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Deutsch-französisches Verhältnis Terrorisé à Berlin

03.03.2008 ·  Sarkozy hat die deutsch-französische Freundschaft „sacrée“ genannt. Doch ist ihm wirklich daran gelegen, ein gutes Verhältnis mit der Kanzlerin aufzubauen? In Berlin ist man ernüchtert. Und in Hannover treffen sich die beiden an diesem Montagabend zum Meinungsaustausch.

Von Michaela Wiegel, Paris
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Non, der französische Präsident denkt morgens beim Rasieren nicht an Deutschland. Nicolas Sarkozy hat derzeit andere Sorgen: die angekündigte Abstrafung seiner Parteigänger bei den Kommunalwahlen, die schlechten wirtschaftlichen Aussichten, seinen Sturzflug in den Umfragen - die Liste ist lang. Sarkozy ist darüber ungehalten und nervös, und deshalb schiebt er alles von sich weg, was weiteres Konfliktpotential verspricht: das deutsch-französische Verhältnis zum Beispiel.

Sarkozy hat gleich zweimal hintereinander hochrangige bilaterale Treffen absagen lassen, erst das Gespräch in Straubing mit Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier; dann den Termin zwischen seiner Wirtschaftsministerin Christine Lagarde und Peer Steinbrück, zu dem auch die Zentralbankdirektoren beider Länder geladen waren. Natürlich schwört man in Paris, dass alles nur am übervollen Terminkalender des hyperaktiven Präsidenten liegt. Aber natürlich ist auch in Paris niemandem entgangen, dass in Berlin die Begeisterung über den neuen Mann im Elysée-Palast der Ernüchterung gewichen ist.

Deutsch-französische Freundschaft ist „Sacrée“

Anders als seine Vorgänger, die alle erst von der Notwendigkeit einer engen deutsch-französischen Abstimmung überzeugt werden mussten, hatte Sarkozy nach seiner Wahl den Eindruck vermittelt, schon alles verstanden zu haben. Anders als Jacques Chirac, als François Mitterrand oder Valéry Giscard d'Estaing flog er noch am Tag seiner Amtseinführung nach Berlin, um „chère Angela“ seine Aufwartung zu machen. Nie hätten sich Giscard oder Mitterrand, noch ganz im Selbstverständnis der Siegermacht, dazu herabgelassen, sich in Bonn eine Art Absegnung zu holen. Auch Chirac, der es schon mit dem wiedervereinigten Deutschland zu tun hatte, ließ noch Helmut Kohl zu sich kommen. Sarkozy aber reiste nach Berlin und klopfte so freundschaftlich auf der Schulter der den physischen Kontakt eigentlich scheuenden Kanzlerin herum, dass diese ihn gewähren ließ.

„Sacrée“, „heilig“ nannte Sarkozy die deutsch-französische Freundschaft an jenem Tag. Da konnte die Bundeskanzlerin ihm auch sein eigenartiges Gehabe in Heiligendamm verzeihen, als er sich durch eine Pressekonferenz mit Wladimir Putin kicherte und die Première Dame Cécilia Sarkozy vorzeitig abreiste. Wer sollte es auch einem Franzosen übelnehmen, unter den Zicken seiner Frau zu leiden? In Brüssel, beim Gipfeltreffen zum EU-Reformvertrag, telefonierte Sarkozy den Zwillingsbruder des polnischen Präsidenten zur Vernunft; das hatte die Bundeskanzlerin nicht gewollt und wohl auch nicht vermocht. Aus dem Minivertrag des Wahlkämpfers Sarkozy wurde schließlich der Reformvertrag, der in Lissabon unterzeichnet wurde. Die Bundeskanzlerin gestand Sarkozy sogar noch zu, dem französischen Nationalsymbol gemäß wie ein Gockel durch ganz Europa zu krähen, das alles sei sein Werk.

Französische Politiker haben Deutschland als Kulturnation gewürdigt

Auf Sarkozys Blitzstart als Macher folgte eine Serie von Peinlichkeiten und Pannen, die alle die Frage aufwerfen: Ist dem französischen Präsidenten wirklich daran gelegen, ein langfristiges Vertrauensverhältnis mit der Bundeskanzlerin aufzubauen, im Namen des europäischen Einigungsprozesses? Vom früheren Außenminister Hubert Védrine, der seinen deutschen Gegenpart Joschka Fischer mal als „Flötenspieler“ bezeichnet hatte, stammt die Formulierung, dass ein deutsch-französischer Kompromiss für die erweiterte EU nicht mehr ausreichend, aber immer noch notwendig sei. Sarkozy benimmt sich kurz vor der französischen EU-Ratspräsidentschaft so, als gelte Védrines Rat nicht für ihn. Sarkozy hatte sich übrigens vergeblich darum bemüht, Védrine als Außenminister für seine Regierung der „politischen Öffnung“ zu gewinnen.

Chirac, Mitterrand und Giscard, alle drei Amtsvorgänger Sarkozys, waren von dem Anspruch der französischen Oberschicht geprägt, Deutschland als Kulturnation zu würdigen, deutsche Literatur, Musik und Philosophie zu kennen und (vielleicht) zu schätzen. Für Charles de Gaulle und Georges Pompidou, um bis zu den Anfängen der V. Republik zurückzugehen, galt das genauso. Das half ihnen, nach der meist reibungsreichen Eingewöhnungsphase eine funktionierende Arbeitsbeziehung aufzubauen. Auch wenn die Bedeutung des Deutschen als Selektionsmerkmal für die französische Elite zurückgeht, herrscht in Frankreich weiter die Auffassung vor, dass Deutsch als erste Fremdsprache nur für die besten Schüler in Frage kommt.

Sarkozy reist rastlos durch sein Land

Sarkozy aber hat sich angeschickt, auf allen Gebieten mit dem Dünkel der Führungsklasse zu brechen. Er ist stolz darauf, sich nicht hinter den Mauern des Elysée-Palastes zu verstecken. Wohin Chirac nur einen Staatssekretär entsandt hätte, eilt Sarkozy höchstpersönlich; rastlos reist er durch sein Land, brüllt vor brüllenden Fischern oder trauert vor trauernden Eltern. Sarkozy stößt mit dem sicheren Gespür eines Parvenü zurück, was die französische Bildungselite und das gehobene Bürgertum schätzen. Er redet ungehobelt und kann ausfällig werden, er stellt Reichtum zur Schau (Rolex-Armbanduhren, Privatjets von Industriellenfreunden), er ignoriert die Kulturschätze Frankreichs (stattdessen geht er in den Vergnügungspark Eurodisney) sowie die Schamgrenze zum Privatleben (die Carla- Bruni-Show), und er ist fasziniert von Bushs Amerika (sein erstes Urlaubsziel als Präsident).

Deutschland taucht auf seiner Landkarte nur als Heimat von Ordnungssinn und harten Betonungen (“Ach so!“) auf, was auch bei Bier und Bratwurst nicht unendlich sympathisch ist. Sarkozy spielt gern mit solchen Klischees. Der Schriftstellerin Yasmina Reza ist der folgende Dialog zu verdanken: „Du fühlst dich besser in Sevilla als in Oslo“, sagt Yasmina Reza zu Sarkozy. „Als in Berlin!“, korrigiert Sarkozy. „Berlin! Ich fühle mich terrorisiert in Berlin. Auch in Frankfurt.“ Ein Staatsmann darf so nicht reden, das weiß Sarkozy, aber mit einer gewissen Lust bricht er diese Regel. „In der Transgression sieht Nicolas Sarkozy seine Legitimität bestätigt. Er kann Regeln brechen, weil er der Präsident ist“, sagt Jean-Louis Bourlanges, Professor an der Eliteuniversität „Sciences Po“.

Der Großvater diente Sarkozy als Vaterersatz

Die Franzosen wussten über Sarkozy, dass er von seiner Mutter großgezogen wurde. Der Vater, Spross einer verarmten ungarischen Adelsfamilie, tauchte nur sporadisch im Leben des kleinen Nicolas auf. In Algerien erzählte Sarkozy zum ersten Mal öffentlich von der bedeutenden Rolle, die sein Großvater mütterlicherseits, der Arzt Benedict Mallah, als Vaterersatz einnahm. „Mein Großvater hat mich erzogen“, sagte Sarkozy. Mallah stammte aus einer sephardisch-jüdischen Familie mit Wurzeln in Saloniki. Vor seiner Trauung mit einer Lyoner Großhändlertochter konvertierte er zum Katholizismus.

Als Arzt ließ er sich in Paris nieder, während der Besetzung der Stadt durch die Truppen des Dritten Reichs flüchtete die Familie nach Marcillac, das in der „unbesetzten“ Zone lag. Das Pariser Haus Mallahs in der Rue Fortuny (in dem Nicolas Sarkozy aufwachsen sollte) wurde von der deutschen Militärverwaltung beschlagnahmt. Der Arzt Mallah behielt aus der Kriegserfahrung einen Hass und ein Misstrauen gegenüber den Deutschen, die sein Enkel als prägend empfand.

„Bei mir zu Hause nannte man die Deutschen nicht bei ihrem Namen“

In Constantine, vor den algerischen Studenten der Universität Mentouri im vergangenen Dezember, erzählte Sarkozy: „Wissen Sie, mein Großvater hat mich erzogen. Er hasste die Deutschen. Bei mir zu Hause nannte man die Deutschen nicht bei ihrem Namen. Ich bin so aufgewachsen. Als de Gaulle zu Adenauer gesagt hat, dass man verzeihen und in die Zukunft schauen muss, ist mein Großvater, der so viel Angst ausgestanden und so viel gelitten hat, den Staatsmännern gefolgt, die Frieden und nicht Rache vorgeschlagen haben.“ Vor dem Europakonvent der Präsidentenpartei UMP im Januar kam Sarkozy in Anwesenheit von Merkel nochmals auf den Deutschenhass seines Großvaters zu sprechen und auf dessen Weisheit, der deutsch-französischen Aussöhnung zuzustimmen.

Auch wenn er der Nachkriegsgeneration angehört, ist sich Sarkozy, Jahrgang 1955, seiner historischen Verantwortung für die deutsch-französische Zusammenarbeit als Fundament Europas also sehr wohl bewusst. Das wird ihn auch künftig nicht vor Missverständnissen und Interessenkonflikten mit der Bundesregierung schützen. Aber es könnte ihn zu Nachgiebigkeit bewegen, gerade bei der geplanten Mittelmeer-Union. Sarkozy ist nicht verbohrt, er ändert mit einem gewissen Pragmatismus seine Vorhaben, wenn er auf Widerstand stößt. Das schließt nicht aus, dass sich der französische Präsident weiter in der Rolle des Usurpators gefällt - und damit noch viele daheim und in Europa erschrecken wird.

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Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

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