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Veröffentlicht: 12.01.2017, 17:33 Uhr

Brisantes Dossier Der Spion, der Trump nicht liebte

Christopher Steele bringt mit seinen Geheimdokumenten Donald Trump in Schwierigkeiten. Denn der ehemalige MI6-Agent gilt als seriös und angesehen. Das könnte auch ihn selbst in Gefahr bringen.

von , London
© EPA Die Londoner Fassade Christopher Steeles Firma Orbis Business Ltd am Donnerstag

Am Mittwochmorgen, als amerikanische Zeitungen erste Fährten in seine Richtung gelegt hatten, nahm Christopher Steele seine Katze auf den Arm, klingelte bei einem Nachbarn und bat ihn „für ein paar Tage“ auf das Tier aufzupassen. Er sei „in panischer Angst um seine Sicherheit“ gewesen, zitierte der „Daily Telegraph“ am Donnerstag eine anonyme Quelle, die Steele nah gewesen sein soll. Seitdem hat man ihn an seinem Wohnort in Surrey, einem Landkreis südlich von London, nicht mehr gesehen. Auch in seinem Büro der Beratungsfirma „Orbis“, das im schicken Zentrum der britischen Hauptstadt liegt, ist er nicht mehr aufgetaucht.

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Steele ist der Mann, der laut übereinstimmender Berichte das kompromittierende Dossier über Donald Trump zusammengestellt haben soll. Londoner Zeitungen berichteten am Donnerstag, dass der frühere Agent des britischen Auslandsgeheimdienstes zu Beginn des vergangenen Jahres mit dem Auftrag betraut worden sei, Informationen über das Verhältnis Donald Trumps zu Russland zu sammeln. Als Auftraggeber wurde eine Beratungsfirma in Washington angegeben, die wiederum die Interessen innerparteilicher Gegner Trumps vertreten haben soll, darunter auch Jeb Bush, den Trump später als einen seiner ersten Rivalen aus dem Rennen warf. Nachdem Trump die Nominierung gewonnen hatte und Kandidat der Republikaner geworden war, sollen Unterstützer der demokratischen Präsidentschaftsbewerberin Hillary Clinton den Auftrag an Steele weiterfinanziert haben.

Weil die Informationen belegten, dass Trump durch den russischen Geheimdienst erpressbar sei, habe Steele das Dossier dann im August an die amerikanische Bundespolizei FBI geleitet, berichtete der BBC-Fachkorrespondent Frank Gardener am Donnerstag. Verifizieren lassen sich diese Informationen nicht. Steeles Geschäftspartner Christopher Burrows, einer der wenigen Beteiligten, die sich vor eine Kamera locken ließen, weigerte sich, sie zu dementieren oder zu bestätigen.

In den 1990ern als Spion in Russland

Burrows, der laut seines „Linkedin“-Profils an den britischen Vertretungen in Delhi und Brüssel als Botschaftsrat eingesetzt war, und Steele, der unter diplomatischer Tarnung an den Botschaften in Moskau und Paris sowie im Londoner Foreign Office gedient haben soll, sind heute gleichberechtigte Direktoren der „Orbis Business Intelligence Ltd.“, einer Beratungsfirma, die im Jahr 2009 gegründet wurde. Die Firma, die mit ihrer Geheimdienstexpertise und Kontakten in aller Welt wirbt, bietet „Problemlösungen für Unternehmen mit komplexen Problemen“ an. Orbis verfüge über ein globales Netzwerk erfahrener Verbindungsleute, darunter „bekannte Wirtschaftspersönlichkeiten“, und wende „hochentwickelte Ermittlungstechniken“ an, heißt es auf der Webseite der Londoner Firma.

 
Der Spion, der Trump nicht liebte. @buchsteiner über den ehemaligen Mi6-Agenten Christopher Steele

Steele soll in den 90er Jahren vom britischen „Secret Intelligence Service (SIS) – besser bekannt unter dem Akronym MI6 – als Spion in Russland eingesetzt worden sein. Insgesamt habe er sich zwanzig Jahre lang mit dem Land beschäftigt, heißt es. Vor etwa zehn Jahren, in seinen frühen Vierzigern, machte sich Steele dann selbständig. Anerkennung in Ermittlerkreisen soll er sich mit seinen Recherchen von Korruptionspraktiken im Weltfußballverband Fifa erworben haben, die dazu beitrugen, dass mehrere Fifa-Funktionäre in der Schweiz festgenommen und an die amerikanischen Justizbehörden ausgeliefert wurden; später trat auch Fifa-Präsident Sepp Blatter zurück.

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Steeles Auftraggeber, schrieb der „Daily Telegraph“, sei der Britische Fußballverband gewesen, der sich durch die Fifa-Entscheidung für Russland und Katar um seine Bewerbung für die Austragung der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 betrogen sah (und sieht). In dieser Zeit sollen auch Steeles persönliche Kontakte zum FBI entstanden sein.

War Steele im Fall Litwinenko beteiligt?

Nicht nur in amerikanischen Behörden gilt Steele laut britischer Zeitungen als „glaubwürdig“. Auch frühere Kollegen aus der Geheimdienstwelt bescheinigen ihm „hohe Professionalität“. Die Zeitung „The Times“ zitierte allerdings auch eine kritische Geheimdienstquelle. Steele sei „etwas angeberischer und weniger in der Wirklichkeit verankert, als man dies von einem früheren SIS-Mann erwarten würde“, gab diese zu Protokoll. „Nicht jeder ist übermäßig beeindruckt von seiner Arbeit gewesen, aber er hat persönlich eine erfolgreiche Karriere hingelegt.“

Die „Times“ lieferte auch Hinweise darauf, dass Steele mit dem russischen Agenten und späteren Dissidenten Alexander Litwinenko in London zusammengearbeitet hat. Litwinenko, der im Jahr 2000 nach Großbritannien geflüchtet und dort Kontakt zum britischen Geheimdienst aufgebaut hatte, war 2006 von früheren russischen Kollegen in einem Londoner Hotel mit einer radioaktiven Substanz vergiftet worden. Der von einer britischen Untersuchungskommission bestätigte Mord, der von offizieller russischer Seite bestritten wird, könnte eine Erklärung dafür liefern, dass Steele überstürzt an einen unbekannten Ort geflüchtet ist.

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