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Deutsch-französische Freundschaft : Am Anfang der Aussöhnung

Bundeskanzler Adenauer (links) und Präsident General de Gaulle am 8. Juli 1962 während der Versöhnungsmesse in der Kathedrale von Reims Bild: AFP

Als Adenauer vor 50 Jahren Frankreich besuchte, war die Friedensmesse in Reims von größter Bedeutung. Pierre Maillard, der damalige diplomatische Berater de Gaulles, erinnert heute daran, dass der Durchbruch für den Freundschaftsvertrag erst später gelang.

          Als sich Konrad Adenauer und Charles de Gaulle vor fünfzig Jahren in der Kathedrale von Reims die Hand zur deutsch-französischen Aussöhnung reichten, war dem französischen Präsidenten die Vorstellung eines Freundschaftsvertrages noch fremd. Daran erinnert Pierre Maillard, der damals als de Gaulles diplomatischer Berater im Elysée-Palast (von 1959 bis 1964) wirkte und die Frankreich-Reise Adenauers begleitete. „Die Idee eines Staatsvertrages zwischen Frankreich und Deutschland ging von Adenauer aus. De Gaulle war von dem Ziel getragen, den deutsch-französischen Antagonismus dauerhaft zu überwinden. Aber wie dies gelingen sollte, darüber hatte er in Reims noch keine klare Vorstellung“, sagt Maillard im Gespräch mit der F.A.Z.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Der 96 Jahre alte Diplomat, der in Paris lebt, spricht fließend Deutsch. Während Adenauers Reise in Frankreich hatte der Germanist einen regen Austausch mit dem Bundeskanzler. „Charles de Gaulle hatte das Reiseprogramm selbst und mit höchster Sorgfalt ausgearbeitet. Er wollte, dass die Franzosen dem Bundeskanzler einen begeisterten Empfang bereiten, damit er ermessen konnte, wie sehr sich die Stimmung seit seinem ersten Besuch in Paris gewandelt hatte“, sagt Maillard.

          Die Friedensmesse in Reims war nur eine Etappe auf der Reise, die Adenauer nach Paris, Versailles, Rouen und Bordeaux führte. „Ich muss Sie enttäuschen, wenn Sie glauben, dass sich mir Reims am meisten eingeprägt hat. Mir bleibt am besten die Visite Adenauers in Bordeaux in Erinnerung. Der Bundeskanzler kannte sich hervorragend mit den staatstheoretischen Werken Montesquieus aus und besuchte dessen Schloss in La Brède bei Bordeaux. Es war eindrucksvoll, wie sehr sich Adenauer mit dem großen französischen Philosophen auseinandergesetzt hatte“, sagt Maillard.

          Die größte symbolische Wirkung entfaltete jedoch der gemeinsame Auftritt in Reims. „Für viele Deutsche war Reims damals der Ort der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht, die Generaloberst Alfred Jodl am 7. Mai 1945 im amerikanischen Hauptquartier in Reims unterzeichnet hatte“, sagt Maillard. Für die Franzosen war die symbolische Bedeutung von Reims noch größer. Im Jahr 496 ließ sich der Frankenkönig Chlodwig nach der Überlieferung Gregor von Tours’ in Reims taufen. Damit nahm die Geschichte Frankreichs als christliches Königreich ihren Anfang. Reims wurde zur Krönungskathedrale der französischen Könige. Dort ließen sich vom 13. bis zum 18. Jahrhundert fast alle Monarchen des Landes inthronisieren und salben. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges war die Kathedrale durch deutsche Geschosse schwer beschädigt worden. „Für de Gaulle war es wichtig, sein Wirken in die französische Geschichte einzubetten“, sagt Maillard.

          Hollande war gegen eine Messe in Reims

          Er strebte an, die Friedensmesse an der Seite Adenauers moralisch zu überhöhen, fand sie doch am Ort der Krönungsmessen der französischen Könige statt. Bedenken, dass die Messe als Verstoß gegen die Trennung von Kirche und Staat und damit gegen das Laizitätsgesetz von 1905 wahrgenommen werden könnte, hegte de Gaulle nicht - anders als sein sozialistischer Nachfolger Hollande. Am Sonntag fand aufgrund Hollandes Vorbehalten anders als vor 50 Jahren kein Gottesdienst in der Kathedrale statt. „Adenauer und de Gaulle waren beide gläubige Katholiken, für die es selbstverständlich war, zur Sonntagsmesse zu gehen. Bei der Aussöhnung spielte das gemeinsame, christliche Wertefundament eine wichtige Rolle“, sagt Maillard. Der Diplomat erinnert an das Truppendefilee in Mourmelon, mit dem Adenauers Besuch am 8. Juli 1962 zu Ende ging. Deutsche und französische Soldaten marschierten im Paradeschritt miteinander. General de Gaulle beugte sich zum damaligen Verteidigungsminister Franz Josef Strauß, um die Bundeswehr-Soldaten zu loben, erinnert sich Maillard. „Dann umfasste de Gaulle die Finger seiner Hand und sagte laut: Geeint, wie die Finger einer Hand!“

          Unterzeichnung des deutsch-französischen Freundschaftsvertrags in Paris, am 22. Januar 1963 (von links nach rechts): Frankreichs Außenminister Maurice Couve de Murville, Premierminister Pompidou, Präsident de Gaulle, Bundeskanzler Adenauer und der deutsche Außenminister Gerhard Schröder

          Der Durchbruch für den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag, der am 22. Januar 1963 im Elysée-Palast unterzeichnet wurde, sei erst während des Gegenbesuchs de Gaulles in Deutschland erfolgt, sagt Maillard. „De Gaulle wollte sich der Zustimmung der deutschen Bevölkerung vergewissern.“ Der General misstraute diplomatischen Übereinkünften, die nicht von den Bürgern getragen wurden.

          Im September 1962 reiste er nach Bonn, Düsseldorf, Hamburg, München und Ludwigsburg. Die deutsch-französische Annäherung sollte sich aus seiner Sicht nicht auf politische Vereinbarungen beschränken. Maillard übersetzte damals die Reden de Gaulles ins Deutsche. Nach dem begeisterten Empfang für den General war der Weg frei für das Vertragswerk. „Das verhinderte jedoch nicht die Verstimmung, die durch die von der deutschen Seite verlangte Präambel entstand“, sagt Maillard. „De Gaulle und Deutschland: der unvollendete Traum“, so überschrieb der Diplomat 1990 sein Buch, in dem er seine Eindrücke aus den Jahren Elysée-Palast zusammenfasst. Den 96jährigen betrübte am Sonntag nur eins: Dass er aus gesundheitlichen Gründen auf eine Teilnahme an der Gedenkfeier in Reims Abstand nehmen müsste.

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