtig nach „Staat“ klingt.

          Am Wochenende gibt es keinen Tee

          Also musste Erdmann an diesem Samstag wieder antreten. Die Abläufe kennt er inzwischen. Derjenige, der ihn einbestellt, ist in aller Regel Mehmet Kemal Bozay, Leiter der Europaabteilung im türkischen Außenministerium und stellvertretender Staatssekretär im Range eines Botschafters. Bozay wird natürlich nicht von sich aus tätig, sondern auf Weisung seines Chefs, des türkischen Außenministers Mevlüt Cavusoglu, der auch einen Chef hat, nämlich Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan.

          Im türkischen Außenministerium wird einbestellten Botschaftern immer ein Glas Tee angeboten, bevor die Kritik auf sie herabprasselt. Das Reichen von Tee gehört in der Türkei zum absoluten Mindestmaß an Courtoisie. Keinen Tee anzubieten wäre die letzte Eskalationsstufe vor einer Kriegserklärung. Zum Glück hat Erdmann bisher stets Tee bekommen, zumindest an Wochentagen. Bei Einbestellungen am Wochenende gibt es keinen Tee, aber das hat nichts mit dräuender Kriegsgefahr zu tun, sondern einen harmloseren Grund: Samstags und sonntags sind die Teeküchen des Außenministeriums nicht mit Teeköchinnen besetzt, und deshalb gibt es dann nur Wasser. Andererseits gibt es auch mindestens einen belegten Fall, in dem Erdmann Tee angeboten bekam, ihn aber ablehnte, was aus deutscher Sicht zwar nicht die Vorstufe zu einem bewaffneten Konflikt, für bundesrepublikanische Verhältnisse aber dennoch ziemlich radikal ist.

          Ärger über Gerichtsbesuch

          Die Erdmannsche Teezurückweisung, von der nicht klar ist, ob sie mit Berlin abgesprochen oder eine Eigeninitiative des erfahrenen Diplomaten war, ereignete sich im März 2016. Erdmann hatte zuvor dem Auftakt des Prozesses gegen Journalisten der oppositionellen Zeitung „Cumhuriyet“ beigewohnt und sich dabei an alle Anweisungen des Gerichts gehalten: Er hatte sein Mobiltelefon nicht mit in den Saal genommen und diesen auch sofort verlassen, als das Gericht die Verhandlung zu einer nichtöffentlichen Sitzung erklärte. Dass er in das Außenministerium zitiert wurde, obwohl er alle Formalien eingehalten hatte, ärgerte Erdmann so, dass er sich zur Teeverweigerung entschloss.

          In Routinefällen, also wochentags, beginnt nach dem Tee die Unterhaltung zwischen Einberufendem und Einberufenem. Zunächst legt die türkische Seite ihre Kritik dar, danach hat der Kritisierte Gelegenheit, darauf zu antworten, dann kann er gehen. Das Procedere währt in der Regel zwischen einer halben Stunde und 45 Minuten ohne Verlängerung. Erdmann ist meist noch nicht einmal wieder im Büro, dann laufen die Nachrichten von einer Einbestellung schon über die Ticker der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur „Anadolu“. Denn die Einbestellungen sind vor allem ein Instrument der türkischen Innenpolitik: Die Regierung will ihren Bürgern zeigen, dass sie dem Botschafter der frechen Deutschen wieder einmal die Ohren langgezogen hat.

          Erdmann respektive seine Regierung haben sich schon für alles Mögliche rechtfertigen müssen: für die Armenien-Resolution des Bundestages zum Beispiel, für die Satire eines deutschen Fernsehsenders über Erdogan oder für den abgesagten Auftritt des türkischen Justizministers in der deutschen Kleinstadt Gaggenau. Dabei ist es zwischen Bündnispartnern wie den Nato-Mitgliedern Deutschland und der Türkei eigentlich diplomatische Usance, Botschafter des anderen Landes nicht einzubestellen. Eine Ausnahme gilt nur dann, wenn der Botschafter oder einer seiner Mitarbeiter sich einer persönlichen Verfehlung schuldig gemacht hat, etwa bei Verkehrsdelikten oder Körperverletzungen.

          Quelle: F.A.Z.

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