14.07.2007 · Vor zwei Jahren galt die Entwicklung als vorbildlich, heute ist das Bild düster: Im Süden Afghanistans nimmt der Terror zu und beginnt die Isaf-Nationen zu spalten. Ein Umschwenken der deutschen Strategie birgt jedoch enorme Gefahren.
Von Majid Sattar, KandaharÜber den Wandel in Afghanistan erzählen dort lebende Ausländer gern einen Witz. Ein westlicher Diplomat bereist nach Jahren wieder den Süden des Landes. Erfreut bemerkt er zu seinem einheimischen Gesprächspartner: „Als ich das letzte Mal hier war, mussten die Frauen noch fünf Schritte hinter den Männern gehen. Es hat sich doch etwas getan: Nun laufen sie fünf Schritte vor ihren Männern.“ „Nein, nein“, sagt der Afghane, „es sind die Landminen, mein Herr.“ Ein böser Witz, der die Probleme im Süden des Landes fast sechs Jahre nach dem Fall des Taliban-Regimes zugespitzt beschreibt.
Galt Afghanistan vor zwei Jahren noch als Beispiel für ein gelingendes „nation building“ nach einer von den Vereinten Nationen legitimierten Militärintervention gegen ein Regime, das seine Bürger drangsalierte und Hort des internationalen Terrorismus war, so sind die Aussichten heute düsterer.
Die Taliban wollen ihren Krieg nach Kabul tragen
Die Bedeutung der Taliban nimmt zu, und Militärs berichten über ein Wiedererstarken der arabischen Präsenz im Süden des Landes, von Gruppen also, die nach der Niederlage 2001 Unterschlupf in anderen Ländern gesucht haben und nun - wohl eher im Namen als im Auftrag Usama Bin Ladins - den Kampf gegen die westlichen Truppen wiederaufnehmen.
Der Terror konzentriert sich zwar auf den Süden und Südosten des Landes, ist aber längst nicht mehr auf die Provinzen Helmand und Kandahar beschränkt. Die Taliban haben unlängst mitgeteilt, sie würden ihren Krieg stärker nach Kabul tragen. Dabei ist es nicht die direkte Konfrontation mit dem Feind, die der Isaf Probleme bereitet. Eine angekündigte Frühjahrsoffensive der Aufständischen fand nicht statt. Langfristig zermürbend wirken indes die Anschläge - Selbstmordattentate, Bodenminen und bewaffnete Überfalle - auf militärische und zivile Ziele. Mancher Militär spricht vor diesem Hintergrund von der Irakisierung Afghanistans.
Pflanzen die Deutschen im Norden Bäume?
Die Sicherheitslage hält die Amerikaner, Briten und Kanadier nicht nur davon ab, den Wiederaufbau des Landes zu unterstützen oder gar eine demokratische politische Kultur zu fördern - sie führt auch zu Entzweiungen in der Nato-geführten Internationalen Schutztruppe. Während die Isaf-Streitkräfte im Norden und Westen sich in einer angespannten Situation befinden, herrscht im Süden und Südosten des Landes Krieg.
Der Verdruss über die unfaire Lastenverteilung nimmt zu. Bis hinein in hohe Offiziersränge unter den kanadischen Streitkräften sind böse Fragen zu hören: Was machten denn die Deutschen in Nordafghanistan? Bäume pflanzen? Immerhin, wird ironisch angefügt, die Franzosen machten ja nicht einmal das.
Kanadische Vorwürfe
Aus solchen Worten klingt immer noch die Wut über einen Vorfall während der sogenannten Operation „Medusa“ im Sommer vergangenen Jahres. Damals waren - so berichteten Briten während der Nato-Parlamentarierversammlung im kanadischen Quebec Ende vergangenen Jahres - kanadische Einheiten im Kampf gegen die Taliban im Süden in Bedrängnis geraten, so dass man um Unterstützung nachgesucht habe. Vier Nationen, deren Soldaten in den weniger umkämpften Regionen eingesetzt sind, hätten unter Hinweis auf ihre nationalen Vorbehalte abgesagt.
Der deutsche Kontingentführer habe zwar gesagt, er verfüge über Soldaten, habe aber nach Rücksprache mit Berlin zurückgezogen. Indirekt wurde Deutschland seinerzeit für den Tod von zwölf kanadischen Soldaten mitverantwortlich gemacht. Das Bundesverteidigungsministerium wies die Darstellung zurück; es habe keine „singuläre Anfrage“ an Deutschland gegeben.
Im kanadischen Hauptquartier in Kandahar möchten offizielle Stellen über „Medusa“ nicht reden. Man kennt die politischen Befindlichkeiten. Hinter vorgehaltener Hand wird aber nicht nur über Baumschulen in Kunduz, Mazar-i-Sharif und Faizabad gelästert. Für die schlechte Sicherheitslage im Süden und Osten des Landes wird auch auf den desolaten Zustand der afghanischen Polizei verwiesen, die schon in mehreren Bezirken der südlichen Provinzen den Aufständischen habe zurückweichen müssen. Sei es nicht Aufgabe der Deutschen gewesen, die afghanische Polizei auszubilden?
Symbolische Gesten aus Berlin
Auch als Reaktion auf diese Kritik schickte Verteidigungsminister Jung (CDU) im Frühjahr rund 20 Fernmelder im Rahmen des Isaf-Einsatzes ins Hauptquartier des Regionalkommandos-Süd nach Kandahar. Das deutsche Mandat lässt Unterstützungseinsätze außerhalb des eigentlichen Zuständigkeitsgebietes im Norden sowie in Kabul im begrenzten Rahmen zu, sofern es für die Erfüllung des Isaf-Gesamtauftrags unabweisbar ist. Zudem wurden - ausgestattet mit einem eigenen Bundestagsmandat - sechs Tornado-Aufklärungsflugzeuge an den Hindukusch entsandt. Vor allem der Einsatz der Fernmelder wird in Kandahar aber als symbolische Geste wahrgenommen.
Bundesregierung und Bundestag werden im Herbst darüber entscheiden, ob und inwieweit der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr verändert wird. Außenminister Steinmeier (SPD) hat sich für eine verstärkte Ausbildung der afghanischen Armee ausgesprochen und die Entsendung deutscher Ausbilder in den Süden des Landes nicht ausgeschlossen.
Einsatz im Süden birgt zweierlei Gefahren
Die Außenpolitiker Guttenberg (CSU) und Klose (SPD) wiederum sprachen sich dafür aus, das Mandat für die deutsche Beteiligung an der Anti-Terror-Operation Enduring Freedom (OEF) sowie jenes zur Entsendung deutscher Tornados in einem einzigen für die Isaf zu bündeln. Das könnte zur Folge haben, dass der Einsatz deutscher Soldaten bis in den Süden ausgedehnt wird.
Käme Deutschland den Wünschen der im Süden und Osten kämpfenden Isaf-Streitkräfte nach, würde sich nicht nur die Sicherheitslage für die deutschen Soldaten verschärfen, sondern auch das politische Umfeld verschlechtern. Bei den Kämpfen gegen die Taliban in den kleinen Weilern der südlichen Provinzen sterben immer häufiger Zivilisten. In den vergangenen drei Monaten soll die Isaf versehentlich mehr Zivilisten als gezielt Taliban getötet haben, klagten afghanische Behörden kürzlich.
Etwas zu idealistische „Do-good-soldiers“
Die öffentliche Empörung setzt die Provinzregierungen, aber auch Kabul unter Druck. Die „Afghanen sind auch Menschen“, erregte sich Präsident Hamid Karsai unlängst. Die Folgen für die Bundeswehr lassen sich vorhersehen: Wie die deutschen sind die kanadischen Streitkräfte etwas zu idealistisch mit dem Selbstverständnis von „Do-good-soldiers“, von soldatischen Entwicklungshelfern, nach Afghanistan gezogen.
Heute taucht in der Heimatpresse mitunter das böse Wort von den „Babykillers“ auf. Auch die Kanadier müssen ihre Öffentlichkeit immer wieder daran erinnern, dass es am Hindukusch nicht nur um den Wiederaufbau eines Landes, sondern auch und vor allem um die Bekämpfung des internationalen Terrorismus an seiner Quelle geht.
Deutsche Soldaten sofort raus aus Afghanistan
gerd posywio (hammer22)
- 13.07.2007, 23:37 Uhr
Richtige Strategie gesucht
Michael Schröder (MDSchroeder)
- 14.07.2007, 00:02 Uhr
Wir brauchen ein deutsches Vietnam!
Henriette Kaschulke (Wissibesser)
- 14.07.2007, 00:21 Uhr
@posywio: Das ist totaler Quatsch
Gary Leif Sattler (satgar)
- 14.07.2007, 02:06 Uhr
Ja so
heinz peter (pitiplatsch)
- 14.07.2007, 08:19 Uhr