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Der Papst in Amerika Hello, Schalom, Grüß Gott

20.04.2008 ·  Der Besuch von Benedikt XVI. in Amerika gilt schon jetzt als historisch. Weil der Papst deutliche Worte über seine Kirche und die Politik fand. Und zugleich traf er stets den rechten Ton.

Von Matthias Rüb
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Papst Benedikt XVI. hat das Herz Amerikas gewonnen. Und den Geist dazu. Was immer er bis zum Samstag auf seinem sechstägigen Staats- und Hirtenbesuch in Washington und New York unternahm, ob er bei Messen unter freiem Himmel die prächtige Mitra trug oder bei Treffen im Weißen Haus, bei den Vereinten Nationen und in Gotteshäusern den kleinen weißen Zucchetto, er schien stets das Richtige zu tun. Dazu schien die Sonne von einem prächtigen Himmel. Es war nicht zu heiß und nicht zu kalt. Schließlich durfte Joseph Ratzinger aus Marktl am Inn am Mittwoch in Washington seinen 81. Geburtstag feiern, und Benedikt XVI. aus Rom konnte am Samstag in New York den dritten Jahrestag seiner Papstwahl begehen.

Wer an den Papst als Nachfolger des Simon Petrus und als Statthalter Jesu Christi auf Erden glaubt, der musste Gottes Segen über dem ersten Besuch Benedikts XVI. in den Vereinigten Staaten erkennen. Er hat ihn auch bitter nötig gehabt. Da ist zuerst der Skandal um den tausendfachen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch katholische Priester und Ordensbrüder. Die amerikanische Bischofskonferenz ist in einer eigenen Untersuchung zu dem Ergebnis gekommen, dass sich seit 1950 mehr als 5000 Priester und Ordensleute am Leib und zumal an der Seele von etwa 12.000 Kindern vergangen haben. Statistiker wollen herausgefunden haben, dass der Anteil der Sexualverbrecher in Soutane und Kutte unter dem gesamten Klerus der katholischen Kirche während jenes halben Jahrhunderts bei 0,2 Prozent gelegen habe. Es waren Bischöfe, die durch Vertuschen und Verleugnen den Schatten eines in den allermeisten Fällen gewiss unbegründeten Verdachts auf alle geworfen haben.

Eine Wende zur Null-Toleranz-Politik

Der angerichtete Schaden ist immens, und er ist global. Er lässt sich jedenfalls durch die rund zwei Milliarden Dollar für Schadensersatzzahlungen und Anwaltskosten nicht beziffern, welche die katholische Kirche in den Vereinigten Staaten mittlerweile hat aufbringen müssen. Sechs Diözesen haben wegen der Zahlungen ein Konkursverfahren eingeleitet, Dutzende Priester wurden schließlich doch aus dem Dienst entfernt, in Kirchen und katholischen Schulen wurde eine Art Frühwarnsystem eingerichtet, um weitere Missbrauchsfälle zu verhindern.

Wenn nicht alles täuscht, hat Benedikt XVI. mit seinen Aussagen und zumal mit seinem Verhalten während des Amerika-Besuches die Wende zu jener "Null Toleranz"-Politik gegenüber sexuellem Missbrauch vollzogen, die schon Johannes Paul II. verkündet hatte, die durchzusetzen er aber zu schwach oder auch unwillens war. Schon auf dem Flug nach Washington äußerte Benedikt XVI. "tiefe Scham" über den Missbrauchsskandal; beim Treffen mit Kardinälen und Bischöfen maßregelte er die amerikanische Kirche für den mitunter "schlechten Umgang" mit den Verbrechen.

Als Staatsmann und Intellektueller fand er den richtigen Ton

Der seelsorgerische Höhepunkt seines Pastoralbesuchs folgte dann am Donnerstagnachmittag, nachdem der Papst schon am Morgen bei der Messe unter freiem Himmel ein weiteres Mal den "unbeschreiblichen Schmerz und Schaden" beklagt hatte, der durch den Missbrauch angerichtet worden sei: Er kam in der Kapelle der päpstlichen Nuntiatur in Washington mit fünf Missbrauchsopfern aus der Erzdiözese Boston zusammen, ohne dass das Treffen zuvor im offiziellen Programm angekündigt worden wäre. Er hörte ihre Klage, sah ihre Tränen, bat um Verzeihung und betete mit ihnen. Es war, nach allem was man weiß, das erste Treffen eines Papstes mit Opfern von Sexualverbrechen katholischer Geistlicher. Schon tags darauf wurde der erste Pastoralbesuch Benedikts XVI. in den Vereinigten Staaten wegen seines Umgangs mit dem Missbrauchsskandal als historisch bewertet.

Aber auch als Staatsmann und christlicher Intellektueller fand Benedikt XVI. den rechten Ton. Beim Empfang im Weißen Haus durch George W. Bush sowie bei seiner Predigt im Washingtoner Baseball-Stadion pries der Papst die religiöse Vitalität der Vereinigten Staaten. Leidenschaftlich bekräftigte Benedikt XVI. die aus dem Glauben an den Schöpfergott geborenen amerikanischen "Ursprungsideen" der Freiheit und der Gleichheit - nicht ohne an die amerikanischen "Ursprungssünden" der Versklavung der Schwarzen und des an den Indianern begangenen Unrechts zu erinnern. Er würdigte die Bereitschaft der Vereinigten Staaten, die Freiheit daheim und in aller Welt zu verteidigen. Über alles aber stellte der Papst die amerikanische Charaktereigenschaft der Hoffnung, die Schwester der christlichen Tugend der Hoffnung.

An Ermahnungen ließ es Benedikt nicht fehlen

An Ermahnungen, dass gerade der Starke sich an die Regeln des Völkerrechts und an die Instrumentarien multilateralen Handelns halten müsse, ließ es der Papst weder bei seinen Reden in Washington noch gar vor der UN-Vollversammlung in New York fehlen. Das Stichwort "Irak" - der Vatikan hat die amerikanische Invasion von Beginn an abgelehnt - musste der Papst dabei gar nicht beim Namen nennen. Die Förderung der Menschenrechte, deren Grundlage der Glaube an den Schöpfergott und an den gottebenbildlichen Menschen sei, bleibe "die wirksamste Strategie, um Ungleichheiten zwischen Ländern und sozialen Gruppen zu beseitigen und um die Sicherheit zu erhöhen". Seine Rede war zugleich naturrechtsphilosophisches Grundsatzreferat und religiös begründetes Bekenntnis zum Multilateralismus, welches auch das Recht und die Pflicht zur Intervention im Rahmen einer UN-Mission einschließe, wenn Staaten ihrer Aufgabe des Schutzes der universalen Menschenrechte nicht nachkämen.

Stets war die dogmatische Mahnung Benedikts, Freiheit nicht ohne Glaube zu denken, von der Bereitschaft zum Dialog begleitet. Als erster Papst besuchte Benedikt in der Nacht zum Samstag ein jüdisches Gotteshaus in der "Neuen Welt": In der Park East Synagoge in Manhattan begrüßte der aus Wien stammende Rabbiner und Holocaust-Überlebende Arthur Schneier den Gast mit "Schalom" und mit einem auf Deutsch gesprochenen "Grüß Gott!" zu dem als "historisches Ereignis" bezeichneten Besuch.

Für Sonntag sind ein Besuch der Gedenkstätte für die Opfer der Terroranschläge vom 11. September 2001 am "World Trade Center" sowie die große Freiluftmesse im Baseball-Stadion der "Yankees" vorgesehen. In der Nacht zum Montag will der Pontifex vom Hirtenbesuch bei seiner drittgrößten katholischen Herde mit 70 Millionen Seelen nach Rom zurückkehren.

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