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Der Massenmörder von Utøya Das Böse

Anders Breivik war zurechnungsfähig, schuldfähig. Doch was ist beängstigender: die Wahl zu haben oder keine Wahl zu haben? Seine Tat war in ihrer Planung und in ihrer Ausführung schrecklicher als vieles andere.

© REUTERS Vergrößern Zurechnungsfähig, schuldfähig - so hat das Gericht am Freitag bei Breivik entschieden

Ein Mann hat einmal gesagt, man solle eine helle Lampe mitnehmen, wenn man einen sehr dunklen Ort betrete. Und man solle die Lampe auf alles richten. „Will man nichts sehen, wozu sollte man sich dann um Himmels willen überhaupt ins Dunkel wagen?“ Der Mann heißt Stephen King. Er gilt vielen als Horrorschreiber. Ein Wort, das oft abfällig gemeint ist. Doch King hat Erfolg mit seinen Geschichten über den Menschen, über das Böse. Das Grauen fasziniert und beschäftigt. King ist aber nicht nur erfolgreich, weil er das erkannt hat, sondern auch, weil er sein Handwerk als Schriftsteller beherrscht. Weil er die Gabe hat, zu beobachten, was um ihn herum geschieht. Schlechtes Schreiben, sagt King, entstehe „meistens aus einer hartnäckigen Weigerung, davon zu erzählen, was Leute wirklich machen - sich beispielsweise der Tatsache zu stellen, dass auch Mörder manchmal alte Damen über die Straße geleiten“.

Manchmal nehmen gewalttätige Ehemänner ihre Frauen in den Arm und streichen ihnen liebevoll mit der Hand über die Wange, bevor sie ihnen irgendwann die Knochen brechen. Manchmal sitzen Kindermörder daheim bei den eigenen Kindern auf der Bettkante und lesen ihnen eine Gutenachtgeschichte vor. Schlaf schön. Manchmal sitzt ein Mörder bei seinen Freunden, und sie ahnen nicht, dass ein Ungeheuer mit ihnen lacht.

Breivik © dpa Vergrößern Manchmal sitzt ein Mörder bei seinen Freunden, und sie ahnen nicht, dass ein Ungeheuer mit ihnen lacht

Vielleicht hat auch Anders Behring Breivik alten Damen über die Straße geholfen. Können Sie sich das vorstellen? Ihn so betrachten, als Menschen, ganz banal? Breivik hat ein Leichentuch über die Insel Utøya gelegt. Er hat gemordet. Er hat dem Bösen ein Antlitz gegeben. Hannah Arendt hat von der „Banalität des Bösen“ gesprochen. Das Böse ist nicht banal. Der Täter mag es sein. Die Tat ist es nicht. Sie ist kein Theorem, keine Deutung - die Tat ist die Wirklichkeit ihrer Opfer. Und diese Wirklichkeit kann überall erscheinen, so wie das Böse überall auftauchen kann, in jedem Menschen, ihn verführen, ihn besitzen und nutzen kann.

Der Journalist Eugen Sorg hat nach Jahren, die er als Reporter in Kriegen verbracht hat, ein bemerkenswertes Buch geschrieben. Es heißt „Die Lust am Bösen“. Sorg schreibt, dass unsere westliche Gesellschaft von einem Therapeutismus ergriffen worden sei. Um das Böse im Menschen zu erklären, werde nach Urkränkungen, nach Demütigungen gesucht. Nach einem Opfer, das später zum Täter wird. Doch das Böse sei eine eigenständige Kraft, meint Sorg: „Es ist nicht heilbar, nicht umerziehbar, nicht wegfinanzierbar.“ Und er sagt noch etwas: Der Mensch habe einen freien Willen. Er könne entscheiden, ob er etwas tun wolle oder nicht. Ob er tötet oder nicht. Er habe die Wahl. Wenn er sich für das Böse entscheide, so wisse er, was er tue. In der Bibel steht: „Seht, der Mensch ist geworden wie wir; er erkennt Gut und Böse.“ Zurechnungsfähig, schuldfähig - so hat das Gericht am Freitag bei Breivik entschieden.

Breivik © AFP Vergrößern Manche Menschen sind auf die gleiche Weise böse, wie manche Dinge tiefblau sind

Es gibt einen Roman von Stephen King, in dem ein junger Vater dem Bösen anheimfällt. Weil ein mystisches Wesen mit Namen Atropos mit einem rostigen Skalpell eine Ballonschnur von der Aura des Vaters schneidet. Sie wird schwarz. Das war’s. Keine freie Wahl. Früher, bevor der Therapeutismus sich durchsetzte, gab es eine einfache Erklärung für Täter wie Breivik: Sie sind von Dämonen besessen.

Was ist beängstigender: die Wahl zu haben oder keine Wahl zu haben? Das eine bedeutet, ein Mensch kann sich freiwillig dafür entscheiden, zum Massenmörder zu werden. Das andere bedeutet, er wird es eben. Terry Eagleton schreibt in seinem Buch „Das Böse“ von einem Kreisschluss: „Menschen tun Böses, weil sie böse sind. Manche Menschen sind auf die gleiche Weise böse, wie manche Dinge tiefblau sind. Sie verüben ihre bösen Taten nicht, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, sondern weil sie sind, wie sie sind. Würde das aber nicht bedeuten, dass sie gar nicht anders können ...?“

Breivik © dapd Vergrößern Männer wie Breivik bleiben böse. Ob sie sich entschieden haben, es zu sein, oder ob jemand die Ballonschnur durchgeschnitten hat

Eugen Sorg beendet sein Buch mit den Worten von Baudelaire: „Die größte List des Teufels war es, uns zu überzeugen, dass es ihn nicht gibt.“ Sorg und auch King hat der Teufel nicht überzeugt. Sie glauben an das Böse als zeitlose Macht. In welcher Form es in die Menschen kommt oder bereits in ihnen ist, spielt keine Rolle. Was ändert es? Die Tat, die Dunkelheit bleibt. Das Böse bleibt. Und der Täter? Auch Männer wie Breivik bleiben böse. Ob sie sich entschieden haben, es zu sein, oder ob jemand die Ballonschnur durchgeschnitten hat.

Breiviks Tat war in ihrer Planung und in ihrer Ausführung schrecklicher als vieles andere. Als das alltägliche Böse, an das wir uns gewöhnt haben und das wir doch nicht sehen wollen. King hat oft in die Dunkelheit geleuchtet. Dennoch sagt er, dass er gerne in den Sonnenschein zurückkehre. Weil er glaubt, „dass die meisten Menschen im Grunde genommen gut sind“. Dass sie wunderbar gemacht sind.

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Quelle: F.A.S.

 
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