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Deutsche Nahost-Vermittlung Vertrauen, Sachverstand und viel Geduld

30.01.2004 ·  Der bisher größte von Deutschland vermittelte Gefangenenaustausch im Nahost-Konflikt ist gelungen. Es war das Schlußkapitel einer über Jahre von Geheimdienstkoordinator Uhrlau eingefädelten Aktion.

Von Johannes Leithäuser, Berlin
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Der Gefangenenaustausch zwischen Israel und der Hizbullah basiert auf einer doppelten deutschen Hilfe. Für seine Einfädelung bedurfte es der Kontakte, die von Geheimdienst-Repräsentanten der Bundesrepublik schon jahrzehntelang im arabischen Raum gepflegt werden. Für seinen Abschluß war ein hohes Maß an technischem Sachverstand in der Personenidentifizierung notwendig, wie es außer dem Bundeskriminalamt nur wenige Sicherheitsagenturen auf der Welt anbieten können.

Hilfreich erwies sich drittens Routine. Die Aktion - nach der hohen Zahl freigelassener arabischer Extremisten eine der größten Austauschaktionen, die Israel unternommen hat und eines der wichtigsten Vorhaben deutscher Diplomatie in der Region - folgte in der Vorbereitung und im Ablauf teilweise Mustern, wie sie schon einmal vor acht Jahren in Gebrauch gewesen waren. Damals war unter der Patronage der damaligen Bundesregierung ein erster Austausch von getöteten israelischen Soldaten und Hizbullah-Mitgliedern zustande gekommen.

Agentenkürzel 008

In jener Zeit war, auf eine Anfang 1995 vom israelischen Ministerpräsidenten Rabin gegenüber Bundeskanzler Kohl geäußerte Anfrage hin, der für die Koordination der Geheimdienste zuständige Kanzleramtsminister Schmidbauer tätig geworden. Die Anfrage wurde unter den Regierungschefs Scharon und Schröder nochmals bekräftigt. Die Vermittlungsaufgabe ging dann von Schmidbauer in die Hände seines Nachfolgers als Geheimdienstkoordinator im Kanzleramt, Uhrlau, über.

Das Anfangskapital aller Bemühungen bestand aus Beziehungen und Kontakten Schmidbauers im Nahen Osten. Er hatte sie zu Beginn der neunziger Jahre erworben und gefestigt, als er die Freilassung zweier deutscher Geiseln - Strübig und Kempner - im Libanon erreichte. Mutmaßungen lauteten, der Hebel zu diesem Erfolg seien Schmidbauers Verbindungen zum iranischen Geheimdienst gewesen, welcher wiederum auf die Führung der Hizbullah eingewirkt habe.

Kohls Kanzleramtsminister erwarb mit seinen Aktionen einen Nimbus, der mit dem Agentenkürzel "008" etikettiert wurde und dazu beitrug, ein öffentliches Bild solcher Verhandlungsmissionen und Austauschakte zu bewahren, das lange zuvor in der Zeit des Kalten Krieges geformt worden war und sich aus Bestandteilen wie Sonnenbrillen, Stacheldraht, hochgeklappten Mantelkragen, Nebel, Nacht und Nieselpfützen zusammensetzte. Doch nur wenige dieser Fragmente spiegeln die heutige Wirklichkeit, auch wenn nach wie vor Limousinen mit abgedunkelten Scheiben zum Einsatz kommen oder genau fixierte Ablaufpläne einzuhalten sind, weil beide Seiten nur schrittweise, Zug um Zug, ihre Faustpfänder aus der Hand geben.

Schauplatz Beirut

Der erfahrenste aktive Beteiligte in der deutschen Vermittlungsriege ist der gegenwärtige Präsident des Bundesnachrichtendienstes, Hanning, der zuvor in den neunziger Jahren der für Sicherheitsdienste zuständige Abteilungsleiter im Bundeskanzleramt war. In jener Funktion betreute er auch unter Schmidbauer die operative Abwicklung der ersten großen Austauschaktion im Jahre 1996 (zu einem weiteren Austausch kam es 1999). Damals war Beirut Schauplatz der entscheidenden Vorgänge; dort hatten die Repräsentanten der deutschen Sicherheitsdienste Gelegenheit, mit Hilfe mitgebrachter kriminalistischer Fachleute die Identität der toten Israelis zu klären, um den Austausch in Gang setzen zu können. Wie bei der jetzt vorbereiteten Aktion auch wurde damals bis zum letzten Moment verhandelt; in Berichten über die Aktion des Sommers 1996 wird das Zitat Hannings überliefert: "Wir haben richtig gefeilscht."

Der damalige Abteilungsleiter des Kanzleramts blieb während der gesamten Austauschaktion, die sich teilweise auf dem Luftweg zwischen Beirut und Tel Aviv, teilweise über die Landgrenzen Israels hinweg vollzog, in Beirut - als Sicherheitspfand in Obhut der Hizbullah. Und auch jetzt beobachtete der BND-Präsident Hanning wieder die Austauschaktion aus nächster Nähe, flog am frühen Donnerstagmorgen wieder nach Beirut. Wieder war zuvor die Frage der Identität der drei Leichname zu klären, die Israel zusammen mit der lebenden Geisel Tannenbaum von der Hizbullah herausverlangte.

Der technische Fortschritt - die Identifikation mittels DNA-Proben - vereinfacht diese Vorgänge; israelische Mediziner wandten die neuen Techniken gemeinsam mit deutschen Fachleuten am Donnerstag bei den aus Beirut nach Köln/Wahn transportierten Leichnamen an, israelische Rabbiner vollzogen die notwendige religiöse Bestätigung. Im Kreis der deutschen Vermittler wird gesagt, es seien Geduld und ein profundes Verständnis der kulturellen Bestimmtheiten beider Seiten notwendig, um zu Erfolgen zu kommen. Das gelte beispielsweise auch, um die Bedeutung zu erfassen, die für den Staat Israel die Heimholung der getöteten Soldaten habe: Der Verpflichtung zur Bestattung der Toten nach religiösem Gesetz, in der die Voraussetzung zu einer späteren Wiederauferstehung liegt, folgt das politisch begründete Versprechen, die eigenen Soldaten niemals, auch nach dem Tode nicht, in der Fremde im Stich zu lassen.

Das Schicksal Ron Arads

Während der Präsident des Bundesnachrichtendienstes am Donnerstag in Beirut auf den Vollzug des Austausches wartete, hielt sich der Geheimdienstkoordinator Uhrlau in Tel Aviv auf, um dort den Ablauf der vereinbarten Schritte zu beobachten. Im Schnittpunkt der Linien, die in beiden Orten ihren Ausgang nahmen, am Flughafen Köln/Wahn, wurden die Verabredungen vollzogen: Israel sandte per Flugzeug jene arabischen Gefangenen, die nicht direkt in ihre palästinensischen Heimatorte zurückgebracht wurden, aus dem Libanon kamen die israelischen Toten und die Geisel Tannenbaum.

Der Aufenthalt in den Ausgangsorten des Austausches gab den beiden deutschen Vermittlern am Donnerstag überdies Gelegenheit, über weitere Schritte in ihrer Mission zu verhandeln. Die beziehen sich auf den spektakulärsten und zugleich diffizilsten Fall: auf den 1986 über dem Libanon abgestürzten und seither vermißten Militärpiloten Ron Arad. Mit der Suche nach Ron Arad begannen vor mehr als neun Jahren die deutschen Bemühungen um Verabredungen zwischen Israel und den arabischen Extremisten, mit der Suche nach Arad könnten sie in unbestimmter Zukunft enden. Immerhin heißt es, es sei vereinbart worden, in festen Konsultationsrunden das Schicksal Arads aufzuklären, von dem es lange schon keine eindeutigen Lebenszeichen mehr gibt. Auch wird als Anlaß zur Hoffnung gewertet, daß der Hizbullah-Führer Nasrallah als Verhandlungspartner in diesen Aktionen nach Ansicht von Beobachtern zunehmend auch nach politischem Gewicht und Vertrauenskapital strebt. Schließlich bleibt in Spekulationen die Mutmaßung lebendig, auch die in deutschen Gefängnissen einsitzenden vier Terroristen könnten einst in einem Austauschhandel, der das Schicksal Arads klärte, eine Rolle spielen. Sie hatten im Auftrag des iranischen Geheimdienstes in Berlin einst einen tödlichen Anschlag auf iranische Oppositionelle in einem Restaurant namens Mykonos verübt und waren dafür 1997 in Deutschland verurteilt worden.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30. Januar 2004 / Seite 3
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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent in London.

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