26.09.2006 · Seit Monaten schon ist die Fregatte „Schleswig-Holstein“ am Horn von Afrika im Anti-Terror-Einsatz. Im Schatten der Nahost-Krise vermissen die Soldaten Anerkennung für ihre Arbeit. Stephan Löwenstein berichtet aus Djibouti.
Von Stephan Löwenstein, DjiboutiDie Männer und Frauen an Bord der „Schleswig-Holstein“ haben wirklich Pech gehabt dieses Jahr. Eigentlich hätten sie jetzt abgelöst werden sollen, doch das Schiff, das dafür vorgesehen war, ist nun statt dessen auf dem Weg in Richtung Libanon. Seit Ende Mai sind sie nun weg von zu Hause, und bis Weihnachten müssen sie aller Voraussicht nach mindestens durchhalten.
Nimmt man die zwei Monate Vorbereitungszeit zu Jahresbeginn dazu, in denen im englischen Hafen Plymouth die Kenntnisse und Fertigkeiten für den Einsatz eingedrillt wurden, dann werden sie mehr als neun Monate fern von der Heimat verbracht haben. Und zu Hause war währenddessen Jahrhundertsommer, und die Fußball-WM noch dazu. Die Freundin hat erzählt, es sei die größte Party überhaupt gewesen, in Deutschland, sagt einer. Und es ist heiß und feucht, und am Sonntag abend, da der Verteidigungsminister beim deutschen Kontingent am Horn von Afrika zu Besuch ist und es Gegrilltes und Freibier gibt, sei es noch kühl, verglichen mit sonst.
Wunsch nach mehr Anerkennung
Was den einfachen Soldaten, der da seinen Frust herausläßt, erbittert: daß er zu Hause nach seinem Empfinden keine Anerkennung erfahre für das was er hier tut. Helfe er nicht mit, die Versorgung in Deutschland zu sichern? Wäre es nicht so, daß jeder Terrorangriff auf einen Öltanker die Spritpreise in Europa zum Tanzen bringen würde?
Das zeigt freilich auch: Die Männer und Frauen, die hier ihren Dienst versehen, haben sich auseinandergesetzt mit ihrem Auftrag, und sie nehmen ihn an. Freilich sei keiner begeistert gewesen, als die Nachricht kam, man müsse noch etwas auf die Ablösung warten, sagt Fregattenkapitän Eike Wetters, der Kommandant der „Schleswig-Holstein“. Aber jeder wisse, daß das auf See passieren könne.
„Die Hauptschlagader des Welthandels“
Er ist tatsächlich nicht im Fokus der Öffentlichkeit, der Einsatz der Deutschen Marine hier unten. Von den neuen Einsätzen war viel die Rede, von Kongo und von Libanon, und von dem alten in Afghanistan, der immer gefährlicher und unabsehbarer zu werden scheint. Doch ebensolange schon ist die Bundeswehr hier, um die Seewege zu sichern. Sie sind für die Versorgung des Weltmarkts mit Rohstoffen, vor allem Öl, und Gütern von vitaler Bedeutung.
Das Seegebiet, das der internationalen „Task Force 150“ im Rahmen der Anti-Terror-Operation „Enduring Freedom“ zugewiesen ist, ist zehnmal so groß wie die Fläche Deutschlands. Es hat 6000 nautische Meilen Küstenlinie, sie geht von Mombasa aus die Ostküste Afrikas entlang bis ins Rote Meer, deckt das Arabische Meer südöstlich der Halbinsel ab und geht bis zur Einfahrt in den Persischen Golf.
Hier liegt „die Hauptschlagader des Welthandels“, wie Flotillenadmiral Heinrich Lange sagt, der Befehlshaber der Einsatzgruppe. Zwei wichtige Passagen im Mittleren Osten liegen in seinem Zuständigkeitsbereich. Durch die Straße von Hormus, die die Einfahrt in den Persischen Golf freigibt, fahren jeden Tag 75 Schiffe, durch das Bab El Mandeb am Eingang zum Roten Meer 55: Öltanker, Containerschiffe, kleine Dhaus. Im südlichen Persischen Golf schließt sich eine weitere Task Force an, geführt von einem italienischen Admiral.
Die Geschichte der USS Cole
Zur „Task Force 150“ gehören derzeit neun Schiffe, neben der deutschen Fregatte Schleswig-Holstein und dem Versorgungsschiff Spessart zwei französische, ein pakistanisches, ein britisches und drei amerikanische. Zu letzteren gehört der Zerstörer USS Cole, jeder auf der Schleswig-Holstein kennt seine Geschichte.
Im Oktober 2000 wurde die Cole vor der jemenitischen Küste von einem heranrasenden Schlauchboot voll Sprengstoff gerammt, 17 Seeleute wurden bei dem Angriff getötet. Früher stellten Torpedos und Raketen gegen Seeziele, die viele Meilen entfernt sind, die wichtigste Bewaffnung der Fregatte. Inzwischen sind die zwei 20-Millimeter-Kanonen links und rechts für die Eigensicherung bedeutsamer geworden.
Diskreter Geleitschutz für Irak-Nachschub
Aufgabe der Kräfte ist es, allgemein gesagt, die Seewege zu kontrollieren. Das bedeutet zunächst einmal, sämtliche Schiffsbewegungen zu bemerken und zu erfassen. Neben den Radaranlagen der Schiffe sind hier Aufklärungsflugzeuge von Bedeutung, die im kenianischen Mombasa stationiert sind; derzeit sind es französische.
Mehr als 11.000 Fahrzeuge, so allein die deutsche Bilanz, wurden seit Februar 2002 „abgefragt/kontrolliert“. Außerdem hat die Deutsche Marine hier 70 Geleitschutzaufträge wahrgenommen. Daß damit auch eine weitere Unterstützungsleistung für den amerikanischen Nachschub für den Irakkrieg geleistet wurde, ist unter der früheren Regierung Schröder/Fischer diskret behandelt worden.
Keine feindseligen Reaktionen
Dann gibt es noch die „Contacts of Interest“. Das sind beispielsweise Schiffe, deren Reeder notorisch Kontakt zu terroristischen Organisationen haben, oder die auffällige Ladung an Bord haben, sich auffällig bewegen. Hierfür sind zweifellos die nachrichtendienstlichen Informaionen entscheidend, die von einer entsprechenden Zelle der Alliierten in Manama im Golfemirat Bahrein kommen.
Ist ein Kontakt „verdächtig“, so wird auch an Bord gegangen, Papiere und Ladung untersucht und Personalien festgehaltn. Allerdings erlauben die deutschen Einsatzregeln solches „Boarding“ nur in Absprache mit dem Kapitän des betreffenden Schiffes. 50 Mal haben deutsche Soldaten das inzwischen gemacht – noch nie habe es feindselige Reaktionen gegeben, heißt es.
Vier Stunden dauert eine solche Operation, wie sie auch vor dem Libanon zum Szenarium gehört. Das „Boardingteam“ setzt entweder mit dem Schlauchboot über oder es wird vom Hubschrauber am Seil herabgelassen. Wie ein Insekt steht der „Sea Lynx“ über dem „Kontakt“ – für den Minister wird die Operation über dem Frachter Spessart vorgeführt. Dann gleiten die Soldaten an einem armdicken schwarzen Seil auf die Deckoberfläche, was schon bei ruhiger See ein spektakuläres Manöver ist.
Einsatzregeln „angemessen und ausreichend“
Eine Soldatin im vollen Kampfanzug – Schutzweste, Schwimmweste, darüber Waffe und Ausrüstung wie Taschenlampe und Handschellen – erzählt, wie die Untersuchung dann vor sich geht. Zuerst wird Eigensicherung betrieben, das heißt vor allem, nachzusuchen, bis man sicher ist, daß man alle Personen an Bord beieinander hat. Würde jetzt einer Widerstand leisten, so würde er mit der Waffe in Schach gehalten und notfalls gefesselt. Dann wird das Schiff untersucht, nach Waffen vor allem.
Amerikanische Schiffe gehen auch offensiv gegen Rauschgifttransporte vor. Das sei allgemein ein Auftrag des amerikanischen Präsidenten für amerikanische Kriegsschiffe, unabhängig von „Enduring Freedom“. Innerhalb des Mandats, so versichert Lange, hätten alle Teilnehmer mehr oder weniger die gleichen Einsatzregeln, nur in Einzelfragen unterschiedlich.
Die deutschen Soldaten unterlägen insgesamt nicht mehr Einschränkungen als die anderen. Entsprechend versichert der befehlshabende Admiral, er halte das Mandat und seine Einsatzregeln für „angemessen und ausreichend“. Schließlich stehe eine Vielzahl von Eskalationsmöglichkeiten zur Verfügung, vom Schuß vor den Bug über eine „Zwangsbegleitung“ bis hin – mit Erlaubnis des Ministers im Einzelfall – zu Verhaftungen. Vorgekommen sei das allerdings noch nicht.
Einladung zum Tee
Die Handelsschiffe dort profitierten ja auch von der Sicherheit nicht zuletzt vor Piraten, so heißt es; vielfach werde man zum Tee herübergebeten, worauf man allerdings auch nicht immer erpicht ist. Es wurde auch schon folgendes beobachtet: Ein Schiff galt als verdächtig, Rauschgift zu schmuggeln, und wurde „begleitet“. Nach Einbruch der kurzen Dämmerung sahen die Soldaten dann durch ihre Nachtsichtgeräte, wie dort fleißig Kisten über Bord geworfen wurden. Am nächsten Tag durfte man gerne an Bord kommen. Das ist auch ein Effekt.
Wie wirksam ist der Einsatz, und wofür ist er letztlich gut? Lange verweist auf den Anschlag von Terroristen auf den französischen Tanker Limburg im Jahr 2002. Seither sei dergleichen nicht wieder vorgekommen. In diesem Jahr hätten Islamisten zwei Tanklager in Jemen angegriffen – mit Autos.
Vor der Küste lag ein Tanker, und die „Schleswig-Holstein“ war in der Nähe. Die Terroristen hätten sich für den komplizierteren (und teilweise fehlgeschlagenen) Angriff zu Lande entschieden, stellt Lange fest, ohne ausdrücklich das Verdienst dafür der eigenen Anwesenheit zuzuschreiben. Immerhin: Das Beispiel verdeutlicht die mögliche Wirkung der Operation – und zugleich ihre Grenzen.
„Da ist Al Qaida pur“
Wieviel aber entgeht den Überwachungskräften, weil sie nicht innerhalb der 12-Meilen-Zonen der Anrainerstaaten operieren dürfen? Das kann naturgemäß keiner sagen. Verteidigungsminister Jung betrachtet es als eine der anstehenden Aufgaben, mit Oman und Jemen Vereinbarungen zu treffen, damit auch in deren Territorialgewässern operiert werden darf. Lange macht zugleich klar: Es gehe darum, ein Schiff weiterverfolgen zu dürfen, wenn man annehme, „da ist Al Qaida pur“.
Zum inzwischen dritten Mal hat die Deutsche Marine hier das Kommando inne. Lange hat es im Sommer von einem pakistanischen Admiral übernommen. Etwa 320 Soldaten umfaßt das deutsche Kontingent. Das Mandat erlaubt den Einsatz von bis zu 1500 Mann. Diese hohe Diskrepanz ist schon seit Jahren Gegenstand von Forderungen der Opposition und halblautem Murmeln der jeweiligen Regierungsfraktionen.
Es wurde in kleinen Schritten immer wieder angepaßt, vor einem deutlichen Schnitt schreckte die frühere Bundesregierung wohl zurück, um das angespannte transatlantische Verhältnis nicht zusätzlich durch Überschriften, Deutschland verringere das Anti-Terror-Engagement, zu belasten. Jung scheint allerdings zu einer Mandatsanpassung bereit zu sein. Bis November muß der Bundestag darüber entscheiden.