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Deutsche im Irak entführt „Opfer in sichere Obhut übergeben“

29.11.2005 ·  Kanzlerin und Außenminister haben an die Kidnapper der im Irak entführten Deutschen appelliert, ihre Geiseln sofort freizugeben. Ein Krisenstab müht sich darum im Hintergrund. Al-Qaida-Anführer Zarqawi soll der Archäologin schon im Oktober mit einer Entführung gedroht haben.

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Die Bundesregierung hat die Entführung einer Deutschen und ihres Fahrers im Irak verurteilt und an die Täter appelliert, die beiden in sichere Obhut zu übergeben. Bundeskanzlerin Merkel versicherte am Dienstag nach einer Sitzung des Bundeskabinetts: „Alle Bemühungen der Bundesregierung sind darauf gerichtet, die körperliche Unversehrtheit der Betroffenen und das Leben der Betroffenen zu schützen.“

Die Angehörigen könnten gewiß sein, „daß die Bundesregierung alles in ihrer Macht Stehende tun wird, um beide so schnell wie möglich in Sicherheit zu bringen und ihr Leben zu sichern.“ Frau Merkel verwies auf den Krisenstab, der sich im Auswärtigen Amt mit dem Entführungsfall befasse. Sie sprach nach der Kabinettssitzung mit dem Präsidenten des Bundesnachrichtendienstes und ließ sich über Einzelheiten unterrichten. Auch Außenminister Steinmeier wiederholte den Appell an die Entführer, ihre beiden Geiseln so schnell wie möglich freizulassen. Der deutsche Außenminister sagte: „Wir werden mit Umsicht und mit Vorsicht vorgehen.“

Ultimatum per Video

Das Auswärtige Amt hatte über die Geiselnahme am Montag abend in Washington informiert, nachdem nachts um drei Uhr in Deutschland erstmals ein Standbild eines Videos in der ARD-Tagesschau gezeigt worden war. In dem Video hätten die mutmaßlichen Entführer die Bundesregierung aufgefordert, ihre Zusammenarbeit mit der irakischen Regierung einzustellen. Andernfalls würden die beiden Entführten getötet.

Auf dem Band werde auch ein Ultimatum genannt, hieß es. Doch halte die ARD weitergehende Informationen über das Videoband zurück, um das Leben der Entführten zu schützen. Es wurde nicht ausgestrahlt, nur ein Standbild wurde veröffentlicht, auf dem die beiden Entführten zu sehen sind. Sie hatten die Augen verbunden. Neben den Geiseln standen drei vermummte Männer mit automatischen Gewehren und einer Panzerfaust.

Nachdem es in einer ersten Stellungnahme des Auswärtigen Amtes noch in der Nacht hieß, es würden „alle relevanten Stellen“ eingeschaltet, um die Geiseln zu retten, wurde in Washington die Schlußfolgerung gezogen, Steinmeier werde in dieser Sache auch die Hilfe seiner amerikanischen Kollegin Rice erbitten. Einzelheiten über den Fall - was die möglichen Entführer sowie die Umstände der Entführung und mögliche Forderungen angeht - wurden von der Bundesregierung mit Rücksicht auf die Betroffenen nicht mitgeteilt.

Archäologin aus Bayern

Nach Berichten handelt es sich bei der Entführten um die studierte Archäologin Susanne Osthoff aus Bayern. Sie sei mit einem Jordanier verheiratet und lebe seit Jahren im Irak.
Dort sei sie an der Organisation von Hilfslieferungen und Medikamenten sowie medizinischem Gerät beteiligt. (Siehe auch: Porträt der entführten Deutschen im Irak)

Nach Angaben des Hilfswerk action medeor habe Osthoff schon während des Irak-Krieges unter gefährlichen Bedingungen, lebenswichtige Medikamente in das Saddam- City-Hospital und das Al-Kindi-Hospital in Bagdad gebracht. Nach den Angaben der Organisation mit Sitz im nordrhein-westfälischen Tönisvorst ist Osthoffs ebenfalls entführter Fahrer Iraker.

Nach einer Mitteilung des Auswärtigen Amtes hatte sich Frau Osthoff am vergangenen Freitag auf eine „Überlandfahrt“ im Irak begeben. An ihrem Ziel kam sie nicht an. Kurze Zeit später sei der Krisenstab des Auswärtigen Amtes aktiviert worden; dieser geht in der Regel aus einem Krisenreaktionszentrum hervor.

Dem Krisenstab gehören Beamte des Auswärtigen Dienstes (Fachleute der Region sowie der Rechtsabteilung) sowie weitere führende Beamte des Kanzleramtes, des Verteidigungsministeriums und der Sicherheitsbehörden an. Der Krisenstab wird vom Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Scharioth geleitet.

Hundert Deutsche leben im Irak

Nach Angaben des Auswärtigen Amtes leben etwa hundert Deutsche im Irak. Viele von ihnen hielten sich aus familiären Gründen dort auf.

Deutschland war nicht am Irak-Krieg beteiligt und unterhält auch keine engeren politischen Kontakte zur Regierung in Bagdad. Es werden lediglich irakische Polizisten von deutschen Experten außerhalb des Landes ausgebildet. Ansonsten beschränken sich die Beziehungen beider Länder auf wirtschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit.

Der stellvertretende Vorsitzende der Grünen-Fraktion Trittin äußerte, abermals hätten sich die Entführer ein Opfer gesucht, „daß sich in besonderem Maße für die Menschen vor Ort engagiert“ und den Menschen im Irak helfen wolle. Trittin sagte: „Deutschland muß ein Interesse an der Stabilisierung des Irak haben. Wir werden deshalb mit der gewählten Regierung kooperieren und diese unterstützen.“

Der außenpolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Hoyer, sagte, er vertraue darauf, daß die Bundesregierung alles tun werde, um die Entführten frei zu bekommen. „Das heißt allerdings auch, daß sich Deutschland nicht erpressen lassen darf, weil dies ein Anreiz für weitere Entführungen sein könnte.“

Zarqawi soll gedroht haben

Nach Informationen der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ gab es schon in der Vergangenheit ernste Drohungen gegen Osthoff.

Im Oktober habe Osthoff dem Blatt berichet, Entführungsdrohungen aus dem Umfeld des irakischen Al-Qaida-Anführers Abu Mussab al Zarqawi erhalten zu haben. Amerikanische Soldaten hätten sie damals aus der nordirakischen Stadt Mossul nach Bagdad in Sicherheit gebracht.

Die Bayerin, die fließend Arabisch spreche, habe in der nordirakischen Stadt Erbil ein deutsches Kulturzentrum aufbauen wollen und darüber schon bei der deutschen Botschaft in Bagdad sowie mit der kurdischen Regionalregierung Gespräche geführt.

Am Wochenende vier weitere Entführungen

Im Irak sind schon etliche Ausländer entführt worden, bislang waren aber keine Deutschen darunter. Im vergangenen Jahr wurden allerdings zunächst zwei deutsche Grenzschutzbeamte als vermißt gemeldet. Wie sich später herausstellte, gerieten sie auf dem Weg von Amman nach Bagdad nahe der Stadt Falludscha in einen Hinterhalt und wurden getötet.

Am Wochenende waren im Irak vier andere westliche Ausländer von Unbekannten verschleppt worden. Dabei handelte es sich um zwei kanadische, einen amerikanischen und einen britischen Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, wie ihre Regierungen bestätigten. Die vier Helfer hatten sich am Samstag in einer als gefährlich geltenden Gegend von Bagdad aufgehalten.

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