12.02.2007 · Nach Berichten deutscher Medien handelt es sich bei den mutmaßlich im Irak entführten Deutschen um eine Mutter und ihren erwachsenen Sohn. Die Frau sei mit einem irakischen Arzt verheiratet, ihr Sohn arbeite im Außenministerium in Bagdad.
Etwa zehn Monate nach der Freilassung der Leipziger René Bräunlich und Thomas Nitzschke sind im Irak vermutlich abermals zwei deutsche Staatsbürger entführt worden. Auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) hatte am Montag in Brüssel vor einer Sitzung des EU-Außenministerrates, eine „gewaltsame Entführung“ nicht ausgeschlossen. Die beiden Deutschen würden seit Dienstag vergangener Woche vermisst.
Steinmeier sagte, ein Krisenstab des Auswärtigen Amtes sei bereits am vergangenen Dienstag zusammengetreten. Er könne zu diesem Zeitpunkt aber keine Einzelheiten mitteilen; zu Meldungen, die Entführer der beiden Deutschen hätten gedroht, ihre Geiseln zu erschießen, lehnte der Krisenstab jede Stellungnahme ab. „Wir hoffen, dass das Ganze einen guten Ausgang findet, und wir tun natürlich alles dafür, dass die beiden deutschen Staatsangehörigen gesund zu ihren Familien zurückkehren können“, sagte Steinmeier. (Video: Zwei Deutsche im Irak verschwunden)
Aus dem Haus verschleppt
Nach Medienberichten handelt es sich bei den entführten Deutschen um die Ehefrau eines Irakers und ihren erwachsenen Sohn. Die über 60 Jahre alte Frau sei mit einem irakischen Arzt verheiratet, will der Berliner „Tagesspiegel“ in Erfahrung gebracht haben. Der Sohn sei Mitte 20 und im irakischen Außenministerium tätig, berichtet das Blatt unter Berufung auf Sicherheitskreise weiter. Beide seien aus dem Haus der als vermögend geltenden Familie in Bagdad verschleppt worden. Der Vater, ein irakischer Arzt, sei zum Zeitpunkt des Überfalls nicht in der Wohnung gewesen.
Die ARD berichtet, die Familie lebe seit Jahrzehnten im Irak. Die Mutter habe familiäre Bindungen nach Berlin. Auch der „Tagesspiegel“ berichtet, die Geiselnehmer drohten mit der Erschießung des entführten Sohns.Die Entführer der beiden Deutschen hatten nach Angaben der „Berliner Zeitung“ in der vergangenen Woche Kontakt mit einem Familienmitglied in Berlin aufgenommen. Die Schwester des 20-Jährigen, der zusammen mit seiner Mutter gekidnappt worden sei, lebe in Berlin, berichtete das Blatt. Daraufhin habe auch das Auswärtige Amt von der Entführung erfahren.
Der Hintergrund der Entführung sei nach Angaben aus Sicherheitskreisen unklar. Forderungen hätten die Geiselnehmer noch nicht gestellt. Die ARD berichtete, bislang gebe es keinen Kontakt zu den Kidnappern. Es bleibe offen, ob es den Entführern nur um Lösegeld gehe, ob sie ein politisches Motiv hätten oder ob Extremisten Geld erpressen wollten, um ihren Kampf zu finanzieren.
Wird die Bundesregierung erpresst?
Die „Berliner Morgenpost“ berichtet jedoch unter Berufung auf Sicherheitskreise vorab aus ihrer Dienstagausgabe, die Entführer versuchten anscheinend, die Bundesregierung zu erpressen. Der Generalbundesanwalt habe beim Bundesgerichtshof ein Ermittlungsverfahren wegen versuchter Nötigung von Verfassungsorganen eingeleitet. Zudem ermittele die Bundesanwaltschaft gegen Unbekannt wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung und Geiselnahme.
Die Staatsschutz-Abteilung beim Bundeskriminalamt (BKA) sei vom Generalbundesanwalt beauftragt worden, die Ermittlungen zu führen. Die Bundesanwaltschaft wollte zu dem Bericht „derzeit keine Stellung abgeben“, sagte ein Sprecher der Behörde der Nachrichtenagentur AFP. Die Bundesregierung bat die Medien bei der Berichterstattung um Zurückhaltung, damit die Bemühungen um eine Freilassung nicht erschwert werden.
Es wäre die dritte Entführung Deutscher nach der Geiselnahme Susanne Osthoffs Ende 2005 sowie der beiden Ingenieure Bräunlich und Nitzschke Anfang 2006. Alle waren äußerlich unversehrt freigekommen. Laut Auswärtigem Amt leben derzeit noch etwa 100 Deutsche im Irak. Dabei handele es sich neben Botschafts-Angehörigen auch um Personen, die trotz bestehender Reisewarnungen eingereist seien. Hinzu kämen Deutsche mit familiären Bindungen.
Kriminelle „Entführungsindustrie“
Im Irak hat sich seit dem amerikanischen Einmarsch eine kriminelle „Entführungsindustrie“ etabliert. Nach amerikanischen Angaben werden an manchen Tagen landesweit bis zu 50 Iraker gekidnappt, um Lösegeld zu erpressen. Die geforderten und meist auch bezahlten Beträge liegen demnach für einheimische Geschäftsleute bei etwa 30.000 bis 50.000 Dollar. Für Ausländer würden erhebliche höhere Beträge gefordert.
Unterdessen sind bei Anschlägen im Zentrum Bagdads am Montag etwa 70 Menschen getötet und 150 verletzt worden. Das teilte die irakische Polizei mit. Die Sicherheitsbehörden befürchteten, dass die Opferzahl noch steigt. (Siehe auch: Dutzende Tote bei Bombenanschlägen in Bagdad)
Voll sinnlos
Thorsten Wiegand (juangel10)
- 12.02.2007, 16:59 Uhr
Ist das Aufgabe des deutschen Staates?
TOBIAS RÜGER (t.ruger)
- 13.02.2007, 02:36 Uhr