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Australien : Der Kindesmissbrauch hatte System

Der Erzbischof von Melbourne, Denis Hart, bat am Freitag im Namen der katholischen Kirche um Entschuldigung bei den Opfern. Bild: dpa

Zehntausende australische Kinder waren seit den fünfziger Jahren Opfer sexuellen Missbrauchs. Zu den Tätern gehörten auch Priester, Lehrer und Sporttrainer.

          Der Missbrauch, den Peter Blenkiron erlebte, liegt schon einige Jahrzehnte zurück. Aber die Einzelheiten schockieren noch immer. So war Blenkiron als elf Jahre alter Junge von einem katholischen Laienbruder im Klassenraum unsittlich angefasst worden, während seine Klassenkameraden nach vorne schauen mussten. Später verging sich der Mann noch auf schlimmere Weise an dem Jungen in seinem Privatzimmer im Schulgebäude. Die Schule lag in dem Ort Ballarat im Bundesstaat Victoria, in dem sich seit den sechziger Jahren eine extreme Häufung von Fällen des Kindesmissbrauchs ereignet hatte.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Zu den Tätern gehörten auch Priester, Lehrer, Sporttrainer und andere Mitarbeiter staatlicher und kirchlicher Institutionen. Es waren Menschen, die eigentlich den Auftrag hatten, eine sichere und förderliche Atmosphäre für Kinder und Jugendliche zu schaffen. Doch wie eine australische Kommission am Freitag in ihrem Abschlussbericht feststellte, war in Australien erschreckend häufig das Gegenteil der Fall. So hat sie in den fünf Jahren ihres Bestehens von Kindesmissbrauch in rund viertausend kirchlichen und staatlichen Institutionen erfahren. Zehntausende australische Kinder waren seit den fünfziger Jahren Opfer sexuellen Missbrauchs. Viele der Opfer waren nicht einmal zwölf Jahre alt.

          Nicht nur „ein Fall von ein paar faulen Äpfeln“

          Australiens Premierminister Malcolm Turnbull sprach am Freitag davon, dass die Kommission in ihrem Bericht eine „nationale Tragödie“ offengelegt habe. Die tatsächliche Zahl der Opfer wird wohl nie bekannt werden. Das Ausmaß des Missbrauchs dürfte aber viel größer sein, wie die Kommission in ihrem Abschlussbericht zugab, der insgesamt 17 Bände und zigtausende Seiten umfasst. Der Kindesmissbrauch habe sich über Generation in vielen Institutionen ereignet, in manchen Fällen sogar von diversen Tätern mit mehreren Opfern. Es sei nicht nur „ein Fall von ein paar faulen Äpfeln“.

          Die wichtigsten gesellschaftlichen Institutionen hätten versagt, urteilte die Kommission. Den Opfern sei oft nicht geglaubt worden, weder von Polizei noch von anderen Behörden. Insbesondere religiöse Institutionen hätten Fälle verschleiert und die Täter oft nur an andere Orte versetzt, wo sie weiter Kontakt mit Kindern gehabt hätten. Die Probleme seien so verbreitet und so abscheulich, dass es schwer zu fassen sei.

          Die Kommission empfahl in ihrem Bericht mehrere Schritte, um Fälle institutionellen Missbrauchs künftig zu verhindern. Dazu gehören neue Gesetze, die Einrichtung einer Kinderschutzbehörde und einer Hotline, um Missbrauchsfälle zu melden. Die Regierung in Canberra kündigte an, die Empfehlungen der Kommission zu prüfen. Malcolm Turnbull will dafür schon im Januar eine Arbeitsgruppe einsetzen.

          Ein Rütteln an den katholischen Grundfesten

          Insbesondere für die katholische Kirche rütteln einige dieser Empfehlungen an ihren Grundfesten. So regte die Kommission an, die Zölibatspflicht für Priester aufzuheben sowie das Beichtgeheimnis zu lockern. Geht es nach ihr, sollen Priester in Zukunft Missbrauch melden können, von dem ihnen im Beichtstuhl berichtet wird. Der Vorsitzende der australischen Bischofskonferenz und Erzbischof von Melbourne, Denis Hart, bat am Freitag noch einmal im Namen der katholischen Kirche um Entschuldigung bei den Opfern. Die Vorschläge zur Änderung des Zölibats und des Beichtgeheimnisses wies der Erzbischof jedoch zurück. Die Beichte sei eine heilige, spirituelle Einrichtung. Das Zölibat könne nur der Vatikan selbst ändern. Die Kirche nehme die Empfehlungen der Kommission aber sehr ernst, sagte der Erzbischof.

          Die katholische Kirche ist besonders stark von dem Skandal betroffen. Der Kommission zufolge wurde gegen sieben Prozent der australischen Priester Anschuldigungen erhoben. In einem Orden soll sogar jeder zweite Priester an Kindesmissbrauch beteiligt gewesen sein. Mehr als sechzig Prozent der Opfer wurden in Einrichtungen der katholischen Kirche missbraucht.

          Die ehemalige Premierministerin Julia Gillard hatte die „Royal Commission“ im Jahr 2012 ins Leben gerufen. Ihre Mitglieder haben in fünf Jahren fast achttausend Opfer befragt. Es ist eine der größten Untersuchungen zu Kindesmissbrauch weltweit. Dieser Aufwand kostete viel Geld. Die Kommission schätzt die Kosten ihrer Arbeit auf 342 Millionen australische Dollar, umgerechnet etwa 220 Millionen Euro.

          Die Missbrauchsopfer warten nun darauf, dass die Regierung sie entschädigt. Peter Blenkiron hat sich lange Zeit in einer Selbsthilfegruppe für die Opfer sexuellen Missbrauchs in Ballarat eingesetzt. Aus dem Ort stammt auch der bisher prominenteste Geistliche in Australien, gegen den Missbrauchsvorwürfe erhoben wurden, der 76 Jahre alte Kurienkardinal George Pell. Er war lange für die Finanzen des Heiligen Stuhls zuständig, wurde dann aber beurlaubt. Die nächste Anhörung im Fall Pell soll im März stattfinden.

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