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Der Rückzug aus dem Irak Es soll nicht vergebens gewesen sein

19.05.2010 ·  Die amerikanischen Truppen verlassen den Irak. Das irakische Heer übernimmt die gemeinsamen Lager. Und die Verantwortung für die Sicherheit.

Von Matthias Rüb, Scheich Amir
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Für Scheich Abdul-Khadr ist es ein guter Tag. Auch Oberstleutnant John Lawrence vom Bataillon "Tomahawk" und seine Leute können sich über einen guten Tag freuen. Auch Samir al Haddad darf auf einen guten Tag zurückblicken, wenn er am Nachmittag wieder zurück ist im Regierungsviertel der Hauptstadt.

Die drei Würden- und Amtsträger sowie gut hundert amerikanische und irakische Soldaten und Offiziere nehmen an einer Zeremonie teil, wie sie sich dieser Tage in ähnlicher Form an vielen Orten im Irak wiederholt. Es handelt sich um die Übergabe der Joint Security Station (JSS) "Scheich Amir" nahe der gleichnamigen Ortschaft mitten im sogenannten sunnitischen Dreieck 40 Kilometer nordwestlich von Bagdad von den amerikanischen an die irakischen Streitkräfte.

Aufgebaut wurde die JSS "Scheich Amir" etwa Anfang 2007 als kleines Basislager der Besatzungstruppen und des irakischen Heeres zum Kampf gegen die sunnitischen Aufständischen sowie gegen die in der Gegend besonders aktiven Terroristen von "Al Qaida im Irak". Damals, vor gut drei Jahren, wurden im Irak Dutzende solcher Stationen eingerichtet, in ländlichen Gebieten wie hier in Scheich Amir in der Provinz Salahuddin und vor allem in Bagdad.

Rückgrat im Kampf gegen Aufständische

Die JSS waren und sind das Rückgrat der neuen amerikanischen Strategie im Kampf gegen Aufständische. Diese Strategie hatte der damalige Befehlshaber der Koalitionstruppen im Irak, Heeres-General Petraeus, zunächst maßgeblich mit ausgearbeitet, um sie sodann im Irak erstmals zur Anwendung zu bringen. Die Bevölkerung, das ist der Grundgedanke der neuen "Counterinsurgency Strategy", könne man nur dann gewinnen, wenn man sie wirksam vor Gewalttaten der Aufständischen schütze und ihnen bessere Lebensbedingungen ermögliche. Dazu aber müssten die einheimischen und die mit ihnen verbündeten ausländischen Sicherheitskräfte mitten unter der Bevölkerung leben, die sie schützen sollen. Denn wenn sich die vermeintlichen Schutztruppen in ausladenden Heerlagern vor den Toren der Städte verschanzen, haben die Aufständischen leichtes Spiel, die Leute in ihren Dörfern und Stadtvierteln einzuschüchtern und sie auf ihre Seite zu zwingen.

Um mit der neuen Strategie Erfolg zu haben, braucht es viele Soldaten. Seit Beginn des Einmarsches im Irak vom März 2003 jedoch hatte die amerikanisch geführte "Operation Iraqi Freedom" unter einem chronischen Mangel an Soldaten gelitten. Die amerikanischen Truppen hatten zwar dank besserer Bewaffnung und Taktik leichtes Spiel mit Saddam Husseins Streitkräften, von denen nicht einmal die Eliteeinheiten der Republikanischen Garde nennenswert Widerstand leisteten. Doch nach dem Sturz des Regimes von Saddam zeigte sich bald, dass die Amerikaner zu wenig Soldaten im Irak hatten, um das Land nachhaltig zu stabilisieren.

Das Zweistromland versank im Chaos krimineller und terroristischer Gewalt; radikale Milizen der Sunniten und Schiiten brachten den Irak an den Rand des Bürgerkrieges. Erst die von Präsident Bush Ende 2006 befohlene Truppenverstärkung um knapp 30 000 auf dann 180 000 Mann brachte die Wende zum Besseren. Die Strategie zum Kampf gegen Aufständische erwies sich als erfolgreich; zudem wechselten die sunnitischen Milizen - die sich hinfort als "Söhne Iraks" oder als "Erweckungsbewegung" bezeichneten - die Seiten und kämpften fortan mit den Amerikanern gegen Al Qaida.

Ein Abzug von historischen Ausmaßen

Die Schaffung von gut hundert JSS, untergebracht in ehemaligen Supermärkten, Polizeistationen oder auch größeren Privathäusern, von denen aus amerikanische und irakische Soldaten Seite an Seite gegen radikale Milizen und Terroristen vorgingen, war das Fundament für die deutliche Reduzierung der Gewalt und die relative Stabilisierung in den Jahren 2008 und 2009. Nach gut drei Jahren schließlich werden die meisten JSS von den Amerikanern geräumt oder an das irakische Heer übergeben. Hinzu kommt, dass Präsident Obama die Reduzierung der amerikanischen Truppenstärke von derzeit knapp hunderttausend auf fünfzigtausend Soldaten bis Ende August befohlen hat. Im Irak vollzieht sich derzeit eine der größten Operationen zur Bewegung Zehntausender Soldaten samt Waffen und Ausrüstung seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, ohne dass die Welt davon Notiz nähme.

Die Zeremonie in der JSS "Scheich Amir" ist davon nur ein winziger Ausschnitt. Nach einigen einleitenden Worten eines amerikanischen und eines irakischen Offiziers werden vom Tonband die amerikanische und die irakische Nationalhymne gespielt. Dann folgen die Ansprachen Oberstleutnants John Lawrence und des Obersten Ahmed Walid; in denen ist viel von den großen Opfern die Rede, die nicht umsonst gewesen seien. Die poetischste Rede aber hält Scheich Abdul-Khadr, der das klare Wasser des Euphrat und des Tigris, das fruchtbare und gelobte Land zwischen den Strömen und die große Zukunft des neuen Iraks beschwört. Scheich Abdul-Khadr ist der Sohn von Scheich Amir, nach dem das nahe gelegene Dorf inmitten tatsächlich fruchtbaren Ackerlands und auch die JSS benannt sind. Scheich Amir fiel in Saddam Husseins Krieg gegen Iran, der von 1980 bis 1988 dauerte und den Irak um Jahrzehnte zurückwarf. Bisher waren es die Amerikaner, die Scheich Abdul-Khadr eine stattliche Pacht für die Nutzung des Grundstücks auf dessen ausgedehntem Stammesland zahlten. Die irakische Regierung hat dem Vernehmen nach die Pacht deutlich verringern können.

Dann kommt es zur Unterschrift der vorbereiteten Schriftstücke in arabischer und englischer Sprache. Für die irakische Seite unterzeichnet Samir al Haddad, der in der Regierung Maliki für die Übergabe aller von den Amerikanern genutzten Liegenschaften an die Iraker verantwortlich ist. Samir al Haddad reist seit Wochen von Norden nach Süden und von Westen nach Osten durchs Land und wohnt ungezählten Zeremonien wie jener in der JSS Scheich Amir bei. Zwischen den Verträgen und den Nationalfahnen, die der irakische Regierungsvertreter und der amerikanische Offizier austauschen, hat Oberstleutnant Lawrence seinen Tomahawk auf den Tisch gelegt, den er zu feierlichen Anlässen wie diesem mitzubringen pflegt. Nach der Unterschrift steckt Oberstleutnant Lawrence das indianische Kriegsbeil, dem das von ihm kommandierte Bataillon seinen Namen verdankt, wieder in den Gürtel seiner Hose und schreitet zum Bruderkuss mit Scheich Abdul-Khadr. Es ist, als beschwörten zwei Stammesführer in einem archaischen Ritual eine Waffengemeinschaft, die freilich nur so lange hält, wie sie für beide Seiten nützlich ist. Dann schreiten drei irakische Soldaten im Stechschritt über den Schotter und ziehen die irakische Flagge auf, die in Scheich Amir künftig alleine wehen wird.

Wachtürme und Klimaanlagen

Zuletzt waren hier etwa fünf Dutzend amerikanische Soldaten gemeinsam mit rund 75 Irakern stationiert. Anschläge oder gar Kämpfe gab es hier seit Monaten nicht mehr. In den vergangenen Wochen haben die letzten Amerikaner von Scheich Amir fieberhaft gearbeitet: Sie haben Waffen und Munition verpackt, Klimaanlagen und Kaffeemaschinen für den Transport vorbereitet, Computer, Telefone und kilometerweise Kabel verstaut, die gepanzerten Fahrzeuge ein letztes Mal überholt und den Reifendruck geprüft. Und sie haben ein zweisprachiges Programm drucken lassen für die Übergabezeremonie der ehemaligen JSS Scheich Amir, die jetzt ein Stützpunkt des irakischen Heeres wird. Die Wachtürme, die Sicherungsanlagen, die tonnenschweren Wände aus Beton zum Schutz gegen Granatbeschuss sowie die Wohncontainer - abzüglich der Klimaanlagen - haben die Amerikaner den Irakern überlassen.

Die Erinnerung an ihre gefallenen Kameraden aber nehmen die Soldaten vom Bataillon "Tomahawk" mit: Die gerahmten Fotos der Gefallenen sind längst abgehängt und verpackt, und die große Betonwand am Eingang zum Befehlsstand, auf der zusätzlich deren Namen, Rang und Sterbedaten verzeichnet waren, ist mit grauer Farbe überstrichen worden. "Ich gehe in der festen Überzeugung, dass das ultimative Opfer, das unsere Männer hier gebracht haben, nicht vergebens war", sagt Oberstleutnant Lawrence. "Sie und ihre Familien zu Hause in Amerika haben allen Grund, stolz zu sein", sagt Scheich Abdul-Khadr und bekräftigt, auf dem Gebiet seines Stammes seien "die Terroristen" ein für alle Mal besiegt. Bald sitzen die amerikanischen Soldaten auf. Ein letztes Mal fahren die gepanzerten "Humvee"-Jeeps und die "Stryker"-Radpanzer des Bataillons "Tomahawk" von ihrem Stützpunkt Scheich Amir in die Ebene zwischen Euphrat und Tigris hinaus. Die Zeitgeschichte ist weitergezogen. Schon legt sich der feine weißgelbe Staub über die Spuren.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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