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Der Papst und seine Landsleute Die Polen ins Herz getroffen

03.04.2005 ·  Am „Tor der Schmerzensmutter“ in Tschenstochau ist der Strom langsamer geworden, an den Türflügeln der Basilika ist er schließlich zum Stillstand gekommen. Der Tod des Papstes trifft seine Landsleute ins Herz.

Von Konrad Schuller
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Vorhof der Festung, Sonne, Stille, Samstag nachmittag. Vor dem „Tor der Königin von Polen“ hat der Strom sich gestaut, am „Tor der Schmerzensmutter“ ist er langsamer geworden, an den Türflügeln der „Basilika der Auffindung des Heiligen Kreuzes und der Geburt der Jungfrau Maria“ im ersten Vorhof ist er schließlich zum Stillstand gekommen. Das Kloster Jasna Gora, der „Helle Berg“ in Tschenstochau, die so oft besiegte und immer wieder neu aufgerichtete Glaubensburg des katholischen Polen mit ihren Wällen, Gräben und glockengeschmückten Basteien, nimmt viele auf, aber so viele dann doch nicht.

Der Papst stirbt. „Christus öffnet ihm die Tür“, war die Botschaft der Morgenstunden gewesen. Man hatte sie lange erwartet, diese Botschaft, man hatte sie in lindem Grausen gefürchtet und zugleich fast hoffend vorhergewußt - genauso, wie man im Rosenkranz das „Jetzt und in der Stunde unseres Todes“ fürchtet und hoffend vorher weiß, wenn die Perlen durch die Finger gleiten. Man nimmt es mit Schrecken, doch auch mit hoffender Gefaßtheit, denn auch dieses weiß der Rosenkranz: auf die Mysterien des Schmerzes folgen die Geheimnisse des Ruhms.

So hat man sich also aufgemacht im letzten Tageslicht, man ist hinaufgestiegen auf den „Mons Clarus“, grüppchenweise oder einzeln, in jugendlichen Freundeskreisen oder in kompletten Sippschaften vom Großvater am Stock bis zum Säugling in der Windel, um diesen Abend und diese Nacht an jenem Ort zu durchwachen, der dem sterbenden Papst unter den Orten seiner Heimat der liebste war: Ganz innen im geistlichen Labyrinth der Türme, Kapellen, Durchlässe und Höfchen auf dem Gipfel des Klosterberges, in der „Kaplica Matki Bozej“ unter den wissenden Augen von Polens heiligstem Heiligenbild, der Schwarzen Madonna von Tschenstochau.

Noch die Krone für die Madonna von Tschenstochau gesegnet

Grund genug gibt es jedenfalls für diese Ortswahl. Daß die Klosterleitung gerade mitteilen ließ, der Papst habe noch am Freitag in seiner möglicherweise letzten bewußten Handlung eine Krone für die Madonna von Tschenstochau gesegnet, kann allenfalls der letzte Anlaß sein. Der tiefere Grund aber ist, daß kein Symbol des Glaubens den Polen und dem polnischen Papst jemals näherstand als dieses wundertätige Heiligenbild, dessen rechte Wange durch eine blutende Doppelnarbe entstellt ist, die Spur eines fremden Säbels aus einer der vielen Invasionen in der Geschichte dieses Landes. So alt wie der Glaube selbst ist dieses Bild der Legende nach, älter als Burg, Berg und Kapelle, älter als Polen selbst. Der Evangelist Lukas selbst habe es gemalt, sagt die Überlieferung, und als Malgrund habe ihm der Tisch der Heiligen Familie gedient.

Abend und erster Wind, Vorhof der Basilika. Der Abend kommt, und es ist nicht daran zu denken, die Jungfrau zu sehen. Denn selbst wenn es gelänge, den Hof zu durchmessen, sich an all den eleganten Damen in ihren Stöckelschuhen, den Kleinbürgerfrauen in ihren dicken Mänteln, an all den schnauzbärtigen Handwerkern und den bezopften kleinen Mädchen vorbeizuzwängen, müßte man immer noch den engen Durchgang an den Königlichen Gemächern durchmessen, den Hof des Konventsgebäudes, den Vorraum der Kapelle und schließlich die Kapelle selbst. Überall aber stehen undurchdringlich Männer, Frauen, Kinder.

Nur manchmal bildet sich aus unerfindlichen Gründen eine kleine Strömung im Menschenmeer, und dann geht es ein wenig weiter. So wartet man also, wie nur Polen zu warten gelernt haben, in all den Warte-Epochen zwischen den Jahrhunderten der nationalen Zerstückelung und den Jahrzehnten der kommunistischen Fremdherrschaft - nicht verzweifelt, nicht dramatisch erregt, aber unbeirrt, betend, singend, und meist nur in tiefer, gemeinsamer Wortlosigkeit. Nur ab und zu stört das Quäken eines Säuglings die Stille und legt Zeugnis ab von der Jugendlichkeit dieser katholischen Nation. Es ist nach acht, und in Rom beginnt die letzte Stunde im Leben Johannes Pauls des Zweiten, der wie keiner vor ihm sein Alter, seine Hinfälligkeit und jetzt sein Sterben zum Schauspiel des Glaubens gemacht hat.

Das Innerste seiner Landsleute getroffen

Ein letztes Mal trifft Karol Wojtyla, der polnische Papst, damit das Innerste seiner Landsleute. Denn der Sinn für die Größe des Leidens, der Sinn für das Erdulden der Vernichtung, der „Märtyrermythos“ einer Nation, die über Jahrhunderte zerteilt war, die den Holocaust auf ihrem Boden erlebte, deren Land auf der Karte Europas umhergeschoben wurde wie ein leerer Koffer, und die dennoch immer wieder erstanden ist, gehört zu den Konstanten Polens. Keiner hat diesen Mythos gelebt wie Karol Wojtyla. Im Zweiten Weltkrieg, als die Nazis millionenfach polnische Intellektuelle, Beamte und Geistliche ermordeten, um das unterworfene Rest-Volk zur Sklavenherde zu machen, faßte er, der eigentlich mit Schauspielerei und Literatur geliebäugelt hatte, den Entschluß, den Platz eines soeben ermordeten Priesters einzunehmen.

Als Bischof von Krakau und später als Papst gab er nicht nur Männern wie Lech Walesa Inspiration und Selbstvertrauen, sondern all den knapp zehn Millionen Polen, die 1980, unter höchstem Risiko mitten in der Diktatur der Oppositionsgewerkschaft „Solidarität“ beitraten. Jetzt hat er in seinem exemplarischen Leiden und Sterben abermals gezeigt, wie der Glaube über die Grenzen des Lebens hinauswachen kann.

Sie erkennen sich wieder in diesem Bild, die Tausenden dieser letzten Nacht auf den winkligen Höfen und in den verschachtelten Kirchenschiffen von Tschenstochau, und sie erkennen auch ihre schwarze Madonna mit den Wundmalen wieder. Es zog sie zu ihr in der Nacht des Abschieds, und wer zu warten verstand, ist nicht ohne Lohn geblieben. Die winzigen Ströme und kleinen Schübe in der Menschenmenge sind immer wiedergekommen, immer wieder kam ein Fußbreit hinzu, ein Kirchenschiff erwies sich als passierbar, und unerwartet, nach einer letzten Biegung, war sie plötzlich da: ganz hinten in einem schmalen vergitterten Chor, umhängt von den übriggebliebenen Krückstöcken ihrer zahllosen Heilungsmirakel, und überwölbt von dem barocken Schlachtenbild einer jener ebenso zahllosen Belagerungen, die die Gottesfestung in ihrer Geschichte durchstehen mußte, so oft und so blutig, daß, wie ein Lied es sagt, am Hellen Berg „ein neues Golgatha entstand“.

„Maria, Königin Polens“ hatten sie gerade gesungen

Hier war es, daß die Nachricht kam. Die Menge war eng zusammengerückt, viele kleine Ströme und Schritte hatten eine Ansammlung von Leibern, Mützen, Mänteln ergeben. Atem hatte sich mit Atem gemischt, Manteldampf mit Manteldampf, und es war so heiß geworden, daß in die ersten Gesichter schon fiebrige Röte stieg. „Maryjo, Krolowo Polski“ - „Maria, Königin Polens“ hatten sie gerade gesungen, jenen großen Choral aus der Zeit, als es kein Polen gab, außer dem in den Herzen der Menschen.

Wie ist es gewesen, als es endlich so weit war? Irgend jemand muß es jemandem zuerst gesagt haben, irgend jemand muß der Bote gewesen sein. Kaum einen Lidschlag später aber wußten es alle. Man hatte mit erschreckten Augen seine Liebsten gesucht und in ihren Blicken die Bestätigung gelesen. Das Lied erstarb, und eine endlose Sekunde erstickte ein Schweigen das Kirchenschiff, das so notvoll und atemlos war, daß die ersten Schluchzer, die dann doch endlich aus den ersten Kehlen brachen, fast erlösend wirkten. Dann erst, als das Weinen anschwoll und schließlich alles erfüllt war davon, sanken Mann, Frau und Kind in die Knie.

Sie haben lange schweigend so auf Knien gelegen, lang genug, um alle Tränen zu vergießen und dann doch die Augen zu trocknen, um die Nasen zu schnäuzen und schließlich wieder Stille einkehren zu lassen. Der Mann war gestorben, der wie kein anderer bis zur letzten Minute den Mythos vom polnischen „Christus unter den Nationen“ verkörpert hatte. Man hatte geweint, und nun war es gut. Als wir die Kapelle verließen und im Glockenschwall in die Nachtluft traten, knieten sie immer noch da. Die Schwarze Madonna aber sah hinunter auf ihr Polen, das auch sie so oft nicht hatte schützen können, und das dennoch mit größter Selbstverständlichkeit den Tod des Heiligen Vaters als persönlichen Vatertod begriff. Wer den Kopf hob und ihren Blick suchte, konnte jene unendlich ernsten, unerträglich direkten Augen sehen, von denen niemand weiß, ob sie aus tiefstem Leid die Seligkeit erschauen, oder aus höchster Seligkeit das Leid.

Quelle: F.A.Z., 04.04.2005, Nr. 77 / Seite 11
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Jahrgang 1961, politischer Korrespondent für Polen und die Ukraine mit Sitz in Warschau.

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